Menschenrechte Der Mann, der aus der Folter kam

Der Bremer Murat Kurnaz saß fünf Jahre in Guantánamo. Nun reist er durch Europa und bittet die EU um eine ungewöhnliche Geste

Er wurde in Guantánamo jahrelang gequält. Nun bittet Murat Kurnaz Europa um Hilfe für seine ehemaligen Leidensgenossen

Er wurde in Guantánamo jahrelang gequält. Nun bittet Murat Kurnaz Europa um Hilfe für seine ehemaligen Leidensgenossen

Murat Kurnaz sitzt in einer Bremer Pizzeria und erzählt einen Witz. Was, fragt er, unterscheidet einen Guantánamo-Häftling von einem Iguana? "Das Reptil darf nicht gequält werden. Es steht unter dem Schutz internationaler Gesetze.“

Kurnaz lacht. Er steckt sich ein Tortellini in den Mund und fragt: "Kennen Sie Apfelbeißen?“ Als Schulkind in Bremen hatte er das Spiel geliebt. In einem Eimer schwamm der Apfel, und die Kleinen mussten ein Stück davon abbeißen, ohne dabei die Hände zu verwenden. "Auch die Amerikaner“, sagt Kurnaz, "spielten dieses Spiel mit mir.“ Ohne Apfel.

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Eine Dame am Nebentisch blickt herüber. Ist er das? Murat Kurnaz, Häftlingsnummer " Five Zero Three “, der "Bremer Taliban“, einer der "Schlimmsten der Schlimmen“, wie George W. Bush die in Käfigen sitzenden Leute wie ihn nannte?

Ja, er ist es. Den orangen Overall hat er durch eine flatternde Hose türkischen Schnitts ersetzt, den grimmigen Rauschebart abrasiert. Kurnaz, der in Bremen geborene Türke, avanciert nun zu einem der wichtigsten Kronzeugen gegen westliche Menschenrechtsverletzungen im Krieg gegen den Terror.

Der Spionageautor John Le Carré besuchte Kurnaz und nennt seine in Buchform erschienene Memoiren ( Fünf Jahre meines Lebens , Rowohlt) bereits die "wahrhaftigste und würdigste“ Abrechnung mit der "Schande von Guantánamo“. Die Sängerin Patti Smith widmete ihm einen Song, die Schauspielerin Vanessa Redgrave empfiehlt seinen Fall als Lektüre. Das britische Magazin Economist vergleicht Kurnaz’ humorvollen Erzählstil sogar mit dem Jonathan Swifts, Autor von Gullivers Reisen . Es wird wohl nicht lange dauern, ehe Hollywood anklopft.

Bis dahin wird Kurnaz aber noch im Kinderzimmer bei seinen türkischen Eltern in Bremens Arbeiterviertel Hemelingen leben. Fünf Jahre bangten die in den 70er-Jahren eingewanderten Gastarbeiter um ihren Sohn. Sie wollten nicht glauben, dass ihr Junge einfach so im rechtlichen Niemandsland verschwinden kann. Ohne Anklage, ohne Richter, ohne Beweise.

Doch genau das geschah – und zwar nicht in irgendeiner arabischen Despotie, sondern im Heimatland der Menschenrechte, den USA. "Als Anwalt“, sagt Kurnaz’ Rechtsvertreter Bernhard Docke, "war ich mit meinem Handwerkszeug plötzlich machtlos.“

Kurnaz kam nach Interventionen frei, weil er nachweislich unschuldig ist, doch das Internierungslager gibt es immer noch. Auch deshalb reist er nun um die Welt. An diesem Donnerstag kommt er nach Wien, um zum 60. Jahrestag der Erklärung der Menschenrechte einen Wunsch zu formulieren. Das neutrale Österreich solle Barack Obama dabei helfen, das Lager zu leeren und in Europa mit gutem Beispiel vorangehen. So wie Schweden oder Albanien solle Wien ein paar jener Häftlinge aufnehmen, die nicht mehr in ihre Heimat zurückkehren dürfen, weil ihnen dort Folter oder soziale Isolation drohen.

Leser-Kommentare
  1. In der ZEIT hätte ich das nicht erwartet ... Der Verfasser von Gullivers Reisen heißt Jonathan Swift. Wahrscheinlich hat man ihn mit dem ähnlich klingenden Titelhelden von Charles Dickens' Roman Oliver Twist verwechselt. Oder war das britische Magazin Economist schuld, das "Kurnaz’ humorvollen Erzählstil sogar mit dem Oliver Swifts, Autor von Gullivers Reisen", vergleicht. "Es wird wohl nicht lange dauern, ehe Hollywood anklopft", heißt es im Beitrag. Wenn dem so sein sollte, dann aber bitte mit korrektem Autorennamen ;-)

  2. Es gibt bereits ein Land, das zwischen NY und LA genügend Platz für die befreiten Gefangenen bietet und diesen sowieso noch eine gewaltige Entschädigung schuldet. An dieser dürfen sich die Schröders und Fischers und Schilys natürlich gerne beteiligen. Selbiges gilt für die Progandisten des Neokonsevatismus, Transatlantizismus und verwandter -ismen in den deutschen Medien, die Amerikas "War against Terra" über Jahre mit am Laufen hielten.

    • 7tage
    • 04.12.2008 um 12:11 Uhr

    Selbst wenn diese Häflinge vor ihrer Zeit in Guantanamo völlig harmlos waren, so denke ich, dass sie es jetzt nicht mehr sind.
    Insofern sehe ich die Aufnahme, noch dazu von mehreren auf einmal, mit Skepsis.

