BKA-Gesetze, absolute Überwachung, gläserner Mensch. Noch nie sah sich der einzelne Bürger so sehr staatlicher Kontrolle ausgesetzt. Hans G. Zeger ist Mitglied des Datenschutzrates im österreichischen Bundeskanzleramt. In seinem neuen Buch Mensch. Nummer. Datensatz zeigt er das Horrorszenario einer modernen Überwachungswelt.

Seine Gedanken teilt der Autor mit mytube, einem Atavar aus dem Internet. Zeger überzeugt ihn schnell - das Individuum geht unter in einem Meer aus Daten. Kontrolle ist als wichtiger Bestandteil des Lebens längst akzeptiert. Menschen versichern sich ihrer Identität mit Hilfe von Daten, von Gehalt, Cholesterin, Blutdruck, Zeit. Wir sollten nicht Daten schützen, sondern unser Recht auf Individualität – so lautet Zegers oberste Forderung. "Datenminimierung ist der wichtigste Persönlichkeitsschutz für den modernen Menschen." Doch wie sieht Zegers Lösungsvorschlag aus?

Überwachung hin oder her, im Grunde lebten wir in einer zunehmend geschlossenen Gesellschaft. Um den schmalen Grat des scheinbar richtigen Weges einzuhalten, benötigen wir mehr Kontrollverfahren. Zeger nennt Nummern und Zahlen: Das sind zunächst klassische Beispiele wie Haus- oder Steuernummer. Aber auch individuelle wie "Erster sein", "Wunschgewicht 55 Kilo" oder "Heiratstermin 8.8.2008". Früher gab es in der Grundschule ein "gut" oder "befriedigend" mit Anmerkungen. Später lernte man, in Noten oder Punkten zu denken.

Vergleichen, sammeln, berechnen. "Damit wir vor dem Täter am Tatort sind!", wird Wolfgang Schäuble zitiert. Oft gleitet Zeger jedoch beim Erklären der Überwachungswelt in Vermutungen, persönliche Einschätzungen und ironische Zwischentöne ab. Der Leser ist oft nicht mehr sicher: Nimmt der Autor das Thema überhaupt noch ernst, oder will er es ad absurdum führen?

Eines jedoch steht für Zeger fest: Verdächtig ist, was auffällt, wie bereits Theodor W. Adorno schrieb. Zum Beispiel der Brasilianer Jean Charles de Menezes. 2005 wurde er in London als angeblich Terrorverdächtiger auf offener Straße von Polizisten erschossen. Fehlinterpretation von Daten? Notwendiger Kollateralschaden? Hatte er vielleicht am Ende sogar selbst Schuld durch sein individuelles Verhalten? Ein solches Handeln von Sicherheitskräften wird von der Gesellschaft selbst vorangetrieben, behautet Zeger.

Nach der Hälfte des Buches kann man einen Schlüsselsatz lesen: "Statt Überwachung als Eingriff in die persönliche Lebensführung zu erkennen und abzulehnen, wird sie von einer großen Zahl mit einem subjektiv erhöhten Sicherheitsgefühl quittiert." Der Bürger gibt seine Individualität aus der Hand, der Überwacher definiert nun seine Rolle. Unterordnung in das Kontrollsystem führt zur Machtteilhabe. Mehr Überwachung biete, so das Argument vieler Innenminister, auch mehr Sicherheit. Eine als bedrohlich empfundene Welt ruft laut nach einfachen und überschaubaren Lösungswegen.