Jugendkrawalle in Griechenland Frust, Wut, LustSeite 2/2
Sicherlich, ähnliche Trends beobachten Experten auch in Berlin-Kreuzberg, im Hamburger Schanzenviertel oder gar in den Banlieus von Paris. Doch ein direkter Vergleich wäre fehl am Platz, die makrosoziologischen Beschaffenheiten sind hier andere. Der Athener Stadtteil Exarcheia, in dem Alexandros ums Leben kam und wo die Unruhen ihren Anfang nahmen, war einst ein kleinbürgerliches Viertel. In den Kriegs- und Bürgerkriegszeiten bis 1949 war es der Stadtteil der linken Nationalen Befreiungsfront EAM. Exarcheia wurde damit zur traditionellen Hochburg der griechischen Linken. Eine Entwicklung, die mit der Nachbarschaft Exarcheias zur Technischen Hochschule von Athen ihren Höhepunkt erreichte, als deren Studenten 1973 gegen die damalige Militärjunta revoltierten.
In den letzten 30 Jahren jedoch entwickelte sich das Viertel zum Sammelbecken von anarchistischen und militanten Gruppierungen. Das Stadtviertel wurde de facto zu einer polizeilichen No-Go-Zone erklärt, eine Entwicklung, die inzwischen sowohl dunklen Machenschaften innnerhalb der linken Szene, als auch Drogendealern immer öfters Deckung verschaffte. Seit Jahren steht der Schwarze Block der Autonomen in offener Konfrontation mit der Polizei, besonders mit deren Spezialeinheiten. Seit 1980 sind vier Jugendliche, drei in Athen, einer in Thessaloniki, durch tödliche Polizeischüsse ums Leben gekommen.
Wut, Frust, Lust sind heute die drei auslösenden Momente der Athener Krawalle. Wut auf die polizeiliche Willkür und den tragischen Vorfall, Frust über die Perspektivlosigkeit und schließlich die schiere Lust an der Gewalt, daran, sich Straßenschlachten mit der Polizei zu liefern - um danach die Geschäfte zu plündern, auch unter Mithilfe professioneller Krimineller.
Eine ganze Nation sitzt nun hilflos vor den Fernsehgeräten, die laufend neue Bilder von den noch immer nicht abklingenden Straßenschlachten liefern. Und die Griechen wissen nicht, wie sie sich aus diesem Schlamassel wieder heraushelfen, vor allem nicht, wie man mit den Jugendlichen ins Gespräch kommen soll.
Athen im Dezember, man durchschreitet eine von innen belagerte Stadt.
- Datum 11.12.2008 - 09:44 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE, 09.12.2008
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Habe zugegebenermaßen keine Ahnung von griechischer Politik und Gesellschaft, fürchte aber, dass es dem Autor des Beitrags (trotz seines griechischen Namens) genauso geht.
Er macht erst gar nicht den Versuch, irgendwas schlüssig zu erklären.
Einerseits besteht die griechisch Politik angeblich nur aus drei Familienclans, ist aber seltsamerweise trotzdem keine spannende Soap, sondern "langweilig". Dabei sind doch gerade Familiengeschichten immer am spannendsten!
Vor diesem Hintergrund wirkt die Behauptung, daß nur die sozialistischen Regierungen für die Ausbreitung des Korruptionsnetzes gesorgt hätten, erst recht verdächtig.
Dann der merkwürdige Satz:
"Hinzu kommt ein Bildungssystem, das seit Jahrzehnten weder Bildung noch Erziehung bietet, geschweige denn Aussicht auf einen existenzsichernden Arbeitsplatz"
Da fragt man sich doch glatt, wieso manche Griechen trotzdem noch lesen und schreiben können -- und dann noch gleich in zwei verschiedenen Alfabethen! Ob es dort überhaupt noch Arbeitsplätze gibt und wie man ohne Bildung zu ihnen kommt. (Oder nehmen die Kinder der Eliten alle Privatunterricht, studieren sie alle in Oxford? Das wäre allerdings eine Erwähnung wert gewesen).
Abgesehen davon, daß "existenzsichernde Arbeitsplätze", wie wir von Olaf Henkel wissen, ja ohnehin nur ein Standortnachteil wären.
Und was kann uns der Autor über soziale Konflikte mitteilen ?
