Menschenrechte Der Mann, der aus der Folter kamSeite 3/3

Äußerst schäbig verhielt sich die rot-grüne deutsche Regierung, die sich im Irakkrieg als hochmoralisch inszenierte. Während Deutschlands damaliger Geheimdienstkoordinator, der heutige Außenminister und SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier, Geheimdienstler zu Kurnaz nach Guantánamo schickte, vertröstete der grüne Joschka Fischer Kurnaz’ Mutter in Briefen mit warmen Worten. Man könne ihrem Jungen leider nicht helfen, schrieb er, er habe leider nur die türkische Staatsbürgerschaft. Erst auf Intervention von Kanzlerin Angela Merkel kam er später frei und nach Bremen zurück.

Man muss, um Guantánamo und Kurnaz’ Drama zu erklären, noch einmal ins Jahr 2001 zurückblicken. Als in New York die Türme einstürzten und die Medien von einem "Weltkrieg“ sprachen, entdeckten vor allem die Deutschen, dass in ihren Städten sogenannte Schläfer lebten. In Ulm, Berlin, Hamburg, aber auch Bremen predigten radikalisierte Imame. Der Geheimdienst witterte in jeder Moschee Islamisten. So geriet Murat Kurnaz unter Verdacht.

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Auch der damals 19-jährige Bremer Schiffbaulehrling entdeckte damals die düstere Welt der Prediger für sich. Als Türsteher soff und prügelte sich Kurnaz durch die Vorstadt. Der fromme Muslim Kurnaz aber ließ sich einen Bart wachsen und blätterte im Koran. Mit dort aufgeschnappten Weisheiten belästigte er seine Mutter, eine blondgefärbte Kemalistin aus der Türkei. "Trag ein Kopftuch!“, herrschte er sie an. Seine Arbeitskollegen ermahnte er, mit dem Rauchen aufzuhören. "Diese verdammten arabischen Prediger!“, klagte Mutter Kurnaz, "sie hatten meinem Murat das Hirn gewaschen.“

Vermutlich war Kurnaz auf dem Weg zur Radikalisierung. Er wollte Koranschulen kennenlernen, ein Monat wollte durch Pakistan reisen. Wollte er in den Krieg gegen die USA ziehen? "Nein!“, wehrte Kurnaz später vor dem Militärtribunal ab, "ich habe es genossen, Märkte zu besuchen. Ich mochte es, was sie dort mit den Kobras machten.“

Fest steht: Er hatte weder Waffen noch viel Geld bei sich. Er war in keinem Terrorlager, in seiner Tasche fand sich nur ein Retourticket nach Bremen. Es verfiel. Die Rückfahrt nach Deutschland trat er erst fünf Jahre später, im August 2006, in einer Militärfrachtmaschine der US-Armee an – angekettet, mit verbundenen Augen.

( Mit freundlicher Genehmigung der Wiener Stadtzeitung Falter )

 
Leser-Kommentare
  1. In der ZEIT hätte ich das nicht erwartet ... Der Verfasser von Gullivers Reisen heißt Jonathan Swift. Wahrscheinlich hat man ihn mit dem ähnlich klingenden Titelhelden von Charles Dickens' Roman Oliver Twist verwechselt. Oder war das britische Magazin Economist schuld, das "Kurnaz’ humorvollen Erzählstil sogar mit dem Oliver Swifts, Autor von Gullivers Reisen", vergleicht. "Es wird wohl nicht lange dauern, ehe Hollywood anklopft", heißt es im Beitrag. Wenn dem so sein sollte, dann aber bitte mit korrektem Autorennamen ;-)

  2. Es gibt bereits ein Land, das zwischen NY und LA genügend Platz für die befreiten Gefangenen bietet und diesen sowieso noch eine gewaltige Entschädigung schuldet. An dieser dürfen sich die Schröders und Fischers und Schilys natürlich gerne beteiligen. Selbiges gilt für die Progandisten des Neokonsevatismus, Transatlantizismus und verwandter -ismen in den deutschen Medien, die Amerikas "War against Terra" über Jahre mit am Laufen hielten.

    • 7tage
    • 04.12.2008 um 12:11 Uhr

    Selbst wenn diese Häflinge vor ihrer Zeit in Guantanamo völlig harmlos waren, so denke ich, dass sie es jetzt nicht mehr sind.
    Insofern sehe ich die Aufnahme, noch dazu von mehreren auf einmal, mit Skepsis.

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    • Rahab
    • 04.12.2008 um 12:22 Uhr

    diese ex-häftlinge könnten von ihren folterern zuviel gelernt haben? und versucht sein, das gelernte weiterzugeben?

    • Rahab
    • 04.12.2008 um 12:22 Uhr

    diese ex-häftlinge könnten von ihren folterern zuviel gelernt haben? und versucht sein, das gelernte weiterzugeben?

    • Rahab
    • 04.12.2008 um 12:22 Uhr

    diese ex-häftlinge könnten von ihren folterern zuviel gelernt haben? und versucht sein, das gelernte weiterzugeben?

