Eigentlich machen die knapp 300 Mitarbeiter des amerikanischen Keksherstellers Archway in Ohio zur Weihnachtszeit Überstunden. In den Hallen duftet es dann nach Zimt und Lakritz. Die 40 Firmen-Lkws sind ständig unterwegs, um die runden Weihnachtskekse in die Supermärkte zu fahren. Doch in diesem Monat steht alles still. Die Firma hat Insolvenz angemeldet. Viele Mitarbeiter stehen jetzt nicht nur ohne Job da, sie sitzen plötzlich auch auf hohen Arztrechnungen oder müssen geplante Operationen und Behandlungen absagen. 

Der Fall Archway zeigt eine große Baustelle des amerikanischen Gesundheitssystems: Mit dem Arbeitsplatz geht in den USA meist auch die Krankenversicherung verloren. Sich privat zu versichern können sich viele nicht leisten. "In normalen Zeiten fanden Arbeitslose schnell wieder einen neuen Job. Da war das Problem nicht so groß", sagt Joseph Antos, Gesundheitsexperte beim unternehmernahen American Enterprise Institute. Doch die Zeiten sind längst nicht mehr normal.

10,3 Millionen Amerikaner waren im November ohne Arbeit. Das sind knapp drei Millionen oder 36 Prozent mehr als noch im Januar. Die Prognosen für das kommende Jahr sind düster. Ökonomen rechnen damit, dass die Arbeitslosenquote 2009 von derzeit 6,7 Prozent auf bis zu zehn Prozent ansteigen könnte. Im Durchschnitt verliert mit jedem Arbeitslosen mindestens auch ein Kind oder Lebensgefährte den Versicherungsschutz. 

"Wir haben die Ideen, wir haben die Ressourcen und wir werden bis zum Ende der nächsten Legislaturperiode eine umfassende Krankenversicherung in diesem Land bekommen", hat Obama bereits im vergangenen Jahr versprochen. Bislang sind von seiner großen Gesundheitsreform nur Eckpunkte bekannt: eine erschwingliche Krankenversicherung für alle soll es geben, die Kosten von Vorsorgeuntersuchungen sollen übernommen und 50 Milliarden Dollar in neue Technologie investiert werden, um mittelfristig die Kosten zu drücken. Finanzieren will Obama das Ganze durch höhere Steuern für einkommensstarke Amerikaner und durch eine Art Strafzahlung für Unternehmen, die ihren Mitarbeiten keinen Krankenversicherungsschutz bieten.

Schon Präsident Bill Clinton hat Anfang der neunziger Jahre versucht, das Gesundheitssystem zu reformieren. Die Leitung der health care task force übernahm damals seine Frau, die künftige Außenministerin Hillary Clinton. Doch sie scheiterte. Dieses Mal jedoch, so glauben Branchenkenner, könnte es klappen. "Die Missstände sind so groß, dass Obamas Reform derzeit von allen Seiten Unterstützung bekommt", sagt Julie Barnes, Gesundheitsexpertin beim Washingtoner Thinktank New America Foundation. 

Krankenhäuser, Gewerkschaften und Unternehmen würden von einer umfassenderen Krankenversicherung profitieren. Allerdings, warnt Joseph Antos, könnte es mit der Einigkeit schnell vorbei sein, wenn es um die Details geht. "Alle Beteiligten werden sagen: `Streiche nicht bei uns, geh zu den anderen`", sagt Antos.