"Das heutige Griechenland ist eine gespaltene Gesellschaft"
Aha! Gespalten in arm und reich? In ländlich-konservativ und urban-liberal? In Globalisierungsgewinner und -verlierer? Aber nicht doch! Es handelt sich lediglich um einen Generationenkonflikt:
"Die systemkonforme, konsumgierige Vätergeneration - fast jeder zweite Haushalt verfügt über zwei Autos, fast jede dritte Familie über zwei Eigentumswohnungen - trifft auf eine "No Future"-Generation zwischen Netcafes und SMS, die längst ein Kauderwelsch spricht, das die Älteren nicht mehr entschlüsseln können."
Tut mir leid, aber das überzeugt wirklich nicht. Wieso glauben Kinder, deren Eltern einen solchen Wohlstand erreicht haben, daß sie gleich zwei Eigenheime vererben können, daß sie keine Zukunft hätten? Zumal in einer Gesellschaft, wo Familienbeziehungen eine so große Rolle spielen?
Und was hat die Nutzung neuer Medienformate (Netcafe/SMS) nun mit den Gewaltausbrüchen zu tun?
Da kommt bei mir doch gleich der Verdacht auf, der Autor wollte massive soziale Verwerfungen (zwischen arm und reich) hier zu einer Art "Halbstarkenproblem" zurechtklittern: "Das ist die Jugend von heute, diese ungezogenen, verwöhnten jungen Leute mit ihren komischen Frisuren, die in der Schule nix rechtes gelernt haben!"
Und eines sollte doch Anlaß zum Nachdenken geben: Offenbar trauen es viele Griechen der Polizei durchaus zu, daß sie auf nichtangepaßte Jugendliche auch dann schießt, wenn sie sich definitiv nicht in einer Notwehrsituation befindet.
Offenbar herrscht dort (ähnlich wie in Frankreich) zwischen Polizei und Jugendlichen so eine Psychologie der feindlichen Lager, die sich weitgehend verselbständigt hat, ähnlich wie in einer archaischen Fehde. Gewaltakte werden dann von allen Beteiligten als Fortsetzung dieser Fehde aufgefaßt, und nicht etwa nur als unglückliche Vorfälle.
Schließlich fehlt im Artikel eine genauere Beleuchtung der Polizei, ihrer Strukturen und Mentalität. Ist diese Korporation tatsächlich politisch neutral? Repräsentiert einfach nur das Gesetz oder nicht doch auch eine bestimmte soziale Schicht und deren Werte?
Sehr gute Kritik, Hans Meier, mit ihrer Polemik reichen sie ja fast an das Original heran.
Politische Langeweile? Ja, doch, in gewissem Sinne stimmt das. Da sich die griechischen Medien ständig in einem unsicheren Spagat, zwischen hochanspruchsvoller Berichterstattung (gewissen Zeitungen) und billigstem Infotainment mit ständigen Liveschaltungen, wo sich die Interessensparteien gerne auch mal wüst beschimpfen, befinden, stumpft der neugierige Bürger in einem Maße ab, welches man in Deutschland nicht einmal von manchen Kreisen der sogenannten Unterschicht erwarten würde. Angesichts dauernder Skandale in denen es um Korruption, Veruntreuung und Intrigantentum geht hat der Staat (nicht nur die gegenwärtige Regierung) jegliches Vertrauen verspielt. Entsprechend wurde die Politik für die Bürger einfach langweilig. Man zahlt (mehr oder minder) seine Steuern, arbeitet länger als in jedem anderen EU Staat und bekommt dafür weniger Geld als in jedem anderen Land der Eurozone. Obendrein ist Griechenland mittlerweile sündhaft teuer, die Lebenshaltungskosten sind (zumindest von mir so gefühlt) um die 30% teurer als in meiner deutschen Heimat, der ich vor 12 Jahren den Rücken gekehrt habe um in Athen zu leben.
Wie schlimm es für eine demokratische Gesellschaft ist, wenn diese als solche nicht mehr wahrgenommen wird (der Begriff der Plutokratie kursiert) manifestiert sich eben zunächst durch Anödung, dann durch Rückzug in private Gemeinschaften/Familie/Firma und irgendwann eben in Gewalt.
