Athen am frühen Nachmittag, im einst noblen Stadtviertel Kolonaki, oberhalb des Syntagma-Platzes. Die Straßen sind menschenleer, fast alle Parkplätze sind frei, nur wenige Autos fahren, eine kalte Brise durchweht den Stadtteil, die ganze Szenerie erinnert an einen Italo-Western. Die Schaufenster der meisten Geschäfte und Läden sind mit schwarzem Nylon bedeckt, bei anderen sind die Scheiben zerborsten, man tritt auf Splitter. Athen, im Dezember, drei Tage nach der Erschießung des 15-jährigen Schülers Alexandros Grigoropoulos, ein Tag nur nach den großen Kravallen. Bilder, die seit Sonntag die griechische Hauptstadt prägen.

Was macht diesen Jugendaufstand aus, fragt man sich im In- und Ausland. Wie erklärt sich dieser Gewaltausbruch, der die griechische Gesellschaft so tief erschüttert hat?

Der tödliche Schuss eines Polizisten zündete eine Zeitbombe, die in Griechenland bereits seit Jahren tickt. "Generation Frust" könnte man die soziale Bewusstseinslage der griechischen Jugend überschreiben. Ihre Vätergeneration wuchsen nach der Junta-Zeit 1967-1974 in politischer Stabilität und Wohlstand auf und nähren davon noch heute. Nur, sie verstehen ihre Kinder nicht mehr.

Griechenland ist im Grunde eine langweilige Demokratie. Ein Zwei-Parteien System sorgt für regelmäßige Regierungswechsel, die politischen Clans der Karamanlis, Papandreou, Mitsotakis stellen seit 30 Jahren den Premierminister. Doch die Vorherrschaft der Sozialisten in Regierung und Staatsapparat ermöglichten in den vergangenen 20 Jahren den Auf- und Ausbau eines weit verzweigten Korruptionssystems. Hinzu kommt ein Bildungssystem, das seit Jahrzehnten weder Bildung noch Erziehung bietet, geschweige denn Aussicht auf einen existenzsichernden Arbeitsplatz.

Das heutige Griechenland ist eine gespaltene Gesellschaft: Die systemkonforme, konsumgierige Vätergeneration - fast jeder zweite Haushalt verfügt über zwei Autos, fast jede dritte Familie über zwei Eigentumswohnungen - trifft auf eine "No Future" - Generation zwischen Netcafes und SMS, die längst ein Kauderwelsch spricht, das die Älteren nicht mehr entschlüsseln können.