Bernd Schuster Der Anti-Diplomat

Um bei Real Madrid arbeiten zu können, braucht es ein Grundverständnis für Diplomatie. Und das fehlt Bernd Schuster. Schon immer

"Ich bin erleichtert", soll er nach seinem Rausschmiss geseufzt haben. Vielleicht wusste Bernd Schuster, dass die Gründe für das Ende seiner Laufbahn bei Real Madrid nicht die neun Punkte Abstand auf Tabellenführer FC Barcelona waren; auch nicht seine Aussage, im Derby gegen die Katalanen ohnehin nicht gewinnen zu können. Die 519 Tage lange Liaison zwischen den Königlichen und dem polemischen Deutschen scheiterte vor allem an einem Missverständnis.

Als Ramón Calderón dem "lieben Bernd" am 9. Juli 2007 zu seinem Antritt ein Trikot mit der Nummer 1 überreichte, war von diesem Missverständnis nichts zu spüren. Präsident und Coach strahlten um die Wette; man war sich einig, Real Madrid nach dem langweiligen Defensivfußball der Marke Fabio Capello wieder mit "Schönheit und Courage" spielen lassen zu wollen.

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Zumindest in der Theorie wird im gewaltigen Santiago-Bernabeu-Stadion Fußball als Spektakel zelebriert. Während anderthalb Stunden soll das Spiel unterhalten. Danach muss es genug Stoff liefern, um die drei täglichen Sportzeitungen mit Geschichten zu füllen. Einer wie Schuster schien da der Richtige zu sein.

Er hatte es nicht nur geschafft, in der Spielzeit 2006/2007 den Schlafstadtklub FC Getafe mit Offensivfußball zum Liebling der Saison zu machen. Dem kauzigen Deutschen, laut Eigendefinition längst von seiner Wahlheimat Spanien als "deutscher Andalusier" adoptiert, kam auch immer eine lockere Bemerkung, ein trockener Spruch über die Lippen, der tags darauf in der Zeitung stehen konnte. In einem Land, in dem Hunderttausende beim Frühstückskaffee zuallererst die Lage der Liga diskutieren, zählen Entertainer-Qualitäten zu den Primärtugenden.

Doch ironischerweise sollte er bei Real Madrid genau darüber stolpern. Beim Rekordmeister gelten andere Regeln. Statt freundschaftlich-respektvoll "Don Bernardo" hieß er jetzt "Schuster" - eine Person des öffentlichen Lebens, so wie "Zapatero", "Merkel" oder "Bush".

Der Klub mit dem beachtlichen Jahresbudget von 400 Millionen Euro trägt nicht zufällig den Beinamen "casa blanca", "weißes Haus": Von außen sind die Koalitionen und Seilschaften in Präsidium und Sportdirektorium kaum zu durchschauen. Um bei Real Madrid überleben zu können, braucht es ein Grundverständnis für Diplomatie. Und das fehlt Bernd Schuster. Schon immer.

Zum Eklat kam es im vergangenen Herbst nach der 2:0-Niederlage gegen den FC Sevilla. Schuster fühlte sich vom Referee ungerecht behandelt. Befragt nach dessen Leistung fragte er schlitzohrig in den Raum: "Woher kommt der Schiedsrichter?" "Aus Katalonien", antwortete jemand. "Dann muss ich ja nichts mehr sagen."

Leser-Kommentare
  1. Endlich mal ein Artikel, der wirklich beschreibt, warum Schuster scheiterte. Denn nicht der 9-Punkte Rückstand oder auch der ziemlich fehl am Platz liegende Spruch, dass man gg. Barcelona keine Chance hätte oder man das Derby sowieso nicht ernst nehme waren schließlich ausschlaggebend, sondern die Tatsache, dass Schuster sich in Spanien bei seinen psychopatisch anmutenden Pressekonferenzen um Kopf und Kragen redete, und das seit Monaten.

    In einem Punkt aber bin ich, in Spanien lebend, anderer Meinung: klar dass ein Weltclub wie Real Madrid eine andere Präsenz als ein Vorstadtclub verlangt, jedoch stieß sich nicht nur die Etikette der 'Königlichen' mit Schusters Charakter, sondern vor allem auch das spanische Selbstverständnis und Lebensgefühl, wo nicht auf jeden Fehler geachtet wird und vor allem das Positive und Gemeinsame im Vordergrund steht und auch gesucht wird. Kurzum: in Spanien herrscht ein anderes Miteinander und bei den großen Clubs auch in gewisser Hinsicht ein Understatement.

    Vor den Spielen verbringen die Präsidenten und Vorstandsmitglieder der gegenerischen Vereine den Tag miteinander. Es wird in den besten Restaurants gegessen und man tauscht Erfahrungen und Ideen aus. Am Spieltag selbst sitzen die gegnerischen Präisdenten auf der Ehrentribüne nebeneinander. Im Vorfeld des Klassikers Barça:Madrid würde weder ein Spieler noch Trainer, Vorstand etc. im Hoehneß-Stil den Gegner attakieren. Wer sowas macht, disqualifiziert sich in Spanien selbst, schießt sich mit sowas aus der Gesellschaft.

    Nur Schuster konnte mit keinem: redete über die Schiedsrichter, aber nicht sachlich, anhand umstrittener Entscheidungen, sondern ging persönlich auf sie los. Ebenso waren es andere Male die Fans, die Presse, der Vorstand, die Umstände, der Präsident, die Spieler oder er war "müde und wollte heim" und verstand jede noch so harmos klingende Frage als Attacke gegen Ihn. Er war wie ein in die Ecke gedrängter Hund, der nur noch herumkläffte. Und den Spaniern sind Kommunikation und Verhaltensnormen wichtig, so dass er immer häufiger mit seinem germanischen Charakter in Sketchen und Satiren herhalten musste und sich schon fast die Yellowpress für den kautzigen Trainer interessierte und zunehmend die Reporter ihn mit Fangfragen aus sich heraus locken wollten. Nach spanischer Sichtweise wurde er Stück für Stück zum 'Unpräsentierbaren' und aus Schuster wurde Suster (Susto = Schrecken).

  2. Der seltsame Schustersche Charakter...schon richtig mit Dickschädel und Querulant beschrieben. Ich würde hinzufügen: selbstzerstörerisch. So hat er sich um seine Karriere als Nationalspieler gebracht. Weil er beleidigt war und davon nicht mehr runterkonnte. Irgendwo habe ich mal gelesen, daß er den Kontakt zu seiner Familie in Augsburg 14 Jahre unterbrochen hatte! 14 Jahre keinen Kontakt zu Eltern und Geschwistern! Seltsam auch, daß so einer offenbar im Lauf der Jahrzehnte rein gar nichts dazulernt... er hatte doch alles, wieso schlägt er da so um sich? Perfektionismus, Egomanie, die Welt muß ausschließlich so sein wie er das will? Zu viel Erfolg und Anerkennung, zu früh? Und die Annahme einen natürlichen Anspruch darauf zu haben, daß die Welt sich nur um ihn und seine Bedürfnisse und Vorstellungen zu drehen hat?

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