Kriminalität Firewall gegen Kinderpornografie

Niedersachesens Innenminister will mit einem Filter auf jedem Rechner illegale Seiten sperren. Das ist technisch bisher weder möglich noch sinnvoll, sagen IT-Experten

Die Zahlen sind beunruhigend: Allein im Jahr 2007 hat die Polizei in Niedersachsen in 1154 Fällen wegen Verbreitung von Kinderpornografie ermittelt. Damit soll es ein Ende haben, sagte der niedersächsische Innenminister Uwe Schünemann (CDU): "Ich werde nun die rund 75 Provider, die für private Nutzer in Niedersachsen Dienstleistungen anbieten, anschreiben, um sie zu entsprechendem Handeln aufzufordern".

Vorstoß in Bund und Ländern

Bereits im November hatte Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) verkündet: "Wir schließen die Datenautobahn der Kinderpornografie." Per Gesetz will sie die Provider dazu verpflichten, Seiten mit kinderpornografischen Inhalten zu filtern. Der Vorstoß stieß auf scharfe Proteste der IT-Branche ; durch die Internet-Sperren seien lediglich "Scheinerfolge" zu erwarten, Fehler beim Filtern seien unvermeidlich. Die Provider setzen auf Beschwerdestellen, die sich in Zusammenarbeit mit der Polizei dafür einsetzen, illegale Angebote abzuschalten und die Verantwortlichen zu verfolgen. "Wir engagieren uns seit Jahren im Kampf gegen Kinderpornografie – mit hohem Einsatz an Personal, Technik und Organisation", sagte Oliver Süme, Vorstand des Provider-Verbandes Eco.

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Das niedersächsische Innenministerium hält diese Bemühungen jedoch für wenig sinnvoll: "Mit der Selbstverpflichtung wird bereits beim Internet-Kunden die Möglichkeit zum Zugriff auf kinderpornografisches Material unterbunden", sagte Schünemann. Das sei deutlich besser, als wenn die Sicherheitsbehörden mühevoll jeden Verstoß aufspüren und verfolgen sowie die Sperrung jeder kinderpornografischen Seite erreichen müssten. Der Minister argumentiert hierbei allein mit der Polizeistatistik. Ob die Verbreitung von Kinderpornografie tatsächlich mit gestiegenen Missbrauchsfällen einhergeht, ist zumindest umstritten.

Aus den Augen, aus dem Sinn

Der niedersächsische Minister glaubt nun, eine Lösung gefunden zu haben: Statt zentral bei den Providern illegale Angebote auszufiltern, will er das Problem auf die Rechner der Anwender verlagern: "Die Provider sollten künftig nur noch Verträge abschließen, in denen der Endkunde die Freischaltung eines Filterprogramms gegen Kinderpornografie akzeptiert. Bei bereits vorhandenen Verträgen muss dieser Filter nachträglich installiert werden", sagte der Innenminister.

Die Pläne sind offenbar schon weit gediehen: Das Landesministerium bereitet derzeit einen Vorschlag an die Innenministerkonferenz vor, Schünemann will schon bald die 75 Provider des Landes anschreiben. In einer ersten Phase soll der Filter noch ein freiwilliges Angebot sein. Später wäre das Programm jedoch verpflichtend. Die Provider müssten nach dem Einwählen überprüfen, ob der Kunde die notwendige Software installiert hat – sonst werde die Verbindung getrennt.

Schünemann wähnt sich technisch auf der sicheren Seite. Viele Firmen haben in ihrem Computernetz einen Filter installiert, der den Zugriff auf bestimmte Seiten nicht zulässt. Gesperrt werden kann alles von Pornoseiten bis hin zu Webmail-Angeboten, die die Angestellten vom Arbeiten abhalten könnten. Auch für den Privat-PC gibt es allerhand Lösungen. Meistens geht es hier jedoch um den Jugendschutz. Eltern installieren Programme wie NetNanny oder ICRA, um ihre Kinder vor jugendgefährdenden Inhalten zu schützen. Allerdings können die Eltern diese Filter nach Belieben wieder abschalten.

