Kritik zur Verleihung

Nobels Albtraum

Von China bezahlte Luxusreisen, ein Pharmakonzern als Sponsor und riskante Finanzgeschäfte mit dem Vermögen ihres Begründers: Die Nobelstiftung steht massiv in der Kritik

Die Verleihung der Nobelpreise in Stockholm ist alljährlich auch ein Medienspektakel. Diesmal steht aber im Vorfeld die Nobelstiftung im Scheinwerferlicht, die sich massive Kritik gefallen lassen muss

Die Verleihung der Nobelpreise in Stockholm ist alljährlich auch ein Medienspektakel. Diesmal steht aber im Vorfeld die Nobelstiftung im Scheinwerferlicht, die sich massive Kritik gefallen lassen muss

Es war auch an diesem Mittwoch ein feierlicher Tag in Stockholm als im Konzerthaus traditionell zum Todestag ihres Stifters die Nobelpreise verliehen wurden. Allerdings stand die Nobelstiftung im Vorfeld noch nie so in der öffentlichen Kritik wie in diesem Jahr. Die Vorwürfe wiegen schwer: Von Bestechung und riskanten Fehlspekulationen mit dem Nachlass Alfred Nobels ist die Rede.

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Wie jetzt bekannt wurde, soll das Nobel-Vermögen so weit geschrumpft sein, dass die Finanzierung des Nobelpreisgelds von umgerechnet etwa einer Million Euro pro Disziplin aufgrund der Finanzkrise nicht mehr gesichert sein soll. Zwar müssten die diesjährigen Geehrten nicht um ihr Preisgeld bangen, doch sei nicht mehr gewährleistet, dass die Nobelstiftung auch in Zukunft die vollen Summen ausbezahlen kann, berichtete das öffentlich-rechtliche schwedische Radio SR (Sveriges Radio) .

In der Tat hatte sich die Stiftung im Jahr 2004 darauf geeinigt, einen Teil ihrer Milliarden in Hedgefonds zu investieren. So könne man die Zinseinnahmen deutlich erhöhen, in guten wie in schlechten Wirtschaftszeiten, lautete die Begründung. Das erwies sich als falsch: Die Hedgefonds, darunter ausgerechnet der "Worldwidelong /short fund"  der krisengeschüttelten Investmentbank Carnegie, machen Miese.

Alfred Nobel legte in seinem Testament ausdrücklich fest, dass sein Vermögen in "sichere Wertpapiere" angelegt werden soll. Genau das habe man getan, sagt Åke Alteus, Vizechef der Nobelpreisstiftung und hauptverantwortlich für die Finanzen. "Früher galten Staatsobligationen als sichere Wertpapiere. Heute geht man aber davon aus, dass eine sichere Investition in einem gut ausbalancierten Portfolio mit einer breiten Risikostreuung besteht."

Mittlerweile stehen nicht nur die riskanten Zinsgeschäfte der Stiftung in der Kritik: Pünktlich zur Preisvergabe werden weitere Vorwürfe laut. So enthüllte der Sender SR, dass die Vorsitzenden der Nobelpreiskomitees für Chemie, Physik und Medizin von der chinesischen Regierung auf zwei aufwendige Reisen ins Reich der Mitte eingeladen wurden – das letzte Mal im Januar 2008.

Die chinesische Regierung sorgte gut für die Nobelrichter. Sie zahlte alles – von den Flügen in der Business Class über die Übernachtung in Luxushotels bis zu feinen Abendessen und einer großen Rundreise. Obwohl die Nobelrichter, laut eigenen Angaben, dabei ständig gefragt wurden, was China machen müsse, um Nobelpreise einzuheimsen, empfanden sie die Annahme der Einladungen damals als unproblematisch.

Nun regt sich das schlechte Gewissen. "Hätten wir gewusst, dass der Nobelpreis im Zentrum der Reise steht, hätte ich unseren Mitgliedern abgeraten zu reisen", rechtfertigt sich etwa Gunnar Öqvist, ständiger Sekretär der Königlichen Wissenschaftsakademie gegenüber SR. Sven Lidin vom Komitee für den Chemiepreis sieht hingegen keinen Grund zur Sorge: "Man kann sich vorstellen, dass man sich in einem Grenzfall befindet, aber mich beunruhigt das überhaupt nicht", sagte er. Etwas selbstkritischer reagierte Bertil Fredholm vom Medizinpreis. Er bedauere die Teilnahme an einer Chinareise vor zwei Jahren. Auf die Frage, ob es ein Risiko gebe, dass er sich durch die Reise beeinflussen lasse, antwortete er im Radio ungewöhnlich offen: "Ich glaube das nicht. Aber zu beweisen, dass es nicht so ist, ist nicht leicht."

