Hélène Grimaud"Gefährtin in der Einsamkeit"

Erst hat sich die französische Pianistin unter die Wölfe gewagt, jetzt an Johann Sebastian Bach. Ein Gespräch über den Umgang mit einem barocken Universalgenie

Die Französin Hélène Grimaud will nicht als Wolfsfrau am Klavier gelten

Die Französin Hélène Grimaud will nicht als Wolfsfrau am Klavier gelten

ZEIT ONLINE: Frau Grimaud, wie viel Scheu haben Sie als Interpretin vor dem Universalgenie Johann Sebastian Bach?

Hélène Grimaud: Ich habe schon als Kind häufig Bach gespielt, er war sozusagen mein tägliches Brot. Insofern habe ich auch keine Berührungsängste. Manche anderen Musiker verehren ihn wie einen Heiligen und haben Angst davor, seinem Werk nicht gerecht zu werden. Das finde ich schade, denn Bach war ein großer Erneuerer, der stets mit Musik experimentiert hat. Diesen Mut sollte auch der Interpret haben.

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ZEIT ONLINE: Sie haben kürzlich Ihre erste Bach-CD veröffentlicht. Welche Freiheiten haben Sie sich dabei genommen?

Grimaud: Bach macht beispielsweise kaum Angaben zu Tempi und Phrasierungen. Das lässt mir viel Raum zur eigenen Gestaltung. Wenn Bach nur als strenger und rationaler Komponist betrachtet wird, empfinde ich das als oberflächliches Klischee. In der Architektur meint man manchmal auch, lauter rechte Winkel zu erkennen, obwohl das gar nicht stimmt. Es wird lediglich eine Illusion erzeugt. So ähnlich verhält es sich bei Bachs Musik, die nicht nur den Verstand, sondern auch das Herz anspricht. Sonst würden sich sicherlich nicht so viele Menschen dafür begeistern. 

ZEIT ONLINE: Sind auf dem Album viele Stücke zu hören, die Sie schon seit Jahren begleiten?

Grimaud: Ja, die Präludien und Fugen aus dem Wohltemperierten Klavier habe ich bereits sehr früh geübt. Die Musik von Bach ist die beste Gefährtin in der Einsamkeit, die ich mir vorstellen kann. Die Stücke, die ich seit Längerem spiele, sind über viele Jahre in mir gereift. Oft vollziehen sich solche Entwicklungen, ohne dass man sie selbst aktiv beeinflusst.

Leserkommentare
    • Olly66
    • 09.12.2008 um 18:16 Uhr

    Die Kunst Der Fuge mit dem Emerson String Quartett. Und dabei an Leibniz denken:
    Musik ist eine geheime Rechenübung der Seele, ohne dass die Seele weiß, dass sie rechnet...

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