Griechenland hatte immer starke Institutionen die integrativ wirkend waren; allen voran die autokephale orthodoxe Kirche Griechenlands. Letztere ist seit 2004 durch wiederholte Skandale in Verruf geraten. Das antike Erbe wirkt kontraproduktiv, da man sich als Grieche immer häufiger fragt, wie das einst glänzende, strahlende Hellenentum zu einer Gesellschaft verkommen konnte, in der Bildung (Pedia) mehr durch Wiki-Pedia als durch schulische vermittelt wird. Ohne private Nachhilfeschulen, die Allerorts boomen, würden die Abiturienten auf dem Niveau von Achtklässlern ins Berufsleben bzw in die (meist ausländischen) Universitäten entlassen.
Der Staat ist quasi bankrott, dafür besitzt das Volk ein enormes Vermögen, teilweise auch aus Schattenwirtschaft und Steuerhinterziehung. 76% der Griechen leben im Eigenheim, zur Miete zu wohnen gilt als mittelschwere Schande. Da der Mindestlohn bei knapp 750 Euro brutto liegt, sehen viele Jugendliche keinen Anreiz sich um eine berufliche Karriere zu bemühen, wohnen meist bis zur Ehe bei ihren Eltern und bekommen ein Taschengeld, welches nur unwesentlich unter dem Einstiegslohn liegt. Warum also sich als Arbeiter verdingen, um vielleicht 100 Euro mehr im Monat zur Verfügung zu haben. (Anmerkung: die Firma die ich leite, ein renommiertes, multinationales Unternehmen, würde auch jetzt in der Zeit der Krise 70 Positionen besetzen, zu einem Einstiegsgehalt von 1.100 Euro brutto - Interessenten finden sich nicht).
Offizielle Verlautbarungen und die Realität liegen in Griechenland ebensoweit auseinander wie der Anspruch der demokratischen Gründerväter im klassischen Athen von der Tagespolitik der Hellenischen Republik des Jahres 2008.
Eine Lösung der Probleme ist nicht in Sicht. Um wenigstens eine Besserung der gegenwärtige Lage Griechenlands herbeizuführen, muß dem griechischen Volk die Wahrheit über die Lage der Nation gesagt werden. Wohlgemerkt: nicht in den teilweise hervorragenden Zeitungen gedruckt - nein, es muß in den Abendnachrichten ohne Chauvinismus der Einzelne angesprochen werden um einen gesellschaftlichen Wandel herbeizuführen. Es mag abgedroschen klingen, aber es gilt dem Volk die - in Deutschland so in Verruf geratenen - Sekundärtugenden beizubringen. Gelingt dies nicht, und danach sieht es aus, sieht es nicht gut aus für das Land.
@Mak 1970: Sie schreiben es gäbe in Griechenland 30% höhere Lebenshaltungskosten als in Deutschland und da beschweren Sie sich, dass niemand für €1100 brutto arbeiten will? D.h. von dem mickrigen Gehalt gehen dann noch Steuern und Abgaben ab.
Jetzt verstehe ich wenigstens, warum die Jugendlichen durchdrehen: Wenn das unter Zukunftsperspektive verstanden wird, dann wundert mich nichts mehr.
Sie haben es auf den Punkt gebracht. Der Artikel von Herrn Kalfopoulos entspricht nicht dem griechischen Realitätsbild, und ist mehr oder weniger eine Zusammenfassung der Berichte des griechischen Fernsehens. Es ist wichtig, dass man die Rolle der Medien in Griechenland anspricht: tatsächlich, wenn ein durchschnittlicher deutscher Bürger das tägliche „Infotainment“ in Griechenland live erleben dürfte, der würde die Welt nicht mehr verstehen…Der Fernseher läuft in einem griechischen Haushalt 24 Std. am Tag, und die Massen lassen sich beeinflussen wie ein Wetterfähnchen. Kommt ein Bericht über die „böse“ Polizei, die den 15-jährigen „brutal ermordet“ hat, beobachtet man eine entsprechende kollektive Reaktion in dieser Richtung. Kommt 5 Std. später ein Bericht mit Vorwürfen darüber, dass die Polizei nicht hart genug eingreift, ist das ganze Volk entsetzt, und fordert genau das Gegenteil vom Staat, worüber es sich vor 5 Std. so geärgert hat. Die Psychologie der Massen