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    • Rahab
    • 04.12.2008 um 12:22 Uhr

    diese ex-häftlinge könnten von ihren folterern zuviel gelernt haben? und versucht sein, das gelernte weiterzugeben?

    • Rahab
    • 04.12.2008 um 12:22 Uhr

    diese ex-häftlinge könnten von ihren folterern zuviel gelernt haben? und versucht sein, das gelernte weiterzugeben?

    • Rahab
    • 04.12.2008 um 12:22 Uhr

    diese ex-häftlinge könnten von ihren folterern zuviel gelernt haben? und versucht sein, das gelernte weiterzugeben?

    Antwort auf "Ex-Häftlinge"
  3. Und die Insassen selber in den USA aufnehmen, wie wäre das ?

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    • Rahab
    • 04.12.2008 um 12:40 Uhr

    wie wäre es, die ex-häftlinge selbst zu fragen? und deren wünsche zu berücksichtigen? wobei dann eben herauskommen kann, dass der eine oder andere lieber nicht zwischen NY und LA aufgenommen würde.... u.a. wegen befürchteter re-traumatiserung in permanenz.
    wohin also mit den dis-placed persons? mit denen, die innerlich ent-heimatet wurden?

    • Rahab
    • 04.12.2008 um 12:40 Uhr

    wie wäre es, die ex-häftlinge selbst zu fragen? und deren wünsche zu berücksichtigen? wobei dann eben herauskommen kann, dass der eine oder andere lieber nicht zwischen NY und LA aufgenommen würde.... u.a. wegen befürchteter re-traumatiserung in permanenz.
    wohin also mit den dis-placed persons? mit denen, die innerlich ent-heimatet wurden?

    • Colon
    • 04.12.2008 um 12:39 Uhr

    Schön, wieder einmal eine dichte und kluge Reportage des Herrn Klenk zu lesen.
    Der "Falter" ist sowieso klug.

    Die Idee, die Häftlinge auf verschiedene Staaten ihrer Wahl, die sie ohne Folterpraxis und erneute willkürliche Verhaftungen aufnehmen zu verteilen, ist doch nicht schlecht. - Deutschland müsste nur einen kleineren Anteil aufnehmen, denn die Regierung Schröder/Fischer beteiligte sich nur indirekt und mit geringen Mitteln am "War on terror". Aber die deutsche Diplomatie, der Chef heißt ja nun Steinmeier, könnte etwas gut machen, ohne undiplomatisch Fehler eingestehen zu müssen.

    Wir sollten daher diplomatisch zurückfragen, wie vielen Häftlingen die Vereinigten Staaten ein neues Leben oder die Rückkehr in ihr altes ermöglichen möchten (Mitgefangen, jahrelange Haft, kein Urteil, keine Entlastung vor einem Gericht), welche Hilfen, es sind ja wiederum keine Unsummen nötig und sie müssen auch nicht als Entschädigung deklariert werden, dafür zur Verfügung stehen. - Selbst bei Ablehnung solcher Anfragen, ein paar Häftlinge sollten wir schon aufnehmen können.

    Übrigens steht im Falter Original-Text, Link am unteren Ende des Textes, korrekt Jonathan Swift. War das dort das schnelle Lektorat, der kluge Chef/die kluge Chefin vom Dienst mit Allgemeinbildung tätig, war es immer schon so? Hat dann die ZEIT-Redaktion "verschlimmbösert" (de Coster, Ulenspiegel, übers. v. Karl Wolfskehl)? - Ist das Ausdruck der Medienkrise?

    Ich habe mich jedenfalls auch an Herrn Klenks Schreibstil erfreut.

    Grüße und Mahlzeit

    C. Leusch

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    Sehr geehrter C. Leusch,
    Sie haben natürlich Recht – der gute Herr Swift hieß Jonathan, nicht Oliver. Wir haben den Fehler korrigiert.
    Vielen Dank für Ihren Hinweis sagt,

    Johannes Kuhn, Redaktion ZEIT ONLINE

    Sehr geehrter C. Leusch,
    Sie haben natürlich Recht – der gute Herr Swift hieß Jonathan, nicht Oliver. Wir haben den Fehler korrigiert.
    Vielen Dank für Ihren Hinweis sagt,

    Johannes Kuhn, Redaktion ZEIT ONLINE

    • Rahab
    • 04.12.2008 um 12:40 Uhr

    wie wäre es, die ex-häftlinge selbst zu fragen? und deren wünsche zu berücksichtigen? wobei dann eben herauskommen kann, dass der eine oder andere lieber nicht zwischen NY und LA aufgenommen würde.... u.a. wegen befürchteter re-traumatiserung in permanenz.
    wohin also mit den dis-placed persons? mit denen, die innerlich ent-heimatet wurden?

    • carol
    • 04.12.2008 um 13:08 Uhr

    das liest sich ja wirklich nicht nett.
    Guantanamo ist ein weg den die Amis nicht hätten gehen dürfen. so etwas passiert nicht von alleine. in so ein system sind viele menschen verwickelt die sowas erst ermöglichen. das sehe ich durchaus stellvertretend für die ganze USA. nicht ohne grund wurde Bush ein zweites mal gewählt und McCain hat trotz allem immer noch 47% der wahlmännerstimmen erhalten!
    vielen denken, dass mit Obama alles wieder gut wird, erst muss der ganze weg zurückgegangen werden.
    vielleicht wäre eine "wiedergutmachung" der Amis nicht schlecht. aber das wirklich anzunehmen ist naiv. die haben sich schon extrem schwer getan, das Camp als unrechtmässig anzusehen.

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