Normalerweise treffen sich vor einem EU-Gipfel der französische Präsident und der deutsche Kanzler oder eben die deutsche Kanzlerin zu einem Tête-à-tête für die letzte Feinabstimmung. Normalerweise war gestern – und das ist nicht einfach nur zu bedauern.

Wenn also am Montag der britische Premier Gordon Brown in London den französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy und gleich auch noch den EU-Kommissionschef José Manuel Barroso empfängt, um das große EU-Treffen an diesem Donnerstag vorzubereiten – so what?

Sarkozy widersprach hernach Kommentaren in Berlin, Paris, London, Brüssel, wonach Kanzlerin Angela Merkel wegen ihrer zögerlichen Wirtschaftspolitik in der Kritik stehe – was sie im Übrigen ja tut, im eigenen Land, in den eigenen Unionsreihen, also beileibe nicht nur im europäischen Resonanzraum. Sarkozy betonte, es sei aber auch klar, dass bei der Krisenbekämpfung derzeit nicht jeder die gleichen Werkzeuge benutzen könne. Und wer wollte dem Franzosen da widersprechen?

Was die Europäische Union diese Woche erlebte, ist künftig der Normalfall. Denn in einem Verbund von 27 Mitgliedern funktionieren Abstimmungsprozesse nicht länger nach den Regeln der alten Sechser- oder Fünfzehner-Gemeinschaft. In London wurde ein neues Arbeitsmuster der erweiterten EU sichtbar, das mehr Aufmerksamkeit verdient als die müßige Frage, wer denn da mit wem nicht reden mochte.

Sarkozy und Brown, assistiert von Barroso, haben darum auch nicht gegen Merkel beschlossen, sie haben, mit Blick auf die verschlungenen Wege zu einem EU-Gipfel und dem nächtelangen Ringen da selbst, im Grunde gar nichts beschlossen, sondern nur ihre Positionen abgestimmt, wie das früher zwischen Bonn/Berlin und Paris üblich war, nicht immer übrigens zur reinen Freude der übrigen Partner.

Viel aufschlussreicher als die Abwesenheit von Angela Merkel war die Anwesenheit von Barroso. Damit unterwerfen sich Brown und Sarkozy ein Stück weit der Aufsicht durch die Kommission. Kein Krisenmanagement ohne die Brüsseler Behörde, das hat man unter anderen Umständen gerade aus London und selbst aus Paris schon anders gehört. Barroso verteidigte das Treffen gegen alle Kritiker übrigens ebenfalls mit dem Argument, in dieser Wirtschaftskrise passe nicht eine Kleidergröße für alle Akteure. Nichts anderes wiederum hat in den vergangenen Tagen die Bundeskanzlerin gesagt und getan, womit auch sie zur Zielscheibe der Kritik wurde.