ist eine erstaunliche Sache, und die Macht der Medien in Griechenland ist enorm, was wiederum mit dem kollektiven Bewusstsein bzw. der Mentalität jenes Volkes zu tun hat. „Dem Volk die Sekundärtugenden beizubringen“: besser hätte man es nicht sagen können…Das fehlt seit Jahren in Griechenland; alle geben sich als Patrioten, lieben ihr Land über alles, aber Schattenwirtschaft und Steuerhinterziehung sind Nationalsport in Griechenland, und keiner ist bereit etwas dagegen zu unternehmen, eben, weil die „Sekundärtugenden“ fehlen…Nach dem Motto „so lange es MIR gut geht, mir doch egal wie es dem Staat geht…“Aus diesem Grunde, der Versuch, die Krawallen der romantischen, noblen Idealen einer frustrierten Jugend zuzuschreiben lässt mich als gebürtige Griechin nur verbittert schmunzeln. Es handelt sich hier nicht um eine Rebellion der Jugend gegen den u.a. korrupten Staat. Die Krawallen sind auf einen harten Kern von Autonomen (max. 400 in der Innenstadt von Athen) zurückzuführen, der aus Menschen im Alter von 25+ besteht. Gelegentlich lassen sich Jugendliche von dieser Gewaltwelle mitreißen, nicht aber im Namen irgendwelcher noblen Ideale, sondern um ein Ventil für ihre natürliche altersbedingte Aggression zu finden, und last but not least, zu marodieren. In der Innenstadt von Thessaloniki hat man die „Jugendlichen“ mit Handys aus den geplünderten Geschäften in der Hand rennend und lachend durch die Gegend gesehen, und gelegentlich ganz arme Leute (meistens „ökonomischen Emigranten“ aus dem Balkan, für die wohl gemerkt KEINE Integrationspolitik gibt…) mit einem Stück Seife und einer Klobürste in der Hand noch dazu.
NIX „Wut, Frust, und Lust“ und Rebellion : Langeweile, ja; politische Apathie, ja; autonomer Kern, ja; Menschen, die unbedingt die Drogenberatungsstellen plündern wollten, um an Methadonpräparate zu gelangen, ja, auch; Menschen mit Migrationshintergrund, die in der Armut leben und in Griechenland auf Rassismus stoßen, ja, ebenso... …Aber die Jugendlichen, die erst mit 30 aus dem Elternhaus ausziehen, nicht selbständig erzogen werden, und mit Reichtum überschüttet werden, nein…Und wenn schon, die wenigsten jugendlichen, die sich einfach von dieser Welle mitreißen lassen (tatsächlich nur wegen des „kicks“..), sitzen morgen im Cafe und tragen eine 300-Euro Designer Sonnenbrille an, und interessieren sich nicht im Geringsten (um das höfflich auszudrücken…) über politische und wirtschaftliche Lage etc.. Das muss auch gesagt werden, status-symbole sind sehr wichtig in Griechenland. Die 700 Euro im Monat, die Sie zu Recht als durchschnittlicher Lohn erwähnen, reichen nicht mal für die Miete, aber angeben muss man können…Nur bei einem kann ich Ihnen allerdings nicht zustimmen: die Bildungsqualität der griechischen Universitäten ist wohl sehr hoch, und kann locker mit der, der äquivalenten internationalen Institutionen, mithalten. Das Ausbildungssystem an sich, weist trotzdem in seiner Struktur große Schwächen auf. Dazu kommt es, dass alle Eltern für ihre Kinder einen Uni-Abschluss anstreben (auch wenn die Kinder das gar nicht wollen…), mit folgendem Ergebnis: viele arbeitslose Wissenschaftler, oder der freundliche Maler von nebenan hat noch einen Doktortitel in Kernphysik (schon erlebt…)
Es tut mir Leid, dass mein Kommentar vielleicht unstrukturiert ist, aber durch den Zeit-Artikel über „Frust, Wut, und Lust“ habe ich wieder festgestellt, wie falsch oder übertrieben die Tatsachen über meiner Heimat dargestellt werden können, im Namen des Bedürfnisses für „spannenden“ Nachrichten. Durch Ihr Schreiben musste ich wiederum feststellen, dass man sich am besten ein Bild machen kann, wenn man schon selber in Griechenland gelebt hat.
