Überwachung Mensch, du bist gern Datensatz

Der Datenschutzexperte Hans G. Zeger stellt in seinem Buch die Frage: Gibt es eine Lust an totaler Kontrolle?

Hans G. ZegerMensch. Nummer. DatensatzUnsere Lust an der totalen KontrolleSachbuchResidenz VerlagWien200836422

BKA-Gesetze, absolute Überwachung, gläserner Mensch. Noch nie sah sich der einzelne Bürger so sehr staatlicher Kontrolle ausgesetzt. Hans G. Zeger ist Mitglied des Datenschutzrates im österreichischen Bundeskanzleramt. In seinem neuen Buch Mensch. Nummer. Datensatz zeigt er das Horrorszenario einer modernen Überwachungswelt.

Seine Gedanken teilt der Autor mit mytube, einem Atavar aus dem Internet. Zeger überzeugt ihn schnell - das Individuum geht unter in einem Meer aus Daten. Kontrolle ist als wichtiger Bestandteil des Lebens längst akzeptiert. Menschen versichern sich ihrer Identität mit Hilfe von Daten, von Gehalt, Cholesterin, Blutdruck, Zeit. Wir sollten nicht Daten schützen, sondern unser Recht auf Individualität – so lautet Zegers oberste Forderung. "Datenminimierung ist der wichtigste Persönlichkeitsschutz für den modernen Menschen." Doch wie sieht Zegers Lösungsvorschlag aus?

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Überwachung hin oder her, im Grunde lebten wir in einer zunehmend geschlossenen Gesellschaft. Um den schmalen Grat des scheinbar richtigen Weges einzuhalten, benötigen wir mehr Kontrollverfahren. Zeger nennt Nummern und Zahlen: Das sind zunächst klassische Beispiele wie Haus- oder Steuernummer. Aber auch individuelle wie "Erster sein", "Wunschgewicht 55 Kilo" oder "Heiratstermin 8.8.2008". Früher gab es in der Grundschule ein "gut" oder "befriedigend" mit Anmerkungen. Später lernte man, in Noten oder Punkten zu denken.

Vergleichen, sammeln, berechnen. "Damit wir vor dem Täter am Tatort sind!", wird Wolfgang Schäuble zitiert. Oft gleitet Zeger jedoch beim Erklären der Überwachungswelt in Vermutungen, persönliche Einschätzungen und ironische Zwischentöne ab. Der Leser ist oft nicht mehr sicher: Nimmt der Autor das Thema überhaupt noch ernst, oder will er es ad absurdum führen?

Eines jedoch steht für Zeger fest: Verdächtig ist, was auffällt, wie bereits Theodor W. Adorno schrieb. Zum Beispiel der Brasilianer Jean Charles de Menezes. 2005 wurde er in London als angeblich Terrorverdächtiger auf offener Straße von Polizisten erschossen. Fehlinterpretation von Daten? Notwendiger Kollateralschaden? Hatte er vielleicht am Ende sogar selbst Schuld durch sein individuelles Verhalten? Ein solches Handeln von Sicherheitskräften wird von der Gesellschaft selbst vorangetrieben, behautet Zeger.

Nach der Hälfte des Buches kann man einen Schlüsselsatz lesen: "Statt Überwachung als Eingriff in die persönliche Lebensführung zu erkennen und abzulehnen, wird sie von einer großen Zahl mit einem subjektiv erhöhten Sicherheitsgefühl quittiert." Der Bürger gibt seine Individualität aus der Hand, der Überwacher definiert nun seine Rolle. Unterordnung in das Kontrollsystem führt zur Machtteilhabe. Mehr Überwachung biete, so das Argument vieler Innenminister, auch mehr Sicherheit. Eine als bedrohlich empfundene Welt ruft laut nach einfachen und überschaubaren Lösungswegen.

Leser-Kommentare
  1. Das Ende des Privatlebens ist in Sicht. Nackter Mensch - Gläsernes Haus: Gleiche Technik! Durch-Mauern-Scanner, Abhören mit Mikrowellenstrahlung, Mikrowellen-Waffen und weiteres HighTech-Überwachungsgerät, Info:
    http://www.findefux.de/fo...

  2. Ich finde es sehr interessant, dass hier aufgefordert wird, sein "Recht auf Individualität" zu nutzen, indem man Pseudonyme verwendet. Erreicht man damit nicht genau das Gegenteil, nämlich eine Aufgabe der Individualität? Zum Schutz der persönlichen Daten, gut, aber doch wohl nur, indem man sich in einer Masse von anderen nichtssagenden Pseudonymen versteckt.

    Der anzustrebende Normalfall sollte doch wohl der sein, dass man in der Regel (von begründeten Ausnahmefällen abgesehen) bedenkenlos seinen echten Namen und seine echte Identität verwenden kann und diese trotzdem durch entsprechende Gesetze vor Mißbrauch geschützt sind. Der Allgemeinheit zu empfehlen, dieses Problem quasi zu umgehen, indem man anonym oder pseudonym auftritt, ist paradoxerweise zutiefst unfreiheitlich und undemokratisch: In einem wirklich demokratischen Rechtsstaat muss ich mich nicht bei meinen alltäglichen Handlungen in der digitalen Öffentlichkeit verstecken, maskieren und als jemand anders ausgeben, nur um vor Mißbrauch sicher zu sein.

    Das ist ein Paradoxon, das meiner Meinung nach auch von Datenschützern viel zu wenig verstanden wird. Freiheit verteidigt man nicht dadurch, indem man sich versteckt. Freiheit vor Übergriffen Dritter (einschließlich der Wirtschaft und des Staates), die man sich nur erkaufen kann, indem man darauf achtet, dass niemand einen erkennt, ist eigentlich keine mehr.

    Sicherlich muß es ein Recht auf Anonymität geben, weil eine Verpflichtung zur Identifizierung im nichtgeschäftlichen Umgang alles andere als freiheitlich wäre. Aber daraus praktisch eine Pflicht zur Anonymität zu machen, schüttet das Kind mit dem Bade aus. Tun und lassen zu können, was man will, solange man sich versteckt und sofort zum Freiwild zu werden, wenn man sich zu erkennen gibt, das ist keine Freiheit. Die Aufforderung zur Pseudo- oder Anonymität bringt einem nur dieselbe Art von Freiheit, die die Vollverschleierung der Frau im radikalen Islam bringt. Sich zu verstecken ist keine Lösung, es ist die Kapitulation vor dem Problem.

    Auch digitale Bürgerrechte verteidigt man nicht, indem man dazu auffordert, sie aufzugeben. Das Recht, ungeschoren unter meinem wirklichen Namen aufzutreten, ist ein Bürgerrecht und jeder, der mir nahelegt, dieses Recht besser gar nicht erst in Anspruch zu nehmen, verteidigt dieses Recht nicht, sondern gibt es auf.

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