Schalke in der Krise Das Ende der fetten Jahre
Im Spätherbst '08 gehört Schalke 04 zum Mittelmaß der Bundesliga. Wieder einmal wird es personelle Konsequenzen geben. Der Verein steht vor einem Umbruch. Eine Analyse
Am 11. Mai 1996 war es Andreas Müller, der den Schalker Knappen mit seinem Kopfballtor in der letzten Minute des Spiels gegen Bayern München den Einzug in den UEFA-Cup bescherte. Was in den Jahren darauf folgte, war die Wandlung des FC Schalke 04 vom mittelmäßigen Chaosklub zum ernsthaften Titelkandidaten. Ob sich Schalkes jetziger Manager an den größten Moment seiner aktiven Zeit dieser Tage erinnert?
Eine Professionalisierung der Infrastruktur ging damals mit dem Kauf gestandener wie teurer Fußballer einher und schürte die Erwartungshaltung, bald dem FC Bayern München auf Augenhöhe entgegen treten zu können.
Nach der UEFA-Cup-Niederlage gegen Twente Enschede ist von den Träumen vergangener Jahre wenig übrig. Schalke im Spätherbst 2008 bedeutet Mittelmaß, steht für ursprünglich talentierte Fußballprofis, die im Kollektiv schmerzhaft unter ihren Möglichkeiten bleiben. Der Einzug in die nächste Runde des UEFA-Cups ist unwahrscheinlich. Trotz aller Lippenbekenntnisse des Vorstands steht auch Müller vor dem unfreiwilligen Abschied.
Das Umfeld gibt dem Manager wegen einer Reihe von Fehleinkäufen die Hauptschuld an der Krise. Ein Blick auf Bank und Tribüne, wo gut bezahlte Profis wie Grossmüller, Lövenkrands oder Streit ihre Verträge absitzen, zeigt das ganze Elend der Schalker Einkaufspolitik.
Doch es sind nicht diese Einzelfälle, es ist die Mischung des Kaders, die hinter den Problem der Gelsenkirchener steckt. Ältere Spieler wie Krstajic und Bordon haben ihren Zenit inzwischen überschritten, Nachwuchstalente wie Rafinha, Pander oder Rakitic sich an ihrem Talent gemessen kaum weiter entwickelt. Dazwischen machen etablierte Spieler wie Ernst oder Kuranyi auch nach Jahren im Verein wenig Anstalten, endlich die in sie gesetzten Führungserwartungen zu erfüllen.
Lasteten die Fans in der vergangenen Saison die spielerische Armut ihres Teams noch Ex-Trainer Slomka an, haben sie nun auch mit dem Großteil der Mannschaft abgeschlossen: Einzig Kämpfer wie Heiko Westermann und Jermaine Jones, vor allem aber junge Talente wie Torwart Manuel Neuer, Verteidiger Benedikt Höwedes oder Nachwuchsspielmacher Levan Kenia gelten noch als Fußballer, die den Verein nach vorne bringen können.
Die Differenz zwischen Anspruch und Wirklichkeit spürte man bereits seit den letzten Jahren der Ära Assauer. Immer wieder bastelten die Schalker an der Zukunft, weil die Gegenwart enttäuschte. Der Unterschied zur aktuellen Krise: Nach den Millioneninvestitionen der vergangenen zwölf Monate fehlt bei einem Ausscheiden aus dem UEFA-Cup das Geld, den Kader mit Spielern zu verstärken, die der Mannschaft weiterhelfen. Im Gegenteil: Im Sommer dürften ambitionierte Stammkräfte wie der Brasilianer Rafinha kaum zu halten sein.
Präsidium, Aufsichtsrat und Umfeld werden sich mit dem drohenden Absturz ins Mittelmaß kaum abfinden. Bereits das Heimspiel am Samstag gegen Hertha BSC dürfte bei einem negativen Verlauf für Mannschaft und Manager zum Spießrutenlauf werden.
Auch Trainer Fred Rutten, erst seit Beginn der Saison im Amt, wird inzwischen nicht nur als Opfer des "Systems Müller", sondern auch als Opfer seines taktischen Starrsinns gesehen. An einem 4-3-3-System festzuhalten, ohne die passenden Offensivkräfte dafür zur Verfügung zu haben, weckt nicht nur in Reihen der Fans Unverständnis.
So munkelt man, dass es im Winter zum nächsten großen Umbruch auf Schalke kommen könnte. Dies wäre ein äußerst ungünstiger Zeitpunkt. Der Trainermarkt ist leer, zudem werden sich etablierte Übungsleiter zweimal überlegen, ob sie in diesem nervösen Umfeld, mit diesem Kader und wahrscheinlich sehr beschränkten finanziellen Mitteln arbeiten möchten. Sollte Rutten wirklich gehen müssen, wäre deshalb Co-Trainer Mike Büskens die wahrscheinlichste Alternative.