Leider ist und bleibt mein geliebtes Griechenland ein Absurdistan, und auch wenn doch manche Gegebenheiten, wie hohe Arbeitslosigkeit etc. tatsächlich große Schwierigkeiten darstellen, es wird sich nix ändern, bis eben dem Volke die „Sekundärtugenden“ (für mich primär…) beigebracht werden…
@Mak 1970: Sie schreiben es gäbe in Griechenland 30% höhere Lebenshaltungskosten als in Deutschland und da beschweren Sie sich, dass niemand für €1100 brutto arbeiten will? D.h. von dem mickrigen Gehalt gehen dann noch Steuern und Abgaben ab.
Jetzt verstehe ich wenigstens, warum die Jugendlichen durchdrehen: Wenn das unter Zukunftsperspektive verstanden wird, dann wundert mich nichts mehr.
Sie haben es auf den Punkt gebracht. Der Artikel von Herrn Kalfopoulos entspricht nicht dem griechischen Realitätsbild, und ist mehr oder weniger eine Zusammenfassung der Berichte des griechischen Fernsehens. Es ist wichtig, dass man die Rolle der Medien in Griechenland anspricht: tatsächlich, wenn ein durchschnittlicher deutscher Bürger das tägliche „Infotainment“ in Griechenland live erleben dürfte, der würde die Welt nicht mehr verstehen…Der Fernseher läuft in einem griechischen Haushalt 24 Std. am Tag, und die Massen lassen sich beeinflussen wie ein Wetterfähnchen. Kommt ein Bericht über die „böse“ Polizei, die den 15-jährigen „brutal ermordet“ hat, beobachtet man eine entsprechende kollektive Reaktion in dieser Richtung. Kommt 5 Std. später ein Bericht mit Vorwürfen darüber, dass die Polizei nicht hart genug eingreift, ist das ganze Volk entsetzt, und fordert genau das Gegenteil vom Staat, worüber es sich vor 5 Std. so geärgert hat. Die Psychologie der Massen ist eine erstaunliche Sache, und die Macht der Medien in Griechenland ist enorm, was wiederum mit dem kollektiven Bewusstsein bzw. der Mentalität jenes Volkes zu tun hat. „Dem Volk die Sekundärtugenden beizubringen“: besser hätte man es nicht sagen können…Das fehlt seit Jahren in Griechenland; alle geben sich als Patrioten, lieben ihr Land über alles, aber Schattenwirtschaft und Steuerhinterziehung sind Nationalsport in Griechenland, und keiner ist bereit etwas dagegen zu unternehmen, eben, weil die „Sekundärtugenden“ fehlen…Nach dem Motto „so lange es MIR gut geht, mir doch egal wie es dem Staat geht…“Aus diesem Grunde, der Versuch, die Krawallen der romantischen, noblen Idealen einer frustrierten Jugend zuzuschreiben lässt mich als gebürtige Griechin nur verbittert schmunzeln. Es handelt sich hier nicht um eine Rebellion der Jugend gegen den u.a. korrupten Staat. Die Krawallen sind auf einen harten Kern von Autonomen (max. 400 in der Innenstadt von Athen) zurückzuführen, der aus Menschen im Alter von 25+ besteht. Gelegentlich lassen sich Jugendliche von dieser Gewaltwelle mitreißen, nicht aber im Namen irgendwelcher noblen Ideale, sondern um ein Ventil für ihre natürliche altersbedingte Aggression zu finden, und last but not least, zu marodieren. In der Innenstadt von Thessaloniki hat man die „Jugendlichen“ mit Handys aus den geplünderten Geschäften in der Hand rennend und lachend durch die Gegend gesehen, und gelegentlich ganz arme Leute (meistens „ökonomischen Emigranten“ aus dem Balkan, für die wohl gemerkt KEINE Integrationspolitik gibt…) mit einem Stück Seife und einer Klobürste in der Hand noch dazu.