Mit wenigen Mausklicks abgeschaltet

"Ein Filterprogramm, wie es dem Ministerium vorschwebt, gibt es derzeit nicht auf dem breiten Markt", sagt Thomas Baumgärtner, Sprecher von Microsoft Deutschland im Gespräch mit ZEIT ONLINE. Zwar verweist das Ministerium auf Anfrage auf zwei erprobte Lösungen von anerkannten Herstellern – die erfüllen das Anforderungsprofil des Ministeriums aber bei Weitem nicht. Das Filtern selbst ist kein großes Problem mehr. Die Überprüfung der Software bei jeder Internetverbindung ist jedoch eine technische Herausforderung. Längst gehen nicht nur Windows-Rechner ins Netz. Auch Spielkonsolen, Set-Top-Boxen und Mobiltelefone greifen heute standardmäßig auf das Internet zu. Für jedes Endgerät eine Lösung zu programmieren, würde selbst mit vereinten Anstrengungen Jahre benötigen.

Auch der Plan des Ministers, dass der Internetfilter sich nicht abschalten lassen soll, ist kaum lösbar. "Das Betriebssystem muss die Möglichkeit haben, ein Programm zu beenden", erklärt Baumgärtner. Im sogenannten Task-Manager kann jedes Programm mit wenigen Mausklicks abgeschaltet werden – nur so kann man bei Fehlfunktionen die Kontrolle über den Rechner behalten. Würde sich das Programm hingegen vor dem Anwender verstecken, könnten sich auch Virenprogrammierer an den Filter anhängen – und den ahnungslosen Surfer so auf betrügerische Seiten umleiten – Internet-Kriminelle nutzen diesen Trick seit Jahren ausgiebig.

Werbung für kinderpornografische Angebote

Ein weiteres Problem ist die Verteilung der Filterlisten. Der Besitz von Pornografie ist legal, nur der Besitz von Kinderpornografie illegal. "Wenn der Staat eine Liste mit illegalen Seiten bereitstellt, verteilt er für die Kriminellen natürlich auch eine Quellensammlung", sagt Baumgärtner. Pädophile könnten sich relativ einfach der Liste der gesperrten Seiten bemächtigen – der Staat würde damit quasi Werbung für die illegalen Seiten machen. Die Jugendschutzfunktion setzt deshalb auf Whitelists , einen Katalog unbedenklicher Seiten, die für Kinder geeignet sind. Eine solche Liste auch für Erwachsene zu erstellen, ist jedoch illusorisch.

Schünemann fasst seine Pläne mit einem Satz zusammen: "Wir verbannen Kinderpornografie im übertragenen Sinne wieder unter den Ladentisch". Dass das menschenverachtende Geschäft unter der Ladentheke besonders florieren könnte, beachtet er aber nicht.
 

 
Leser-Kommentare
  1. Nach der totalen Überwachung wird nun die totale Kontrolle angestrebt. Die Politik sagt uns, dass da alles mit rechten Dingen zu geht, denn niemand würde doch jemals ein Gesetz ignorieren um diese monströse Abhörmaschine für seine eigenen Inhteressen einzusetzen. Das ist doch alles nur zu unserem Besten.

    Nachdem das Abhörmonstrum nun bereits geschaffen wurde, fehlt ja nur noch die Möglichkeit zu kontrollieren und zu unterbinden, wer mit wem in unserem schönen Rechtsstaat kommuniziert. Im echten Leben schwer und es könnte sogar politischer Widerstand aufkommen. Im Internet dagegen ist das mit Verweis auf Kinderpornos, Islamisten oder illegale Downloads von Musik ganz leicht.

    Von einer autoritären Diktatur trennt uns nur ein Regierungswechsel. Alle Instrumentarien die ein Diktator braucht wurde in den letzten Jahren bereits geschaffen.

    PS: Wer in diesem Beitrag Sarkasmus findet, darf ihn behalten.

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    Der gute Herr Schünemann dessen Pläne "offenbar schon weit gediehen" sind...

    Da sitzen diverse [...] zusammen und denken sich eine im Grunde gute Idee aus: "Ha! wir installieren erstmal auf jedem Rechner einen Filter. Das isses! So kriegen wir sie alle!"
    Wenn man also alle Rechner mit jedem Betriebssystem (wieviele sind das?) jede Konsole (Danke Redaktion), alle Handys, manche Navis, bald gehen Kühlschränke ins Internet....
    Herr Schünemann ist ja zum Glück Jurist und Minister; er muss ja kein Unternehmen leiten und das machbare mit dem finanzierbarem abwägen.
    Ich frage mich wie weit denn die gesammelte Intelligenzia, welche solch einen verfrühten Aprilscherz (bei bezahlten Kafferunden und Schnittchen) verfasst hat, denn geistig "gediehen" ist?

