Menschenrechte Der Mann, der aus der Folter kam
Der Bremer Murat Kurnaz saß fünf Jahre in Guantánamo. Nun reist er durch Europa und bittet die EU um eine ungewöhnliche Geste

© PIERRE-PHILIPPE MARCOU/AFP/Getty Images
Er wurde in Guantánamo jahrelang gequält. Nun bittet Murat Kurnaz Europa um Hilfe für seine ehemaligen Leidensgenossen
Murat Kurnaz sitzt in einer Bremer Pizzeria und erzählt einen Witz. Was, fragt er, unterscheidet einen Guantánamo-Häftling von einem Iguana? "Das Reptil darf nicht gequält werden. Es steht unter dem Schutz internationaler Gesetze.“
Kurnaz lacht. Er steckt sich ein Tortellini in den Mund und fragt: "Kennen Sie Apfelbeißen?“ Als Schulkind in Bremen hatte er das Spiel geliebt. In einem Eimer schwamm der Apfel, und die Kleinen mussten ein Stück davon abbeißen, ohne dabei die Hände zu verwenden. "Auch die Amerikaner“, sagt Kurnaz, "spielten dieses Spiel mit mir.“ Ohne Apfel.
Eine Dame am Nebentisch blickt herüber. Ist er das? Murat Kurnaz, Häftlingsnummer " Five Zero Three “, der "Bremer Taliban“, einer der "Schlimmsten der Schlimmen“, wie George W. Bush die in Käfigen sitzenden Leute wie ihn nannte?
Ja, er ist es. Den orangen Overall hat er durch eine flatternde Hose türkischen Schnitts ersetzt, den grimmigen Rauschebart abrasiert. Kurnaz, der in Bremen geborene Türke, avanciert nun zu einem der wichtigsten Kronzeugen gegen westliche Menschenrechtsverletzungen im Krieg gegen den Terror.
Der Spionageautor John Le Carré besuchte Kurnaz und nennt seine in Buchform erschienene Memoiren ( Fünf Jahre meines Lebens , Rowohlt) bereits die "wahrhaftigste und würdigste“ Abrechnung mit der "Schande von Guantánamo“. Die Sängerin Patti Smith widmete ihm einen Song, die Schauspielerin Vanessa Redgrave empfiehlt seinen Fall als Lektüre. Das britische Magazin Economist vergleicht Kurnaz’ humorvollen Erzählstil sogar mit dem Jonathan Swifts, Autor von Gullivers Reisen . Es wird wohl nicht lange dauern, ehe Hollywood anklopft.
Bis dahin wird Kurnaz aber noch im Kinderzimmer bei seinen türkischen Eltern in Bremens Arbeiterviertel Hemelingen leben. Fünf Jahre bangten die in den 70er-Jahren eingewanderten Gastarbeiter um ihren Sohn. Sie wollten nicht glauben, dass ihr Junge einfach so im rechtlichen Niemandsland verschwinden kann. Ohne Anklage, ohne Richter, ohne Beweise.
Doch genau das geschah – und zwar nicht in irgendeiner arabischen Despotie, sondern im Heimatland der Menschenrechte, den USA. "Als Anwalt“, sagt Kurnaz’ Rechtsvertreter Bernhard Docke, "war ich mit meinem Handwerkszeug plötzlich machtlos.“
Kurnaz kam nach Interventionen frei, weil er nachweislich unschuldig ist, doch das Internierungslager gibt es immer noch. Auch deshalb reist er nun um die Welt. An diesem Donnerstag kommt er nach Wien, um zum 60. Jahrestag der Erklärung der Menschenrechte einen Wunsch zu formulieren. Das neutrale Österreich solle Barack Obama dabei helfen, das Lager zu leeren und in Europa mit gutem Beispiel vorangehen. So wie Schweden oder Albanien solle Wien ein paar jener Häftlinge aufnehmen, die nicht mehr in ihre Heimat zurückkehren dürfen, weil ihnen dort Folter oder soziale Isolation drohen.
Kurnaz’ Wunsch mag auf den ersten Blick verstörend klingen. Aber auch Manfred Nowak, Wiener Verfassungsrechtsprofessor und UN-Sonderberichterstatter für die Folter, interveniert seit Monaten hinter den Kulissen dafür, dass Österreich und andere EU-Staaten ein paar Ex-Guantánamo-Häftlinge aufnehmen. Nowak hat die Zustände im Lager im Namen der Uno inspiziert - und vernichtend beschrieben. Nun hilft er Obama dabei, das Lager aufzulösen.
