Ich soll warten, hier vor dem Stadion. Ein Junge mit Totenkopfmütze wird kommen. Er hat meine Karte. Nun ja, 44 Euro. Die Karte für das letzte Spiel in diesem Jahr gab’s nur noch im Internet. Ausverkauft, schon lange. Ich warte.

Von Hamburg bis hierher, das war eine lange Reise. Von ihrem Ende kündet das Schaffnernuscheln: "Nächster Halt Hoffenheim". Wofür die Deutsche Bahn bloß drei Wörter hat, finden Sportreporter derzeit viele. Denn von hier kommt die TSG Hoffenheim. Ein Dorfverein, dreieinhalbtausend Menschen und ein paar mehr. Es heißt, die Mannschaft spiele den schönsten Fußball Deutschlands. Es heißt auch, sie habe keine richtigen Fans, nur Erfolgsfans, und dafür hätten wir schon Leverkusen und Hertha BSC. Mal schauen.

"Wollen Sie mitfahrn?"
Dönerbude, Apotheke, Drogerie, Sparkasse, ein Fußgängerzönchen. Wir fahren durch Sinsheim – den Ort, zu dem Hoffenheim gehört. Alles duster. Wer wissen will, wo noch etwas los ist, fragt den Taxifahrer:
"Hier gibt’s das Kinky, ne Disco über drei Etagen. Burgerking, McDonald’s und nen Club, 39 Euro Essen und Trinken für umme, und die Mädels kosten 50 Euro." Wir halten.
"Morgen ist Hoffe gegen Schalke! Deswegen sind Sie doch hier, oder?"
Und weg ist er.

Der Sonntag, an dem das Dorf Herbstmeister werden will: Daumen raus in den Sinsheimer Morgen. Die Suche nach der Fanbasis! Nach zehn Minuten hält eine Frau im VW. Auf der Ablage kringelt sich ein blau-weißer Vereinsschal, auf der Heckscheibe klebt das TSG-Wappen, tropenwarm bollert die Heizung. Sie fragt: "Was tippen Sie für heute?" Ich sage, 2:1 für Hoffenheim, das klingt diplomatisch, und Angela Merkel tippt das auch immer.

Bevor Dietmar Hopp dem Verein seine Millionen spendierte, beschenkte das Dorf sich selbst mit viel Achtziger-Jahre-Bau, links und rechts der Hauptstraße. Hoffenheim, ein Durchfahrort, ein westdeutsches Dorf, wie es Tausende gibt. Am Rathaus schunkeln die Vereinsfahnen, daneben bewirbt ein Fleischer "selbstgemachte Mettwurst", ganz herkömmlich in rot-weiß. Nur, wo sind sie denn alle?

Der Kirchturm läutet halb zehn: Adventsgottesdienst.

Die Reihen sind voll, Gesangbücher gezückt. Der Pfarrer Werner Bär steht vor dem Pult. "Heute denken wir besonders an ...", beginnt er ... Herbstmeisterschaft, Champions League, das Spiel ...  "Johannes den Täufer." Ach so. Hoffenheim erhebt sich zum Gesang, Fußball später, jetzt Kirche.

Die Orgel spielt vor, der Chor erwidert. Eine Gruppe Mädchen summt in ihre Vereinsschals. Bär sagt: "Auch Johannes trat in der Wüste als Prediger mit hohen Erwartungen an." Die Gemeinde nickt. Auch Erwartungen könnten enttäuscht werden, sagt Bär und lächelt. "Aber wir in Hoffenheim haben das nicht."