NIX „Wut, Frust, und Lust“ und Rebellion : Langeweile, ja; politische Apathie, ja; autonomer Kern, ja; Menschen, die unbedingt die Drogenberatungsstellen plündern wollten, um an Methadonpräparate zu gelangen, ja, auch; Menschen mit Migrationshintergrund, die in der Armut leben und in Griechenland auf Rassismus stoßen, ja, ebenso... …Aber die Jugendlichen, die erst mit 30 aus dem Elternhaus ausziehen, nicht selbständig erzogen werden, und mit Reichtum überschüttet werden, nein…Und wenn schon, die wenigsten jugendlichen, die sich einfach von dieser Welle mitreißen lassen (tatsächlich nur wegen des „kicks“..), sitzen morgen im Cafe und tragen eine 300-Euro Designer Sonnenbrille an, und interessieren sich nicht im Geringsten (um das höfflich auszudrücken…) über politische und wirtschaftliche Lage etc.. Das muss auch gesagt werden, status-symbole sind sehr wichtig in Griechenland. Die 700 Euro im Monat, die Sie zu Recht als durchschnittlicher Lohn erwähnen, reichen nicht mal für die Miete, aber angeben muss man können…Nur bei einem kann ich Ihnen allerdings nicht zustimmen: die Bildungsqualität der griechischen Universitäten ist wohl sehr hoch, und kann locker mit der, der äquivalenten internationalen Institutionen, mithalten. Das Ausbildungssystem an sich, weist trotzdem in seiner Struktur große Schwächen auf. Dazu kommt es, dass alle Eltern für ihre Kinder einen Uni-Abschluss anstreben (auch wenn die Kinder das gar nicht wollen…), mit folgendem Ergebnis: viele arbeitslose Wissenschaftler, oder der freundliche Maler von nebenan hat noch einen Doktortitel in Kernphysik (schon erlebt…)
Es tut mir Leid, dass mein Kommentar vielleicht unstrukturiert ist, aber durch den Zeit-Artikel über „Frust, Wut, und Lust“ habe ich wieder festgestellt, wie falsch oder übertrieben die Tatsachen über meiner Heimat dargestellt werden können, im Namen des Bedürfnisses für „spannenden“ Nachrichten. Durch Ihr Schreiben musste ich wiederum feststellen, dass man sich am besten ein Bild machen kann, wenn man schon selber in Griechenland gelebt hat.
Leider ist und bleibt mein geliebtes Griechenland ein Absurdistan, und auch wenn doch manche Gegebenheiten, wie hohe Arbeitslosigkeit etc. tatsächlich große Schwierigkeiten darstellen, es wird sich nix ändern, bis eben dem Volke die „Sekundärtugenden“ (für mich primär…) beigebracht werden…
@Mak 1970: Sie schreiben es gäbe in Griechenland 30% höhere Lebenshaltungskosten als in Deutschland und da beschweren Sie sich, dass niemand für €1100 brutto arbeiten will? D.h. von dem mickrigen Gehalt gehen dann noch Steuern und Abgaben ab.
Jetzt verstehe ich wenigstens, warum die Jugendlichen durchdrehen: Wenn das unter Zukunftsperspektive verstanden wird, dann wundert mich nichts mehr.
Unter Ausbeutung verstehe ich hier in Griechenland für einen Tageslohn von 30 - 60 EUR arbeiten gehen zu müssen, ohne zu wissen wie viele Arbeitsstunden dieser Arbeitstag hat, ohne versichert zu sein und ohne Garantie auf wirkliche Auszahlung des Lohnes am Ende vom Monat arbeiten gehen zu "dürfen". Da ist eine Arbeitsstelle mit 1100,- im Monat ein selten gutes Angebot.
Unter Ausbeutung verstehe ich hier in Griechenland für einen Tageslohn von 30 - 60 EUR arbeiten gehen zu müssen, ohne zu wissen wie viele Arbeitsstunden dieser Arbeitstag hat, ohne versichert zu sein und ohne Garantie auf wirkliche Auszahlung des Lohnes am Ende vom Monat arbeiten gehen zu "dürfen". Da ist eine Arbeitsstelle mit 1100,- im Monat ein selten gutes Angebot.
Das stimmt - zum Teil: die Abzüge liegen für niedrige Einkommen nahe Null. Netto bleiben bei 1.100 Euro knapp 900 übrig. Es entfallen außerdem für einen Großteil der Bevölkerung die Mieten. Außerdem handelt es sich hier um Löhne für angelernte Arbeiter; keineswegs für Facharbeiter oder gut ausgebildete Kräfte. Alle Bezüge in Griechenland multiplizieren sich außerdem mit 14 Monaten. Von Ausbeutung kann keine Rede sein, zumal die Produktivität um 2/5 niedriger liegt als in Deutschland.