Auch für den Managerposten gäbe es kaum überzeugende Kandidaten: Den immer wieder genannten Rainer Calmund und Rolf Rüssmann eilt in der Branche kein uneingeschränkt positiver Ruf voraus. Das Schalker Urgestein Olaf Thon, der ein enges Verhältnis zu Aufsichtsratsboss Clemens Tönnies pflegt, ist Kritikern im Umfeld zu unerfahren.
Wie lange eine Umbruchsphase dauern kann, könnten den Schalkern ausgerechnet die ungeliebten Rivalen aus Dortmund erzählen: 2004 brach der damalige Spitzenklub finanziell und sportlich auseinander. Nach Jahren des Mittelmaßes schnuppert der Verein erst in dieser Saison wieder an höheren Tabellenplätzen.
Aber im Gegensatz zu den Gelsenkirchnern konnten sich die Dortmunder immerhin mit der Erinnerung an drei Meisterschaften innerhalb von zehn Jahren trösten. Nach der Niederlage in Enschede dürfte Schalke den Traum vom Titel auf absehbare Zeit begraben müssen.
- Datum 05.12.2008 - 09:30 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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Der "Meister der Herzen" (warum eigentlich?) war nie eine Spitzenmannschaft und immer seelenlos. Mit der Ära Müller kam die Technokratie, konzeptlose teure Spielerkäufe, die nicht harmonieren und vor allem keine Geduld in Vorstand und Aufsichtrat (diese Herren wissen nicht, was sie tun bzw. tun sollen). Das Schalker Spiel ist seit langem schlicht unattraktiv und altmodisch, nicht auszudenken, man hätte Geduld mit Rangnick gehabt...
Warum würde sich das Umfeld mit dem drohenden Absturz ins Mittelmaß kaum abfinden? Keine Frage, Schalke ist wohl der emotionalste Verein in der Republik, deswegen ist die Enttäuschung auch sehr groß.
Aber dieser Verein, diese Weltanschauung Schalke hat in seiner Geschichte immer und immer wieder gezeigt, dass man sich auch mit weniger abfinden kann und sich mit Hilfe seiner Fans auch wieder selbst aus dem Dreck ziehen kann, wenn alles ganz schlimm wird. Schalke hat nun wirklich schon viel schlimmere Zeiten überstanden.
Sehr geehrter Zeit-Leser,
mit den schlimmeren Zeiten haben Sie absolut Recht. Gleichzeitig herrscht momentan eine Erwartungshaltung im Umfeld, die ein "Gesundschrumpfen" ins Mittelmaß sehr schwierig machen dürfte. Die Reibungsverluste kann jeder Arena-Besucher hautnah erfahren, Stichwort "Pfiffe gegen die eigene Mannschaft".
Ganz abgesehen davon muss der Verein mittelfristig in den internationalen Wettbewerben Geld verdienen, um das wirtschaftliche Überleben zu sichern. Deshalb werden die Verantwortlichen alles daran setzen, ein ähnliches Szenario wie das beim Erzrivalen zu verhindern.
Johannes Kuhn, Redaktion ZEIT ONLINE
Sehr geehrter Zeit-Leser,
mit den schlimmeren Zeiten haben Sie absolut Recht. Gleichzeitig herrscht momentan eine Erwartungshaltung im Umfeld, die ein "Gesundschrumpfen" ins Mittelmaß sehr schwierig machen dürfte. Die Reibungsverluste kann jeder Arena-Besucher hautnah erfahren, Stichwort "Pfiffe gegen die eigene Mannschaft".
Ganz abgesehen davon muss der Verein mittelfristig in den internationalen Wettbewerben Geld verdienen, um das wirtschaftliche Überleben zu sichern. Deshalb werden die Verantwortlichen alles daran setzen, ein ähnliches Szenario wie das beim Erzrivalen zu verhindern.
Johannes Kuhn, Redaktion ZEIT ONLINE
Sehr geehrter Zeit-Leser,
mit den schlimmeren Zeiten haben Sie absolut Recht. Gleichzeitig herrscht momentan eine Erwartungshaltung im Umfeld, die ein "Gesundschrumpfen" ins Mittelmaß sehr schwierig machen dürfte. Die Reibungsverluste kann jeder Arena-Besucher hautnah erfahren, Stichwort "Pfiffe gegen die eigene Mannschaft".
Ganz abgesehen davon muss der Verein mittelfristig in den internationalen Wettbewerben Geld verdienen, um das wirtschaftliche Überleben zu sichern. Deshalb werden die Verantwortlichen alles daran setzen, ein ähnliches Szenario wie das beim Erzrivalen zu verhindern.
Johannes Kuhn, Redaktion ZEIT ONLINE
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