Dass die Vergangenheit nicht einfach vergeht, hat jetzt auch die CDU anhand ihrer "Blockflöten" gelernt. Wie Helmut Kohl wenige Wochen nach dem Fall der Mauer die SED-System-immanente Ost-CDU, neuerer Legenden zum Trotz nicht gerade eine Widerstandszelle, samt Apparat und Parteivermögen im Hauruck-Verfahren ins demokratische Parteiensystem des Westens integriert hat, mögen die Verantwortlichen immer noch für genial halten, allen voran Angela Merkel.

Demokratiepolitisch aber hat Kohls Coup bis heute seinen Preis, wie der Fall des sächsischen Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich und die verdruckste Stuttgarter Parteitags-"Diskussion" der CDU über ihre ehemaligen Ostkader zeigten.

Das Hausmittel der Überschlauen, den Dreck, den Staub und die Krümel von gestern unter den Teppich zu fegen und dann bei Kaffee und Kuchen den Anwesenden zu verkünden, man wolle fortan "nach vorne schauen", versagt eines Tages. Immer guckt irgendwann irgendwer unter den Teppich, alles kommt raus, und Widerstandserzählungen verwehen.

Und dennoch hatte das eilige Einverleiben der Mitläufer, Mitwisser und Mitwirker des Stasi-Staats in die Demokratie ihren Sinn, egal zu welchem Preis. Jedenfalls aus der Sicht der Verantwortlichen. Normalität war wichtiger als Ausnahme- und Abrechnungsklima. Die Bösen dem Rechtsstaat, der Rest ins Töpfchen oder ins Kröpfchen, je nachdem. Und dann voran zur Einheit. Es gab dafür ein Modell, das zwar öffentlich kein Thema war, von wohlmeinenden Beobachtern aber gern zitiert wurde: die spanische Methode des Verschweigens und Vergessens als Basis für einen friedlichen Übergang.

Ich erinnere mich an leidenschaftliche Debatten mit einem deutschen Spanienexperten, der den Bonner Managern der Vereinigung und des Zusammenwachsens damals den iberischen "Pakt des Schweigens" als Vorbild empfahl. Wobei er allerdings nicht nur die Integration der Blockparteien in die West-Regierungsparteien CDU und FDP meinte, sondern auch den Umgang mit den SED-Mitgliedern, Funktionären und Bonzen. Kein Strafgericht, keine öffentliche Feme, keine Ausgrenzung. "Nach vorne schauen." Anders hätten die Spanier nach Francos Tod die ruhige transiçion vom autoritären, postdiktatorischen Einparteien- und Polizeistaat zur westeuropäischen Demokratie und später zur Nato- und EU-Mitgliedschaft nie geschafft.

Zur Erinnerung: Im deutschen Vereinigungsjahr 1989 war, spanisch betrachtet, Franco erst 14 Jahre tot, die spanische demokratische Verfassung, deren 30. Jubiläum im ganzen Land am 6. Dezember feierlich begangen wurde, erst seit elf Jahren in Kraft und der Putschversuch eines Oberstleutnants der Guardia Civil, vom König zur Überraschung vieler oppositioneller Demokraten praktisch im Alleingang gestoppt, lag erst neun Jahre zurück. Vor diesem Hintergrund kann man den Rat an die Deutschen – nicht in den Wunden wühlen, die Vergangenheit ruhen lassen, an das Gemeinsame denken – irgendwie verstehen.