Bundesliga Lektion für die Ästheten
In dem bemerkenswerten Spitzenspiel zwischen Bayern München und der TSG Hoffenheim bezwingt der effektive Fußball den schönen. Eine Analyse

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Zwei Minuten Nachspielzeit wurden Ralf Rangnick in München zum Verhängnis. Doch ihm bleibt noch viel Zeit, mit seiner TSG Hoffenheim den deutschen Fußball aufzumischen
Pünktlich zum Abschied vom Jahr 2008 hatte der FC Bayern München sein Stadion in einen riesigen Weihnachtsmarkt umgewidmet. Um kurz nach halb elf ging das Flutlicht aus, grüne und rote Spots huschten durch die Arena, und auf der Multimediatafel sagte jeder Spieler ein Sprüchlein auf. Als einer der Letzten wünschte Luca Toni "buon natale", dabei drehte er seine Hand nicht am Ohr. So viel Respekt vor Jesus Christus musste schon sein, erst recht an diesem Abend.
Die vorgezogene Adventsstunde wäre wohl nicht ganz so besinnlich ausgefallen, hätte Signor Toni um 22.22 Uhr nicht das getan, was er noch besser kann als Weihnachtsgedichte aufsagen – Tore schießen nämlich. Der späte 2:1-Siegtreffer des FC Bayern über die TSG 1899 Hoffenheim sagte einiges, wenn nicht alles über das Spitzenspiel, das die Bild-Zeitung ganz unweihnachtlich zum "geilsten Gipfel" aller Zeiten ausgerufen hatte. Die Bayern brauchten gegen das aufmüpfige Dorf die Gunst des Augenblicks und alles Glück dieser Welt. Beides traf zusammen in dieser zweiten Minute der Nachspielzeit.
Hoffenheim hatte großartig gespielt, "besser als jede andere Bundesligamannschaft gegen uns in der Arena", wie Bayerns Trainer Jürgen Klinsmann fand. Doch in der Bundesliga wird keine B-Note für den künstlerischen Wert vergeben, und nicht immer erfährt ein denkwürdiger Fußballabend seine Krönung in ästhetischer Vollendung. Das ist die Lektion, die der Immernochüberraschungstabellenführer am 16. Spieltag zu lernen bekam, gelesen vom Münchner Honorarprofessor Luca Toni. Dem Mann, der 90 Minuten lang alles dafür getan hatte, zur tragischen Figur dieses Spiels zu werden – und zum Schluss doch daran scheiterte, zum Leidwesen der Hoffenheimer.
Ob mit dem linken Fuß, dem rechten oder mit dem Kopf oder auch beim Schinden eines Elfmeters – alles, aber auch alles war Toni an diesem Abend misslungen. Und doch war es des Mittelstürmers Ungeschick, das die Partie am Ende entschied. Beim Versuch, einen letzten Angriff einzuleiten, hatte Toni den Ball mit dem Kopf blind ins Irgendwo verlängert. Hoffenheims Verteidiger Andreas Ibertsberger schien die Situation schon unter Kontrolle zu haben. Bedrängt von Miroslav Klose stand er vor zweierlei Alternativen: entweder den Ball wegschlagen, egal wohin, einfach nur weg. Oder das Problem elegant lösen, mit einem aufbauenden Pass, wie es die Hoffenheimer 91 Minuten lang meisterhaft exerziert hatten. Ibertsberger entschied sich für die konstruktive Variante, übersah dabei aber den durch den Strafraum irrlichternden Toni. Der traf den Ball nicht einmal richtig, aber immerhin so gut, dass Torhüter Daniel Haas die Hände nicht mehr richtig dranbekam. Eine Minute später war Schluss und Hoffenheim geschlagen.
"Der FC Bayern ist zu jeder Zeit für ein Tor gut", sagte Philipp Lahm, der überragende Münchner, nicht zufällig ein Verteidiger. Die Bayern hatten nicht die hohe Kunst des Offensivfußballs zelebriert, aber mit der Intuition eines Champions hatten sie im entscheidenden Augenblick den richtigen Mann für die richtige Aktion am richtigen Ort. "Toni fällt der Ball vor die Füße, und er macht das Ding eiskalt", sagte Kapitän Mark van Bommel.
- Datum 07.12.2008 - 16:28 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel
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