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Leser-Kommentare

  1. werden nun mal nicht nach noblen Kriterien vergeben. Ich denke da an Kissinger, der gerade in dem Jahr,1973, mit dem Friedensnobelpreis geehrt wurde, als er nachweislich federführend am Putsch gegen den demokratisch gewählten Allende beteiligt war.
    Was die Chinareise angeht: wurden die Preise für Wirtschaftswissenschaften in der wirtschaftsliberalen Ära nicht eventuell mit Reisen gesponsort?
    Chinesen kopieren doch so gern unsere Errungenschaften ...

  2. wenn die wissenschaft das wort ethik nicht kennt, warum sollte das nobelstiftung dieses wort kennen?

  3. ...und warum nur, will ich jetzt nicht empört aufschreien? Richtig, weil es nichts zu schreien gibt. Die Worte "Ethik" und "Geldverdienen" haben seit jeher wenig bis nichts miteinander zu tun. Und warum sollte sich gerade die noble Nobelstiftung wohltuend von allen anderen Wirtschaftsunternehmen unterscheiden? Auch hier sind in den führenden Etagen die Manager zu finden, die allenthalben überall zu finden sind. Geld wird da gemacht, wo man es kann. Wer anderes glaubt, glaubt auch an den Weihnachtsmann.

    In diesem Sinne, allen ein fohes Fest.

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    was ist ein Nobelpreis noch wert, wenn Keiner mehr an eine gerechte Auswahl glaubt? Vielleicht taugt er dann noch für einen Eintrag ins Guiness-Buch der absurden Rekorde, aber in der Wissenschaft könnte er glattweg ignoriert werden...

  4. Man sollte die Kirche im Dorf lassen. Die USA- und West-zentrierte Vergabepraxis hat gute Gründe, aber auch den, daß man vielleicht nicht so genau weiß, was beispielsweise so in China und Indien getan wird. Von alleine fliegen die Verantwortlichen da nicht hin - also muß man sie einladen. Meint wirklich jemand, ein ausgezeichneter amerikanischer Forscher kommt auf eigene Kosten für eine Woche nach Hamburg? Jeder einzelne dieser Wissenschaftler, Wissenschaftspolitiker wird dafür eingeladen. Jede Akkreditierungs- und Evaluierungskomission in Deutschland bekommt alle Auslagen von der betroffenen Einrichtung ersetzt und ich würde mich schwer wundern, wenn es eine gäbe, die nicht auch noch von den bedauernswerten Opfern zum Abendessen eingeladen worden ist.

    Es liegt an den Gutachtern selbst, die Grenzen zu sehen und zu setzen und sich nicht beeinflussen zu lassen. Im vorliegenden Fall, scheint mir, sind die beschriebenen Tatsachen nicht so, daß ein lauter Aufschrei gerechtfertigt wäre - weder einer gegen China, noch einer gegen die Gutachter. Viel mehr Geschmäckle hat da schon die Konzern-Geschichte ...

    Theo Rem

    • 10.12.2008 um 16:00 Uhr
    • self22

    was ist ein Nobelpreis noch wert, wenn Keiner mehr an eine gerechte Auswahl glaubt? Vielleicht taugt er dann noch für einen Eintrag ins Guiness-Buch der absurden Rekorde, aber in der Wissenschaft könnte er glattweg ignoriert werden...

  5. Die Wirtschaftsnobelpreise der Schwedischen Reichsbank möchte ich nicht riechen müssen. Die stinken nämlich. Das liegt daran, dass die Wiwi-Nobelpreise im höchsten Maße politisch sind und die Herrschaftsideologie unserer westlichen Eliten betreffen. Man darf ein gewisses Maß an innewohnender Fehlsichtigkeit unterstellen.

