ZEIT ONLINE: Oekom research prüft, ob große, börsennotierte Unternehmen zentrale Menschen- und Arbeitnehmerrechte respektieren, und erstellt daraus Ratings. Was ist Ihr Ziel?

Matthias Bönning: Wir bewerten die Emittenten von Aktien oder Anleihen, vor allem die in großen Börsenindizes gelisteten Unternehmen, nach ökologischen und sozialen Kriterien. Unsere Kunden sind hauptsächlich institutionelle Investoren, die ihr Kapital auch nach Nachhaltigkeitsaspekten anlegen wollen.

ZEIT ONLINE: Seite wann beobachten sie die Unternehmen schon?

Frauen der Ijaw-Ethnie aus dem Niger-Delta protestieren im Februar 2006 gegen Luftangriffe der Regierung auf ihre Dörfer. Als Reaktion auf die Attacken griffen Ijaw damals die Ölanlagen von Shell an und entführten neun ausländische Angestellte © Dave Clark/AFP/Getty Images

Bönning: Die Analyse der Menschen- und Arbeitnehmerrechte erstellen wir seit 15 Jahren. Ihre Ergebnisse haben wir jetzt anlässlich des 60. Jahrestags der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte für die im Stoxx 50 notierten Aktiengesellschaften ausgewertet, also für die 50 größten börsennotierten Unternehmen Europas. Grundsätzlich bewerten wir aber auf der Basis des MSCI-World-Index weit mehr Unternehmen auf der ganzen Welt.

ZEIT ONLINE: Ein zentrales Ergebnis Ihrer Analyse ist, dass Verstöße gegen Arbeits- oder Menschenrechte in bestimmten Branchen gehäuft auftreten, etwa in der Öl- und Gasindustrie, im Bergbau und der Metallindustrie, aber auch in der Informationstechnologie und im Einzelhandel. Wie ist das zu erklären?

Bönning: Man muss zwischen Menschen- und Arbeitsrechten unterscheiden. Je nachdem, was man betrachtet, sind unterschiedliche Branchen betroffen. Menschenrechtsverletzungen, zum Beispiel durch Zwangsenteignungen, die Zerstörung von Kulturgütern oder ganz allgemein durch Vorgänge, die Leib und Leben von Menschen gefährden, kommen besonders häufig in der Öl- und Gasindustrie, der Metallbranche oder im Bergbau vor.

Unternehmen dieser Branchen sind vor allem in Ländern aktiv, in denen zentrale Menschenrechte nicht so stark juristisch verankert sind wie anderswo und nicht so gut eingeklagt werden können. Zugleich haben die Firmen einen gewissen Flächenbedarf, zum Beispiel im Tagebau oder der Ölförderung. Dadurch kommt es häufig zu Landnutzungskonflikten.

ZEIT ONLINE: Können Sie Beispiele geben?