    Wir brauchen mehr von diesen kreativen Ideen. Man man man... Minister müsste man sein.

    [Gekürzt. Bitte achten Sie auf Ihre Wortwahl und bleiben Sie sachlich. Vielen Dank. / Die Redaktion as]

    Der gute Herr Schünemann dessen Pläne "offenbar schon weit gediehen" sind...

    Da sitzen diverse [...] zusammen und denken sich eine im Grunde gute Idee aus: "Ha! wir installieren erstmal auf jedem Rechner einen Filter. Das isses! So kriegen wir sie alle!"
    Wenn man also alle Rechner mit jedem Betriebssystem (wieviele sind das?) jede Konsole (Danke Redaktion), alle Handys, manche Navis, bald gehen Kühlschränke ins Internet....
    Herr Schünemann ist ja zum Glück Jurist und Minister; er muss ja kein Unternehmen leiten und das machbare mit dem finanzierbarem abwägen.
    Ich frage mich wie weit denn die gesammelte Intelligenzia, welche solch einen verfrühten Aprilscherz (bei bezahlten Kafferunden und Schnittchen) verfasst hat, denn geistig "gediehen" ist?

    Wir brauchen mehr von diesen kreativen Ideen. Man man man... Minister müsste man sein.

    [Gekürzt. Bitte achten Sie auf Ihre Wortwahl und bleiben Sie sachlich. Vielen Dank. / Die Redaktion as]

  2. Kinderpornografie ist wie Terrorismus, Urheberrechtsverletzung usw. nur der vorgeschobene Grund für den eigentlichen Herzenswunsch unserer Politiker/innen :

    Endlich das böse, böse Internet überwachen und kontrollieren zu können.

    Jede Begründung ist dafür recht und ob es überhaupt machbar oder sinnvoll ist, interessiert nicht.

    Hauptsache, es entsteht genug Druck, endlich die bestehenden Rechte der Bürger/innen einschränken zu können.

    Hey - WIR sind das Volk! Schon vergessen?

  3. kommt mal wieder jemand aus der "Ich-habe-keine_ahnung" Ecke der CDU und outet sich als typischer "Fach"_Idiot, der weder vom Tuetn noch vom Blasen eine Ahnung hat.

    Welcher 14-jährige Schüler erbarmt sich mal und zeigt dem Mann, wie das Internet funktioniert. Ich stell mir das schon lustig vor, wenn Tausende Mitarbeiter immer wieder die ständig wechselnden IP's bei all den Providern pflegen dürfen.

    Und ganz ehrlich, obwohl ja das Internet angeblich aus allen Seiten Kinderpornos auströpfeln, sind mir noch nie welche untergekommen. Aber vielleicht kennen unsere Politker ja diese Seiten in- und auswändig???

    • gquell
    • 17.12.2008 um 12:48 Uhr

    Man merkt, daß der Herr Schünemann und auch die Frau v.d. Leyen nicht die Spur einer Ahnung vom Internet haben. Zum einen ist das, was sie vorhaben Zensur, und zum anderen ist es technisch fast unmöglich, eine Website vollkommen zu sperren.

    Wenn die Damen und Herren wirklich etwas gegen KiPo tun wollen, dann sollen sie die Herstellung energischer verfolgen und die Hersteller deutlicher bestrafen. Aber die Polizei wird ja immer weiter entpersonalisiert, dafür hat man kein Personal. Die notwendige Polizeiarbeit an Provider auszulagern, ist da ja viel einfacher.

    Aber in Wirklichkeit geht es Herr Schünemann und seinen Gewissensfreunden (wie Herrn Schäuble) um etwas ganz anderes. Sie wollen das Internet kontrollieren, um unliebsames Gedankengut zu kontrollieren und zu zensieren. Werden erst einmal Filter auf den Rechnern installiert und deren Vorhandensein Pflicht, dann ist es kein weiter Weg mehr, statt des Filterprogramms ein allgemeines Überwachungsprogramm (Bundestrojaner!) zu installieren. Dann ist die staatliche Kontrolle total, sind die Manipulationsmöglichkeiten grenzenlos und unsere Demokratie eine Farce. Terroristen und KiPo sind doch nur vorgeschobene Argumente, es geht im Kern um die Überwachung und Kontrolle aller Bürger - Stasi 2.0. Auch das Argument, daß in Niedersachsen 2007 in 1154 Fällen ermittelt wurde, ist eine rabulistische Täuschung. Entscheidend ist die Anzahl der eindeutig verurteilten Fälle, nicht die Zahl der Menschen, die zufällig mit einer Kreditkarte auf ein bestimmtes Konto gezahlt haben.