    Die herrschende VWL ist vollkommen mathematisch in sich schlüssig. Nur einige Grundannahmen, sprich versteckte, immanente Grundannahmen sind falsch. Aber kritische Fragesteller, die den versteckten Annahmen auf die Schliche gekommen sind. bleiben grundsätzlich außen vor. Sie könnten die wirtschaftliche Herrschaftsideologie bloß stellen.

    Wundern Sie sich bitte nicht, dass die Wirtschaftskrise weitergeht. Wenn man eine Ursache nicht in der Lehre vorfindent, kann man sie auch nicht bekämpfen.

    Den Rest reimen Sie sich bitte selbst zusammen.

    Gruß
    Bernhard

    • 11.12.2008 um 11:27 Uhr
    • hanni5
    7. HPV

    Zitat: "Durch die Preisvergabe an den Entdecker der HP-Viren würden zusätzlich die international immer noch wegen angeblicher Wirkungslosigkeit und starken Nebenwirkungen umstrittenen flächendeckenden Impfprogramme gegen Gebärmuttelhalskrebs gefördert."

    Eine bessere Recherge bzw. ausgewogene Berichterstattung würde der "Zeit" besser zu Gesicht stehen: Erstens - zur Hausen hat nicht die HPV entdeckt, sondern den Zusammenhang zwischen HPV-Infektion und Gebärmutterhalskrebs postuliert und dann auch nachgewiesen. Zweitens - die Effektivität der Impfstoffe wurde in klinischen Studien erwiesen. Allerdings konnten bis jetzt nur Aussagen über den Schutz vor den Karzinomvorstufen getroffen werden, da die Beobachtungszeiträume nicht ausreichen um zu einer Karzinomentstehung zu führen. Jedoch ist anerkannt, das Karzinome aus den Vorstufen entstehen, vor denen die Impfung schützt. Drittens - die Nebenwirkungen wurden in klinischen Studien beobachtet und unterscheiden sich nicht von anderen Impfungen. Bei den in den Medien spektakulär hervorgehobenen Todesfällen die im zeitlichen Zusammenhang mit einer Impfung aufgetreten sind, handelt es sich wohl um ein rein zufälliges Zusammentreffen von Impfung und ungeklärten Todesfällen- zumindest gab es bei den durchgeführten Untersuchungen keine Anhaltspunkte auf eine ursächliche Beteiligung der Impfung.

    Trotzdem würde ich eine gewisse Kritik unterstützen- und zwar an dem Umstand, das die Grundlagen für die Impfung durch öffentliche Fördermittel geschaffen wurden- der Gewinn jetzt jedoch von Pharmafirmen kassiert wird. Zumindest sollten die, ohne Zweifel trotzdem noch hohen Investitionen der Pharmafirmen inzwischen durch den bisherigen Gewinn mehr als bezahlt sein, so dass ein Preisnachlass für z.B. Entwicklungsländer realisiert werden müsste.

  6. Dass bislang nichts Nobelpreiswürdiges aus China gekommen ist, liegt vielleicht daran, dass da bislang noch nichts Interessantes herausgefunden wurde und falls doch, niemand darüber was verlautbaren ließ. Es lohnt sich auf jeden Fall mal zu untersuchen, warum das so ist. Insofern ist es richtig, dass das Komitee, oder Teile davon, mal nach China gefahren ist. Sollte jemand in China der Meinung gewesen sein, dass das Komitee auf diese Weise, zu bestechen gewesen sein sollte, kann man den Chinesen nur unterstellen, dass sie da was nicht verstanden haben. Man kann keinen Nobelpreis für Murks bekommen (Wirtschaftswissenschaft mal ausgenommen). Man wird sich schon bemühen müssen, was zu Forschen und hinterher auch zu publizieren, vorzugsweise in einer Sprache, die man im Komitee auch versteht.
    Auch der Friedensnobelpreis geht nicht immer an den, den die veröffentlichte Presse wünscht, oder der im Blickpunkt der westlichen Welt ist. Allzu oft fragte ich mich nach der Bekanntgabe der Preise: "Huch, wer ist denn das? Und wofür?"
    Also: Locker bleiben! Vielleicht im nächsten Jahr...
    Und an die Chinesen: Nicht nur kopieren! Auch mal was selber erfinden!

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