Ende 2009 soll es so weit sein. Für 50 der 250 verbliebenen Häftlinge werden aber noch sichere Drittländer gesucht. "Sie würden in ihrer Heimat wohl unmenschlich behandelt werden“, sagt Nowak.
Murat Kurnaz schiebt den Teller mit der Pasta zur Seite, nimmt einen Block zur Hand und zeichnet. "Hier, das Rechteck“, sagt er, "das war mein Käfig. “ Es lag in Camp X-Ray, das erste Lager auf dem US-Militärstützpunkt. Es gibt Fotos, die US-Verteidigungsminister Rumsfeld bei einem Spaziergang durch diese Käfige zeigen. Kurnaz malt zwei Kringel ins Rechteck: "Das sind zwei Eimer. Einer für Wasser, einer für Exkremente.“ Tagsüber brütende Hitze, nächtens feuchte Kälte und das Knattern von Dieselgeneratoren, die die Flutlichtanlage des Lagers mit Strom versorgten. "Die Generatoren waren lauter als mein Motorrad“, sagt Kurnaz. Das Lager war nachts so hell wie das Stadion von Werder Bremen.
"Lichtentzug“, "Schlaf-Management“, "Einsetzung extremer Temperaturen“ und "akustische Stimulation“ hatte Rumsfeld als "kreative Verhörmethoden“ angeordnet und die Soldaten bewusst im Unklaren gelassen, was erlaubt war und was nicht. Kurnaz sagt heute, er habe Häftlinge gesehen, die tot in ihren Käfigen hingen. Selbst dann bekamen sie keinen Respekt. Selbstmörder in Guantánamo, sagte einmal der im Lager tätige Konteradmiral Harry Harris, hätten "keinen Respekt vor dem Leben. Weder vor unserem noch vor ihrem eigenen“.
So dachten und so denken sie in diesem Lager. Kurnaz sah Gefangene, deren verletzte Beine verfaulten, er sah einen 14-jährige Jungen und einen 90-jährige Greis. Es gab Männer, die sich zu Tode hungerten, und solche, die mit Nasenschläuchen zwangsernährt wurden. Kurnaz sagt auch, dass seine Arme bei Verhören an die Wände gekettet wurden, damit er endlich gestehe. " Stressful Position “, nennt das Army Field Manual diese Verhörmethode. Das renommierte Magazin New Yorker enthüllte, wie US-Gefangene, auf diese Weise angekettet, starben, weil ihr Blut nicht mehr zirkulieren konnte.
Es sind mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit keine propagandistischen Lügenmärchen, die Kurnaz da erzählt. Viele seiner Vorwürfe werden von Offiziellen bestätigt. FBI-Leute schildern, wie Häftlinge mit im Wahnsinn ausgerissenen Haaren in eisigen Zellen lagen, beschallt von Rapmusik. Vergangene Woche legte die Universität Berkeley die erste umfassende Studie zu Guantánamo vor. 62 entlassene Häftlinge (darunter auch Kurnaz) und rund 50 amerikanische Geheimdienstler wurden interviewt. Conclusio: Häftlinge wurden nicht nur ohne Anklage jahrelang ihrer Freiheit beraubt, sie wurden auch mit Vorsatz seelisch gebrochen.
Dieses System, so stellt eine andere, soeben erschienene Studie des Centers for International Studies fest, machte nicht nur Islamisten in aller Welt heiß, es war auch höchst ineffektiv: Von 770 Menschen, die in Guantánamo einsaßen, so die Studie, wurden nur 23 Personen konkrete Kriegsverbrechen angelastet. Nur zwei davon wurden bisher zu – geringen – Haftstrafen verurteilt. Wo rechtsstaatliche Willkür herrscht, arbeiten Ermittler schlampig.
Noch etwas stellen die Rechtssoziologen aus Berkeley fest: Ex-Häftlinge finden kaum zurück in den Alltag, aufgrund des "Guantánamo-Stigmas“. Die autoritären Staaten, aus denen sie kommen, Saudi-Arabien, Afghanistan, Irak, Jemen, China, foltern die Rückkehrer mitunter. Zumindest aber hetzen sie ihnen Geheimdienste auf den Hals, die sie – wie auch im Fall Kurnaz in Deutschland geschehen – bis auf die Toilette verfolgen.
