Angela Merkel regiert mit absoluter Mehrheit, die FDP stellt dennoch fünf Minister und SPD, Linke und die Grünen machen Opposition. Das Drama von Hessen wäre keines gewesen, weil Roland Koch weiterhin fest im Sattel säße und Andrea Ypsilanti im schlimmsten Fall als schlechte Verliererin gelten würde. So oder so ähnlich sähe sie aus die deutsche Politik gesetzt den Fall, es gäbe ein minderheitenfreundliches Mehrheitswahlrecht. Eines wie es Klaus Poier seit Jahren für Österreich fordert.

Der Blick nach Österreich offenbart, was die Alpenrepublik seit Jahrzehnten beschäftigt und Deutschland noch bevorstehen könnte: Eine scheinbare Alternativlosigkeit zur Großen Koalition. Mit wenigen Ausnahmen wurde Österreich stets gemeinsam von den beiden Volksparteien SPÖ und ÖVP, abwechselnd von einem schwarzen und einem roten Kanzler regiert.

Doch die Vorbehalte gegen die Große Koalition sind auch in Österreich enorm und fast so alt wie die Regierungsform selbst: Reformstau, Proporz und politische Kompromisse in Permanenz. Von den Wählern gebetsmühlenartig abgewählt und von Politikern immer neu gebildet. Zuletzt war es gar die ÖVP selbst, die mit den Worten "Es reicht!" aufkündigte, was nicht mehr funktionieren wollte: Eine scheinbar auf Vernunft basierende Ehe.

Auch wenn große Koalitionen in Deutschland die Ausnahme sind, so könnte es in Zukunft immer schwieriger werden, Alternativen zur momentanen Koalitionsform zu finden. Das Auftreten der Linkspartei im Parlament und die konsequente Weigerung mit Oskar Lafontaine regieren zu wollen, machen alternative Regierungsmehrheiten immer unwahrscheinlicher. Weder Schwarz-Gelb, noch Rot-Grün hatten nach der Bundestagswahl 2005 eine regierungsfähige Mehrheit.

Die Ursache allen Übels ist nach Meinung vieler Kritiker in Deutschland und in Österreich das Wahlrecht. Unter ihnen Altbundespräsident Roman Herzog und der ehemalige Verfassungsrichter Paul Kirchhoff. Ihre Schlussfolgerung: ein Mehrheitswahlrecht müsse her, künftige Regierungen sollten an ihren Taten und an ihren Wahlverspechen gemessen werden können.

Was folgt ist in der Regel eine auf beiden Seiten reflexartig geführte Debatte über Sinn und Unsinn einer Wahlrechtsreform. Die einen sehen Kleinparteien verschwinden und politische Meinungsvielfalt verloren, die anderen echte Reformen und effiziente Maßnahmen im Kampf gegen Finanzkrise und CO2-Emmissionen. Doch die Wahrheit könnte auch irgendwo dazwischen liegen.