  4. Der gute Herr Schünemann dessen Pläne "offenbar schon weit gediehen" sind...

    Da sitzen diverse [...] zusammen und denken sich eine im Grunde gute Idee aus: "Ha! wir installieren erstmal auf jedem Rechner einen Filter. Das isses! So kriegen wir sie alle!"
    Wenn man also alle Rechner mit jedem Betriebssystem (wieviele sind das?) jede Konsole (Danke Redaktion), alle Handys, manche Navis, bald gehen Kühlschränke ins Internet....
    Herr Schünemann ist ja zum Glück Jurist und Minister; er muss ja kein Unternehmen leiten und das machbare mit dem finanzierbarem abwägen.
    Ich frage mich wie weit denn die gesammelte Intelligenzia, welche solch einen verfrühten Aprilscherz (bei bezahlten Kafferunden und Schnittchen) verfasst hat, denn geistig "gediehen" ist?

    Wir brauchen mehr von diesen kreativen Ideen. Man man man... Minister müsste man sein.

    [Gekürzt. Bitte achten Sie auf Ihre Wortwahl und bleiben Sie sachlich. Vielen Dank. / Die Redaktion as]

  5. erbarmt sich der vom Volk bezahlte geistig, politisch und vor allem computertechnisch retardierte und in gleichem Maße überwachungsgeile und von staatlichen Allmachtsphantasien getriebene Innenminister Schünemann, das eben erwähnte Volk an seinen feuchten Träumen teilhaben zu lassen.

    Traurig ist einfach nur, dass wahrscheinlich ein Großteil unserer ge- und überalterten Bevölkerung weder den Durchblick noch den Elan hat, sich den Stasibestrebungen der bekannten Übeltäter (Schäuble, Schünemann etc.) entgegenzustellen.

    Denn:

    Solche Vorschläge lassen nur zwei Schlüsse zu:

    1. Diese Gestalten glauben tatsächlich, dass mit diesen Maßnahmen erreicht werden soll, was sie behaupten. Dann sind sie in ihrem Wissen, ihrer geistigen Kapazität und ihrem Horizont so beschränkt, dass es jeder Bananrepublik unwürdig wäre, sie auf ihrem Posten zu belassen.

    2. Wahrscheinlicher ist, dass vorgeschobene, populistisch wirksame Stichwörter (Kinderpornographie, Terrorismus, Killerspiele) eine Reduzierung von Freiheit und Bürgerrechten bewirken sollen. Auch wenn heute ein Filterprogramm wie im Artikel utopisch erscheint, ein PC mit heutiger Leistungsfähigkeit war es vor 10 Jahren auch.

    Es wäre endlich an der Zeit, dass in Sachen der Bürgerrechte sowohl die parlamentarische Opposition geschlossen in Erscheinung träte (dieses hohe Gut sollte keine Parteigrenzen kennen!) als auch das Internet seine Macht zeigen würde wie es z.B. im Fall Lutz Heilmann und die Wikipediasperrung der Fall war.

    Abgeschaffte Bürgerrechte wieder in Kraft zu setzen ist noch viel schwieriger als sie zu verteidigen!

    [Anmerkung: Bitte bleiben Sie sachlich. Vielen Dank. / Die Redaktion as]

    • ohno
    • 17.12.2008 um 14:12 Uhr

    ... wenixtens Ihre Energie auf die ERZEUGER von KiPo verwenden würden... Aber hey - das wäre ja mit Arbeit (und einiger, wohl nicht vorhandener, Kreativität) verbunden. Da kann man besser weiter populieren.

    [Gekürzt. Bitte formulieren Sie Kritik sachlich. Vielen Dank. / Die Redaktion as]

  6. Wer sich schon immer gefragt hat, wie denn das BKA die nötige Client-Software für die heimliche Online-Durchsuchung auf die Zielrechner bringen will, hat jetzt endlich eine Antwort.

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