Äußerst schäbig verhielt sich die rot-grüne deutsche Regierung, die sich im Irakkrieg als hochmoralisch inszenierte. Während Deutschlands damaliger Geheimdienstkoordinator, der heutige Außenminister und SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier, Geheimdienstler zu Kurnaz nach Guantánamo schickte, vertröstete der grüne Joschka Fischer Kurnaz’ Mutter in Briefen mit warmen Worten. Man könne ihrem Jungen leider nicht helfen, schrieb er, er habe leider nur die türkische Staatsbürgerschaft. Erst auf Intervention von Kanzlerin Angela Merkel kam er später frei und nach Bremen zurück.
Man muss, um Guantánamo und Kurnaz’ Drama zu erklären, noch einmal ins Jahr 2001 zurückblicken. Als in New York die Türme einstürzten und die Medien von einem "Weltkrieg“ sprachen, entdeckten vor allem die Deutschen, dass in ihren Städten sogenannte Schläfer lebten. In Ulm, Berlin, Hamburg, aber auch Bremen predigten radikalisierte Imame. Der Geheimdienst witterte in jeder Moschee Islamisten. So geriet Murat Kurnaz unter Verdacht.
Auch der damals 19-jährige Bremer Schiffbaulehrling entdeckte damals die düstere Welt der Prediger für sich. Als Türsteher soff und prügelte sich Kurnaz durch die Vorstadt. Der fromme Muslim Kurnaz aber ließ sich einen Bart wachsen und blätterte im Koran. Mit dort aufgeschnappten Weisheiten belästigte er seine Mutter, eine blondgefärbte Kemalistin aus der Türkei. "Trag ein Kopftuch!“, herrschte er sie an. Seine Arbeitskollegen ermahnte er, mit dem Rauchen aufzuhören. "Diese verdammten arabischen Prediger!“, klagte Mutter Kurnaz, "sie hatten meinem Murat das Hirn gewaschen.“
Vermutlich war Kurnaz auf dem Weg zur Radikalisierung. Er wollte Koranschulen kennenlernen, ein Monat wollte durch Pakistan reisen. Wollte er in den Krieg gegen die USA ziehen? "Nein!“, wehrte Kurnaz später vor dem Militärtribunal ab, "ich habe es genossen, Märkte zu besuchen. Ich mochte es, was sie dort mit den Kobras machten.“
Fest steht: Er hatte weder Waffen noch viel Geld bei sich. Er war in keinem Terrorlager, in seiner Tasche fand sich nur ein Retourticket nach Bremen. Es verfiel. Die Rückfahrt nach Deutschland trat er erst fünf Jahre später, im August 2006, in einer Militärfrachtmaschine der US-Armee an – angekettet, mit verbundenen Augen.
( Mit freundlicher Genehmigung der Wiener Stadtzeitung Falter )
- Datum 19.12.2008 - 07:08 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE, Falter
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In der ZEIT hätte ich das nicht erwartet ... Der Verfasser von Gullivers Reisen heißt Jonathan Swift. Wahrscheinlich hat man ihn mit dem ähnlich klingenden Titelhelden von Charles Dickens' Roman Oliver Twist verwechselt. Oder war das britische Magazin Economist schuld, das "Kurnaz’ humorvollen Erzählstil sogar mit dem Oliver Swifts, Autor von Gullivers Reisen", vergleicht. "Es wird wohl nicht lange dauern, ehe Hollywood anklopft", heißt es im Beitrag. Wenn dem so sein sollte, dann aber bitte mit korrektem Autorennamen ;-)
Es gibt bereits ein Land, das zwischen NY und LA genügend Platz für die befreiten Gefangenen bietet und diesen sowieso noch eine gewaltige Entschädigung schuldet. An dieser dürfen sich die Schröders und Fischers und Schilys natürlich gerne beteiligen. Selbiges gilt für die Progandisten des Neokonsevatismus, Transatlantizismus und verwandter -ismen in den deutschen Medien, die Amerikas "War against Terra" über Jahre mit am Laufen hielten.
Selbst wenn diese Häflinge vor ihrer Zeit in Guantanamo völlig harmlos waren, so denke ich, dass sie es jetzt nicht mehr sind.
Insofern sehe ich die Aufnahme, noch dazu von mehreren auf einmal, mit Skepsis.
diese ex-häftlinge könnten von ihren folterern zuviel gelernt haben? und versucht sein, das gelernte weiterzugeben?
diese ex-häftlinge könnten von ihren folterern zuviel gelernt haben? und versucht sein, das gelernte weiterzugeben?
diese ex-häftlinge könnten von ihren folterern zuviel gelernt haben? und versucht sein, das gelernte weiterzugeben?
