ZEIT ONLINE: Spice entwickelt sich zur neuen Modedroge unter Jugendlichen. Sie rauchen die Kräutermischung, die offiziell als Raumduft verkauft wird. Als Droge wirkt sie wie Cannabis, soll dabei aber angeblich ohne Nebenwirkungen sein. Herr Zimmermann, Sie haben jetzt zum ersten Mal einen Mann behandelt, der deutliche Anzeichen einer Abhängigkeit zeigt.

Ulrich Zimmermann: Richtig. Der Mann, um den es geht, ist Anfang 20 und wurde im Sommer zu uns gebracht. Er sagte uns, dass er seit vier Wochen nicht mehr zur Arbeit gegangen sei, weil er sich ständig niedergeschlagen, k.o. und lustlos fühlte. Der Grund dafür sei, dass er seit Anfang des Jahres regelmäßig Spice Gold rauche. Für ihn sei es eine Ersatzdroge zu Cannabis, denn auf der Arbeitsstelle sei man dahintergekommen, dass er Haschisch geraucht habe. Da sich Spice Gold nicht im Urin nachweisen lässt, sei er komplett auf die Kräutermischung umgestiegen.

ZEIT ONLINE: Als er zu Ihnen in die Klinik kam, hatte er da Entzugserscheinungen?

Zimmermann: Das Entscheidende ist, dass er bereits vorher schon einmal Entzugserscheinungen hatte. Da war ihm der Stoff ausgegangen und es ging ihm daraufhin sehr schlecht. Er hat heftig geschwitzt, gezittert, war nervös. Sein Herz raste, er konnte nicht schlafen und ihm war übel. Auf einen Schlag fühlte er sich ohne Spice Gold niedergeschlagen und lustlos. Das Ganze hielt zwei Tage an, bis er sich wieder etwas besorgen konnte. Als er zu uns in die Klinik kam, haben wir das Gleiche beobachtet. Auch sein Blutdruck stieg an und er entwickelte Albträume.

ZEIT ONLINE: Also ist der Mann süchtig?

Zimmermann: Eindeutig ja. Da wäre erst einmal die körperliche Abhängigkeit, die zeigt sich schon an den Entzugserscheinungen. Zusätzlich hat er eine Toleranz entwickelt. Das heißt, um stets die gleiche Wirkung mit Spice Gold zu erzielen, muss er die Dosis zunehmend erhöhen. Er hat mit einem Gramm begonnen und das hat innerhalb von wenigen Wochen nicht mehr ausgereicht. Dann muss er ständig an die Droge denken, das ist wie ein innerer Zwang und er hat Spice Gold weiter genommen, obwohl es ihm schadet. Zwar hat er selbst gemerkt, dass er mit der Droge nicht mehr richtig funktioniert, und trotzdem hat er sie weiter geraucht.

ZEIT ONLINE: Wie oft und wie viel hat er denn geraucht?

Zimmermann: Anfangs etwa ein Gramm täglich. Nachdem aber die euphorisierende Wirkung nachgelassen hat, mehr. Zum Schluss hat er täglich drei Gramm, also einen Beutel Spice Gold in einer Wasserpfeife, der Bong, geraucht.

ZEIT ONLINE: Könnten diese ganzen Beschwerden noch eine andere Ursache haben als die Kräutermischung? Schließlich sind bislang noch keine ähnlichen Fälle bekannt.

Zimmermann: Der Mann wirkt sehr glaubwürdig. Zum einen hat er uns ziemlich klar gesagt, was er genommen hat und vor allem, was er nicht genommen hat. Zum anderen haben wir zweimal einen Drogentest anhand einer Urinprobe bei ihm gemacht und nach den üblichen illegalen Substanzen gesucht. Da war nichts zu finden, weder Cannabis noch Opiate, Amphetamine oder Kokain.