Ich möchte Herrn Kaflopoulos ungern gänzlich in seiner Berichterstattung widersprechen oder an seinen journalistischen Fähigkeiten im Bezug auf das Thema zweifeln, jedoch spiegelt sich in seinen Schilderungen das übliche Medien-Blah-Blah wider, das ich so in der Zeit selten widerfinde.
Als gebürtiger Grieche lebe ich selbst seit 3 Jahren in Athen und war die letzten drei Tage durchgehend im Geschehen um es photographisch so zu dokumentieren, wie es von den Medien nicht gezeigt wird. Dabei habe ich vorwiegend Menschen getroffen, die man im Alter von 25+ sehr schwer als Jugendliche bezeichnen kann und schon gar nicht zur Generation Frust bzw. zu den Randalierern zählen darf.
Von der griechischen Medienlandschaft war nichts anderes zu erwarten, als diesen bürgerkriegsähnlichen Zustand als "Jugendaufstand" zu "verniedlichen", da diese ihr Hauptaugenmerk auf die tatsächlich jungen Randalierer wirft. Dass dies in einem Format wie der "Zeit" ebenso wiedergegeben wird, zeigt mir nur, dass Herr Kaflopoulos gut vorgekautes unverdaut widergibt. Bitte fühlen Sie sich nicht persönlich angegriffen, das liegt wohl in der Natur Ihres Jobs hier in Griechenland. Ich wähle dennoch solch harte Worte, weil ich nicht glaube, dass Sie den tatsächlichen Ernst der Lage in Ihrem eigenen Land erkannt haben.
"Was macht diesen Jugendaufstand aus, fragt man sich im In- und Ausland. Wie erklärt sich dieser Gewaltausbruch, der die griechische Gesellschaft so tief erschüttert hat?"
Diese Fragen sind ein guter Aufmacher für ihre folgende Gesellschaftsanalyse, welche lediglich dem vielleicht schockierten Pauschal-Urlauber aus Deutschland ein wenig Klarheit bringt, jedoch nach ehrlichem und recherchiertem Journalismus brauchte ich nach dieser Frage schon gar nicht mehr zu suchen.
Es ist eine Frechheit zu behaupten, man frage sich im Inland was diese Aufstände hervorgerufen hat. Dabei möchte ich nicht präzise auf den Tod von "Gregory" zu sprechen kommen, sondern allgemein auf solche "Täuschungsmanöver", die die Regierung in Zusammenarbeit mit den Medien und den Randalierern ausführt, sobald es in innenpolitischen Krisensituationen zu brenzlig wird.
Dabei sind die Rollen klar verteilt: Die Regierung entwirft einen strategischen "Day Zero", die Randalierer die in anarchistische, links- sowie rechtsradikale Gruppierungen und der Staatsgewalt aufgeteilt sind erfüllen die Rolle des ausführenden Organes, und die Vermarktung der Täuschung bis zur Glaubwürdigkeit wird den Medien überlassen. Der große Bruder in Amerika hat es schon so oft vorgemacht.
Wenn ich daraus folgend hinter dem Tod dieses Jungen einen vorausgehenden Auftrag sehe, dann sind das keine dunklen Machenschaften von denen ich rede oder pure Spekulation, sondern klar kalkuliertes Chaos um das Volk vom Wesentlichen abzulenken! Jegliche "Aufklärungsveruche" von politischen Skandalen wurden bisher nachweislich von Unruhen mit Terrorfaktor unterbrochen und somit in Vergessenheit getrieben. Das werden Sie mir sicherlich bestätigen können, sollten Sie bei Ihren Recherchen nicht doch einen Aufklärungsversuch ohne Fragezeichen finden. Ich erinner Sie auch gerne an den Fall Zachopoulos letzten Jahres, der kurz vor Entlarvung weiters verwickelter Politiker durch die Ermordung eines anarchistischen Gegners bei einer rechtsradikalen Demonstration unterbrochen wurde und vom Tisch zu den Fragezeichen verschwand. Selbst der Fall Zachopoulos unterbrach damals die Untersuchungen zum Siemens-Skandal. Vor dem "aktuellen Manöver" war das Volk darüber aufgebracht, dass die griechische Kirche in Zusammenarbeit mit Regierungsmitgliedern vermutlich Milliarden während der wirtschaftlichen Krise hat verschwinden lassen.