    Antwort auf "Ex-Häftlinge"
  3. Und die Insassen selber in den USA aufnehmen, wie wäre das ?

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    • Rahab
    • 04.12.2008 um 12:40 Uhr

    wie wäre es, die ex-häftlinge selbst zu fragen? und deren wünsche zu berücksichtigen? wobei dann eben herauskommen kann, dass der eine oder andere lieber nicht zwischen NY und LA aufgenommen würde.... u.a. wegen befürchteter re-traumatiserung in permanenz.
    wohin also mit den dis-placed persons? mit denen, die innerlich ent-heimatet wurden?

    • Rahab
    • 04.12.2008 um 12:40 Uhr

    wie wäre es, die ex-häftlinge selbst zu fragen? und deren wünsche zu berücksichtigen? wobei dann eben herauskommen kann, dass der eine oder andere lieber nicht zwischen NY und LA aufgenommen würde.... u.a. wegen befürchteter re-traumatiserung in permanenz.
    wohin also mit den dis-placed persons? mit denen, die innerlich ent-heimatet wurden?

    • Colon
    • 04.12.2008 um 12:39 Uhr

    Schön, wieder einmal eine dichte und kluge Reportage des Herrn Klenk zu lesen.
    Der "Falter" ist sowieso klug.

    Die Idee, die Häftlinge auf verschiedene Staaten ihrer Wahl, die sie ohne Folterpraxis und erneute willkürliche Verhaftungen aufnehmen zu verteilen, ist doch nicht schlecht. - Deutschland müsste nur einen kleineren Anteil aufnehmen, denn die Regierung Schröder/Fischer beteiligte sich nur indirekt und mit geringen Mitteln am "War on terror". Aber die deutsche Diplomatie, der Chef heißt ja nun Steinmeier, könnte etwas gut machen, ohne undiplomatisch Fehler eingestehen zu müssen.

    Wir sollten daher diplomatisch zurückfragen, wie vielen Häftlingen die Vereinigten Staaten ein neues Leben oder die Rückkehr in ihr altes ermöglichen möchten (Mitgefangen, jahrelange Haft, kein Urteil, keine Entlastung vor einem Gericht), welche Hilfen, es sind ja wiederum keine Unsummen nötig und sie müssen auch nicht als Entschädigung deklariert werden, dafür zur Verfügung stehen. - Selbst bei Ablehnung solcher Anfragen, ein paar Häftlinge sollten wir schon aufnehmen können.

    Übrigens steht im Falter Original-Text, Link am unteren Ende des Textes, korrekt Jonathan Swift. War das dort das schnelle Lektorat, der kluge Chef/die kluge Chefin vom Dienst mit Allgemeinbildung tätig, war es immer schon so? Hat dann die ZEIT-Redaktion "verschlimmbösert" (de Coster, Ulenspiegel, übers. v. Karl Wolfskehl)? - Ist das Ausdruck der Medienkrise?

    Ich habe mich jedenfalls auch an Herrn Klenks Schreibstil erfreut.

    Grüße und Mahlzeit

    C. Leusch

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    Sehr geehrter C. Leusch,
    Sie haben natürlich Recht – der gute Herr Swift hieß Jonathan, nicht Oliver. Wir haben den Fehler korrigiert.
    Vielen Dank für Ihren Hinweis sagt,

    Johannes Kuhn, Redaktion ZEIT ONLINE

    Sehr geehrter C. Leusch,
    Sie haben natürlich Recht – der gute Herr Swift hieß Jonathan, nicht Oliver. Wir haben den Fehler korrigiert.
    Vielen Dank für Ihren Hinweis sagt,

    Johannes Kuhn, Redaktion ZEIT ONLINE

    • Rahab
    • 04.12.2008 um 12:40 Uhr

    wie wäre es, die ex-häftlinge selbst zu fragen? und deren wünsche zu berücksichtigen? wobei dann eben herauskommen kann, dass der eine oder andere lieber nicht zwischen NY und LA aufgenommen würde.... u.a. wegen befürchteter re-traumatiserung in permanenz.
    wohin also mit den dis-placed persons? mit denen, die innerlich ent-heimatet wurden?

    • carol
    • 04.12.2008 um 13:08 Uhr

    das liest sich ja wirklich nicht nett.
    Guantanamo ist ein weg den die Amis nicht hätten gehen dürfen. so etwas passiert nicht von alleine. in so ein system sind viele menschen verwickelt die sowas erst ermöglichen. das sehe ich durchaus stellvertretend für die ganze USA. nicht ohne grund wurde Bush ein zweites mal gewählt und McCain hat trotz allem immer noch 47% der wahlmännerstimmen erhalten!
    vielen denken, dass mit Obama alles wieder gut wird, erst muss der ganze weg zurückgegangen werden.
    vielleicht wäre eine "wiedergutmachung" der Amis nicht schlecht. aber das wirklich anzunehmen ist naiv. die haben sich schon extrem schwer getan, das Camp als unrechtmässig anzusehen.

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