Mit dem Slogan "Be Berlin" wirbt die deutsche Hauptstadt in aller Welt. Berlin wird als Lebensgefühl verkauft, als Stadt, die nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg und nach 40 Jahren Teilung wieder im Werden ist und ihre Kraft aus der Baustelle Metropole mit seinen vielen Provisorien, Gegensätzen und Experimenten saugt – gelegentliches Scheitern eingeschlossen. Die meisten Berliner fühlen sich wohl in dieser unübersichtlichen, aber spannenden und manchmal natürlich auch provinziellen Melange, der der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit das Etikett "arm, aber sexy" verpasst hat. Vor allem viele junge Leute ziehen deshalb nach Berlin. Auch Touristen kommen in Massen.

Doch längst hat Berlin der Mut verlassen. Das Motto der Stadt heißt nicht mehr "be neugierig, be kreativ, be Zukunft", sondern "be feige, be langweilig, be Vergangenheit". Das alte Stadtschloss der Hohenzollern, dessen Ruine 1950 von der DDR-Führung gesprengt wurde, soll wiederentstehen, mit seiner rechteckigen Kubatur, der Schlüterschen Kuppel und der barocken Fassade, zumindest an drei Seiten. Nur die gen Osten gerichtete Fassade soll vom Original abweichen, dafür darf an der Geschosshöhe und den Fensterformaten nicht gerüttelt werden.

So hat es der Bundestag beschlossen, so wird es nun mit bürokratischem Eifer in die Tat umgesetzt, und daran hat sich auch der Sieger des Architektenwettbewerbs gehalten, der an diesem Freitag in Berlin gekürt wurde.

Der italienische Architekt Francesco Stella hat möglicherweise das Beste aus den rigiden Vorgaben gemacht. Er war darum bemüht, eine innovative Lösung zu finden. Er will in einen der beiden Schlosshöfe modern hineinbauen und auf der Ostseite des Schlosses eine Art Belvedere entstehen lassen, der neue Blicke zum Lustgarten und zum Alexanderplatz öffnet. Selbstredend wird er von der Jury, die ihn einstimmig zum Sieger bestimmt hat, gefeiert. Aber vor einer abschließenden Bewertung werden seine Pläne wohl erst im Detail unter die Lupe genommen werden müssen. Aber vor allem bleibt das Schloss ein Schloss.

Im Herzen der Stadt entsteht also ein Stück Preußen neu. Spannend ist das nicht. Die finstere und verschlossene Fassade verlängert nur die Ansammlung von alten Prachtbauten, die den Boulevard Unter den Linden zwischen Brandenburger Tor und Berliner Dom säumen.

Welch eine Symbolik! Honeckers Palast der Republik musste weichen, weil er an den sozialistischen deutschen Staat erinnerte. Doch statt an diesem exponierten Ort der Hauptstadt nun etwas Zukunftsweisendes zu errichten, mit zeitgenössischer Architektur eine neue, alte Mitte Berlins zu kreieren, die die zusammenwachsende Stadt und eine selbstbewusste Demokratie symbolisieren, hat vor allem bei den Politikern die Sehnsucht nach Geschichte die Oberhand gewonnen.