Die Abbrüche solcher Untersuchungen sind immer sehr eng mit den abrupten Abbrüchen der Berichterstattungen der Medien verbunden. Nicht weil die Medien keine Informationen mehr finden können oder anstatt ein und das selbe Thema tot zu debattieren mehrere Themen behandeln könnten, sondern weil man sehr schnell erkennt, dass die Medienmacher zugleich die Lobbyisten dieses Landes sind. Beide seiten profitieren quasi zugleich aus solchen Strategien, nur das Organ, das wird so wie es in seiner Natur liegt abgenutzt. Ob es nun Volk oder Polizist ist, beide zertrümmern sich im indirekten und direkten Auftrag die Schädel, ich war nun drei tage live dabei.
Abschließend noch zu ihrer Beschreibung der griechischen Politik als langweilige Demokratie ein paar Worte. Solange der Kapitalismus nicht als Staatsform anerkannt wird, solange wird in Griechenland keine Politik betrieben, stattdessen wie Sie richtig erkannt haben, wird die Korruption weiter an Land gewinnen und Lobbyisten weltweit reiben sich die Finger beim Anblick eines instabilen wirtschaftlichen Tores nach Europa.
Dies alles sind nur Bruchteile von den Gründen, warum auch ich mich unermüdlich auf der Straße wiedergefunden habe, demonstriert habe, mich gegen die Polizei gewährt habe. Wenn Sie nur genau hinschauen werden Sie tausende von Menschen auf den Straßen sehen, die auch ohne Partei und Idiologie im Hintergrund was zu sagen haben, die von Randalierern die Chaos hinterlassen auf beiden Seiten flankiert werden, weil Sie einen guten Puffer darstellen. Je größer der Puffer, desto weiter die Flanken. Je weiter die Flanken, desto größer das Chaos. Derjenige, der in Griechenland einen Bürgerkrieg hervorrufen will, der wird Ihn haben. Wenn nicht bald Leute wie Sie, die die Möglichkeit dazu haben dagegen zu steuern, wird es nicht lange bis dort hin sein, denn der junge Alexandros ist nicht umsonst gestorben!
MfG, ein Freidenker
Auch damals schaffte sich der Staat die Gewalt mit den zugehörigen Bildern durch V-Männer.
Hintergründe:
Staatlich gelenkte Randale in Griechenland? Für morgen landesweiter Generalstreik ausgerufen
_______________________________________________________
"Ich glaube, daß die Bankinstitutionen für unsere Freiheiten gefährlicher sind als die Armeen."
(Thomas Jefferson, Amerikanischer Präsident; 1743-1826)
Auch damals schaffte sich der Staat die Gewalt mit den zugehörigen Bildern durch V-Männer.
Hintergründe:
Staatlich gelenkte Randale in Griechenland? Für morgen landesweiter Generalstreik ausgerufen
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"Ich glaube, daß die Bankinstitutionen für unsere Freiheiten gefährlicher sind als die Armeen."
(Thomas Jefferson, Amerikanischer Präsident; 1743-1826)
Unter Ausbeutung verstehe ich hier in Griechenland für einen Tageslohn von 30 - 60 EUR arbeiten gehen zu müssen, ohne zu wissen wie viele Arbeitsstunden dieser Arbeitstag hat, ohne versichert zu sein und ohne Garantie auf wirkliche Auszahlung des Lohnes am Ende vom Monat arbeiten gehen zu "dürfen". Da ist eine Arbeitsstelle mit 1100,- im Monat ein selten gutes Angebot.
Soziale Unruhen, das Schreckgespenst der Politiker, Frankreich, Italien, Deutschland, Griechenland und mit dem massiven Abbau von Arbeitsplätzen wird dies langsam ein Flächenbrand.
Notwendiger Weise sind Veränderungen in der Wirtschaftspolitik und auch zur Wahrung der "Menschenrechte" in der Sozialpolitik erforderlich. Die Degeneration unserer "Superkapitalismus Kultur" ist soweit fortgeschritten, dass eine Neuorientierung Überlebensnotwendig ist.
Das dieses System nicht langfristig funktionieren kann sollte jedem einleuchten der etwas gesunden Menschenverstand hat. Die schleichende Abkehr von der "sozialen Marktwirtschaft" und Aushöhlung der Grundrechte erzeugt Unzufriedenheit.
Leben bedeutet Veränderung, es ist Zeit für Veränderungen.
"Soviel kann man gar nicht essen, wie man kotzen möchte".
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