Wenn der Staat nach den Rechten seiner Bürger greift, ist das immer heikel. Gefährlich wird es jedoch, wenn er es unauffällig tut: über den Weg der Forschungsförderung. Innenminister Schäuble mag sich medienwirksam gegen den "Unfug" der sogenannten Nacktscanner verwehrt haben. Die Detektoren, die auf der Suche nach Waffen während der Kontrolle am Flughafen die Reisenden bis auf die Haut durchleuchten, würden in Deutschland nicht eingesetzt. Doch die Nacktscanner werden kommen.

Denn während Schäuble noch den ethischen Saubermann spielt, fördert Forschungsministerin Annette Schavan mit 123 Millionen Euro im Programm für zivile Sicherheitsforschung unter anderem genau die Technologie, die Schäuble nicht haben will: Terahertz-Detektoren. Die Strahlung, mit der diese Geräte arbeiten, durchdringt Stoff und macht etwaige am Körper getragene Waffen sichtbar. Die Arbeiten in den Labors haben längst begonnen – praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Die Bedeutung dieses Falls weist über die Sicherheitstechnik hinaus. Denn durch wissenschaftliche Förderprogramme könnte hier ein demokratisches Vakuum entstehen.

Die Gefahr ist umso größer, als das Vertrauen in die Wissenschaft oft blind ist. Was sie tut, scheint erhaben, geschieht auf der Suche nach Wahrheit und ist darum offenbar gut. Doch der Staat greift zuweilen steuernd ein und schafft eine faktisch existierende Technologie, die das Volk vielleicht gar nicht will – wenn man es denn fragen würde.

Terahertz-Scanner, die unbemerkt bis auf die Haut blicken können, und zwar auf eine Distanz von mehreren zig Metern, werden in einigen Jahren marktreif sein. Zwar bemühen sich die beteiligten Forscher zu betonen, die Technologie sei nicht in der Lage, ein scharfes Bild des Körpers zu zeigen. Doch das ist nur eine Frage der Entwicklungsreife. Die Wellenlänge der Terahertz-Strahlung ist so klein, dass es möglich ist, auch Details von einem Millimeter damit sichtbar zu machen. Also fast alles.

Die große Mehrheit erfuhr erst von dieser Technik, als die EU-Kommission öffentlich entschied, sie künftig an Flughäfen einzuführen. Die Medien stürzten sich darauf, Schäuble dementierte, die Technik einführen zu wollen, und die Medien vergaßen das Thema wieder. Aber das Grundproblem bleibt: Vorbei an der demokratischen Öffentlichkeit entwickelt und erprobt der Staat eine Technologie, die ethisch extrem umstritten ist.

Zwar gibt es im Sicherheitsforschungsprogramm unter den vielen geförderten Projekten eines, dass ethische Fragen zu Körperscannern, Videoüberwachung und Mehrfach-Biometrie entwickeln soll. Doch das ist ein Feigenblatt. Diese Forschungsgruppe hat keinerlei Vetorecht, was die heiklen Projekte angeht, und muss sich in einer wissenschaftlichen Atmosphäre behaupten, die durch aufgezwungene Verschwiegenheit und Undurchsichtigkeit vergiftet ist.

Annette Schavan bestreitet dies und betont die Transparenz des staatlichen Programms. Doch wer als Journalist unter den beteiligten Forschern zu recherchieren versucht, trifft auf eine in der freien Forschung in dieser Form absolut unübliche Geheimhaltung und Angst vor Öffentlichkeit.

Was gefördert wird, haben Berater mitbestimmt, die vor allem wirtschaftliche Interessen haben: Industrieunternehmen, die sonst mit militärischer Technik Geld verdienen, hoffen ebenso vom Milliardenmarkt der Sicherheitstechnik zu profitieren wie die im Forschungsprogramm führungsstarke Fraunhofergesellschaft.

Es ist per se nicht verwerflich, anwendungsorientierte Wissenschaft zu fördern, wie es die Bundesregierung im Rahmen ihrer Hightech-Strategie systematisch vorhat. Die Gefahr ist aber, durch Forschung Fakten zu schaffen, die das Volk nicht will. Zum Beispiel, weil es andere ethische Vorstellungen hat als der Staat.

Was also tun? Sollte man das (vermeintlich dumme) Volk demnächst etwa fragen, was die (vermeintlich so viel schlaueren) Wissenschaftler erforschen sollen und dürfen? Ja, das sollte man. Zumindest dann, wenn die Forscher nicht frei forschen, also ihrer eigenen, im Prinzip ideologiefreien Neugier folgen, sondern einem staatlichen Programm folgen, hinter dem politische Wertvorstellungen und Ziele stehen.

Dass solche gesellschaftlichen Debatten möglich sind, zeigt die große öffentliche Diskussion über die Stammzellforschung. Sie ist sogar gesetzlich geregelt. Dort geht es um die Frage, was Leben ist und wie die Forschung damit umzugehen hat. In der Sicherheitsforschung geht es um nicht weniger als die Einschränkung der Freiheits- und Persönlichkeitsrechte.

Doch die gesellschaftliche Debatte beschränkt sich auf einige Zeitungsartikel und ein fragwürdiges Versprechen des Innenministers. Im Sicherheitsforschungsprogramm wird die Technologie unterdessen in vier Projekten fleißig entwickelt. Und die Bundespolizei prüft erste Körperscanner seit diesem Monat im Praxistest. Wenn die Zeit gekommen ist, werden sie eingesetzt. Niemand wird es verhindern können.