Musikpresse Justizia rockt am Jahresend'
Die Zeit der großen Klagen: Coldplay sollen "Viva La Vida" geklaut haben. Die Scorpions müssen ein unsittliches Plattencover verantworten, und in Guantánamo wird mit Pop gefoltert

© ZEIT ONLINE Grafik
Jede Woche spiegelt das Echolot, worüber die Fanzines und Feuilletons schreiben
Das Jahr ist fast vorüber. Dass ausgerechnet die Scorpions noch einmal Ärger machen, damit hatte keiner gerechnet. Kann es denn sein? Die braven Hannoveraner Altrocker, verwickelt in einen "Porno-Skandal", wie die Welt schreibt? Auslöser der Erregung ist die 32 Jahre alte Hülle ihrer Scheibe Virgin Killer. Das Cover der 1976 veröffentlichten Platte zeigt ein zwölfjähriges nacktes Mädchen, dessen Schambereich von einem Glassplitter verdeckt wird.
Mehrere englische Internetanbieter hatten aufgrund der Abbildung den Wikipedia-Eintrag der Band gesperrt. Das war der Freiwilligen Selbstkontrolle Multimediadienstanbieter (FSM) Grund genug, eine zünftige Indizierung des Covers bei der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien anzuregen. Es handele sich zwar nicht um Kinderpornografie, aber immerhin um ein sogenanntes "Posenbild", sagt die FSM-Geschäftsführerin Sabine Frank in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung. Ob das Cover auf dem Index lande, müsse man noch prüfen.
Den Scorpions ist die ganze Aufregung jedenfalls hochpeinlich: "So etwas würden wir nie wieder machen", erklärt der Gitarrist Rudolf Schenker. Ein "Kreativteam der Plattenfirma" habe das Foto ausgewählt; doch schon damals sei es in einigen Ländern zu Protesten gekommen, schreibt die SZ. Die Band bekam kalte Füße und ersetzte das frevelhafte Cover später durch ein Gruppenbild der Musiker. Das sah zwar nicht weniger geschmacklos aus, sicherte aber zumindest die Plattenverkäufe in den moralisch sensiblen Ländern. Mittlerweile ist der Wikipedia-Eintrag wieder freigegeben: Man habe die Blockade aufgrund des Alters der Abbildung und seiner starken Verbreitung im Netz aufgehoben. Im Klartext heißt das wohl: Die Schweinereien müssen nur alt und bekannt genug sein, um weiter im Netz verfügbar zu sein.
Musik kann den Hörer quälen, das wissen wir alle. Im amerikanischen Gefangenenlager Guantánamo wird Pop als Folterinstrument eingesetzt. Bekannte Hits werden extrem laut abgespielt – die US Armee nennt das Notouch-Folter. Die Gefangenen sollen durch die Dauerbeschallung psychisch gebrochen werden, schreibt die Financial Times.
Die britische Menschenrechtsgruppe Reprieve hat die am häufigsten verwendeten Lieder benannt. Darunter befinden sich so passende Titel wie Stayin’ Alive von den Bee Gees, Fuck Your God von der Death-Metal-Band Deceide, Mr. Self-Destruct von Nine Inch Nails und Dirrty von Christina Aguilera. Häufig abgespielt werden auch Metallicas Enter Sandman und die Erkennungsmelodie der Sesamstraße.
- Datum 15.12.2008 - 16:07 Uhr
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Das man mit Pop gefoltert werden kann ist mir klar. Man muß sich ja nur die aktuellen Charts anhören.
Aber Metallica und Nine Inch Nails würde ich jetzt mal nicht zu Pop zählen. Die wurden wohl eher wegen der Lautstärke ausgewählt.
Nicht immer so oberflächlich bitte.
Das mit Metallica und kein Pop ist so nicht 100% korrekt. Es gibt dummerweise zwei verschiedene Definitionen von Popmusik. Die eine (die vom Wortlaut eigentlich treffendere) bezieht sich auf jegliche populäre Musik im weiteren Sinne. Das schließt ursprünglich sogar Jazz ein, klappt mittlerweile nicht mehr ganz so gut glaub ich. Das andere ist der Cliché pop der wiederrum aktuell das Problem hat dass die meiste PopMusik als RnB musik gilt. Einigermaßen schwierig irgendwie...
Das mit Metallica und kein Pop ist so nicht 100% korrekt. Es gibt dummerweise zwei verschiedene Definitionen von Popmusik. Die eine (die vom Wortlaut eigentlich treffendere) bezieht sich auf jegliche populäre Musik im weiteren Sinne. Das schließt ursprünglich sogar Jazz ein, klappt mittlerweile nicht mehr ganz so gut glaub ich. Das andere ist der Cliché pop der wiederrum aktuell das Problem hat dass die meiste PopMusik als RnB musik gilt. Einigermaßen schwierig irgendwie...
Das mit Metallica und kein Pop ist so nicht 100% korrekt. Es gibt dummerweise zwei verschiedene Definitionen von Popmusik. Die eine (die vom Wortlaut eigentlich treffendere) bezieht sich auf jegliche populäre Musik im weiteren Sinne. Das schließt ursprünglich sogar Jazz ein, klappt mittlerweile nicht mehr ganz so gut glaub ich. Das andere ist der Cliché pop der wiederrum aktuell das Problem hat dass die meiste PopMusik als RnB musik gilt. Einigermaßen schwierig irgendwie...
Ob Metallica nun Pop ist — oder Metal — gerät doch zur Makulatur, angesichts der zweifelhaften Aussagen des Mr. Hatfield. Der wird nämlich ganz dumm vor Stolz, wenn er hört, dass in Guantanamo mit seiner Musik gefoltert wird.
Natürlich gibt es Ähnlichkeiten zwischen den Melodien.
Der Stein des Anstoßes jedoch, nämlich der charakteristische Vorhalt der Melodie über den kreisenden Harmonien, ist dermaßen üblich und fast schon banal, dass man sich an den Kopf fasst. Im 17. Jahrhundert gab es hunderte von "Songs", die sich über den gleichen Harmonien abspielten, damals hat es niemanden gestört.
Blues und Rock'n'Roll sind Stile, die Jahrzehnte mit drei Akkorden füllen. Auch hier kein Aufschrei - weil die Qualität der guten Sachen nämlich auf anderen Ebenen erkennbar wird.
Nur weil ein Großteil der heutigen populären Musik aus Rudimenten der schlicht-tonalen Musik besteht und oft Leute, denen nichts einfällt, zum Erfolg gelangen, muss man nicht gleich Plagiat schreien. Es ist dies nichts weniger als die Krise der Popmusik an sich und Zeichen der Verdinglichung kultureller Werte, wie Adorno treffend analysiert hat.
Hierzu passt sehr schön der Essay "Musikalische Diebe, unmusikalische Richter".
Letztlich ist der Drang der Masse nach Musik, die sie im Grunde schon zu kennen scheint, die nur den Schein des Neuen wahrt, der Grund dafür, dass solche Dinge passieren. Wirklich charakteristische Musik wird heute nur noch von Nerds gehört.
Und hier: www.youtube.com/watch?v=J...
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