Und die Insassen selber in den USA aufnehmen, wie wäre das ?
wie wäre es, die ex-häftlinge selbst zu fragen? und deren wünsche zu berücksichtigen? wobei dann eben herauskommen kann, dass der eine oder andere lieber nicht zwischen NY und LA aufgenommen würde.... u.a. wegen befürchteter re-traumatiserung in permanenz.
wohin also mit den dis-placed persons? mit denen, die innerlich ent-heimatet wurden?
wie wäre es, die ex-häftlinge selbst zu fragen? und deren wünsche zu berücksichtigen? wobei dann eben herauskommen kann, dass der eine oder andere lieber nicht zwischen NY und LA aufgenommen würde.... u.a. wegen befürchteter re-traumatiserung in permanenz.
wohin also mit den dis-placed persons? mit denen, die innerlich ent-heimatet wurden?
Schön, wieder einmal eine dichte und kluge Reportage des Herrn Klenk zu lesen.
Der "Falter" ist sowieso klug.
Die Idee, die Häftlinge auf verschiedene Staaten ihrer Wahl, die sie ohne Folterpraxis und erneute willkürliche Verhaftungen aufnehmen zu verteilen, ist doch nicht schlecht. - Deutschland müsste nur einen kleineren Anteil aufnehmen, denn die Regierung Schröder/Fischer beteiligte sich nur indirekt und mit geringen Mitteln am "War on terror". Aber die deutsche Diplomatie, der Chef heißt ja nun Steinmeier, könnte etwas gut machen, ohne undiplomatisch Fehler eingestehen zu müssen.
Wir sollten daher diplomatisch zurückfragen, wie vielen Häftlingen die Vereinigten Staaten ein neues Leben oder die Rückkehr in ihr altes ermöglichen möchten (Mitgefangen, jahrelange Haft, kein Urteil, keine Entlastung vor einem Gericht), welche Hilfen, es sind ja wiederum keine Unsummen nötig und sie müssen auch nicht als Entschädigung deklariert werden, dafür zur Verfügung stehen. - Selbst bei Ablehnung solcher Anfragen, ein paar Häftlinge sollten wir schon aufnehmen können.
Übrigens steht im Falter Original-Text, Link am unteren Ende des Textes, korrekt Jonathan Swift. War das dort das schnelle Lektorat, der kluge Chef/die kluge Chefin vom Dienst mit Allgemeinbildung tätig, war es immer schon so? Hat dann die ZEIT-Redaktion "verschlimmbösert" (de Coster, Ulenspiegel, übers. v. Karl Wolfskehl)? - Ist das Ausdruck der Medienkrise?
Ich habe mich jedenfalls auch an Herrn Klenks Schreibstil erfreut.
Grüße und Mahlzeit
C. Leusch
Sehr geehrter C. Leusch,
Sie haben natürlich Recht – der gute Herr Swift hieß Jonathan, nicht Oliver. Wir haben den Fehler korrigiert.
Vielen Dank für Ihren Hinweis sagt,
Johannes Kuhn, Redaktion ZEIT ONLINE
Sehr geehrter C. Leusch,
Sie haben natürlich Recht – der gute Herr Swift hieß Jonathan, nicht Oliver. Wir haben den Fehler korrigiert.
Vielen Dank für Ihren Hinweis sagt,
Johannes Kuhn, Redaktion ZEIT ONLINE
wie wäre es, die ex-häftlinge selbst zu fragen? und deren wünsche zu berücksichtigen? wobei dann eben herauskommen kann, dass der eine oder andere lieber nicht zwischen NY und LA aufgenommen würde.... u.a. wegen befürchteter re-traumatiserung in permanenz.
wohin also mit den dis-placed persons? mit denen, die innerlich ent-heimatet wurden?
das liest sich ja wirklich nicht nett.
Guantanamo ist ein weg den die Amis nicht hätten gehen dürfen. so etwas passiert nicht von alleine. in so ein system sind viele menschen verwickelt die sowas erst ermöglichen. das sehe ich durchaus stellvertretend für die ganze USA. nicht ohne grund wurde Bush ein zweites mal gewählt und McCain hat trotz allem immer noch 47% der wahlmännerstimmen erhalten!
vielen denken, dass mit Obama alles wieder gut wird, erst muss der ganze weg zurückgegangen werden.
vielleicht wäre eine "wiedergutmachung" der Amis nicht schlecht. aber das wirklich anzunehmen ist naiv. die haben sich schon extrem schwer getan, das Camp als unrechtmässig anzusehen.
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