Zum Tod von Horst Tappert Der Meister des Minimalismus
Deutschland nimmt Abschied von "Derrick", seinem berühmtesten Fernsehkommissar. Im Grunde völlig unspektakulär, verlieh Tapperts Spiel den Krimis philosophische Tiefe
Man scheut sich zu sagen: Horst Tappert ist tot. Die Scheu hat aber nicht nur mit Erschütterung und Verehrung für diesen großen Schauspieler zu tun. Es macht vielmehr seinen Glanz und unvergleichlichen Fernsehruhm aus, dass man geneigt und verführt ist zu sagen: Derrick ist tot.
Selten ist ein Serienschauspieler so mit einer Figur verschmolzen wie dieser eigentlich völlig unspektakulär agierende, physiognomisch eher unterdurchschnittlich attraktive Fernsehdarsteller mit dem Kriminaloberinspektor Derrick in der gleichnamigen ZDF-Serie.
Aber wie Tappert diesen Polizisten gegeben hat oder vielmehr nicht gegeben hat, wie er nicht oder nur wenig gesprochen hat, kaum jemals gelächelt, selten etwas erkennbar missbilligt oder erfreut zur Kenntnis genommen, nur die ohnehin leicht hervorquellenden Augen noch etwas weiter hat hervorquellen lassen, angesichts der unbeschreiblichen Niedertracht der Verbrecher oder ihrer frechen Lügen beim Verhör – das war erstaunlichste Schauspielkunst und bleibt unvergesslich.
In der Erinnerung scheint es, als habe er immer nur den einen Satz gesagt, der bald sprichwörtlich wurde: „Harry, fahr schon mal den Wagen vor.“ Aber wie er dabei geguckt hat, mit einer fast schon gesamtgesellschaftlichen Depression, die das Unausweichliche tapfer, aber mit vollendeter Resignation in das herausquellende Auge fasst! Es quoll, weil es sich satt und übersatt an einem Elend gesehen hatte, das die Polizeiarbeit nur ans Licht bringen, niemals kurieren, noch nicht einmal in seinen tieferen sozialen Wurzeln verstehen lernen kann.
Für das Derrick-Auge galt der umgangssprachliche Satz: Ich habe keine Tränen mehr. Das Ausmaß an Empathie, das man Derrick zutraute, war vielleicht nur eine Projektion, von dem minimalistischen Spiel Tapperts begünstigt, aber es verlieh den Folgen der Serie eine philosophische Dimension.
Derrick, wenn er in die Villen in München-Grünwald eindrang, mit ihrem falschen Schmiedeeisen und dem echten Protz, legte seinen Mantel nicht ab, als fürchtete er Ansteckung. Zurück in seinem kargen Büro, war er tödlich erschöpft. Er hatte wieder zu viel gesehen und mehr begriffen, als sich in Worte fassen lässt. Nur die Augen traten fast aus den Höhlen. Tapperts Lebensleistung: dass er für die scheiternden Aufklärung die physiognomische Geste erfand.
1923 wurde er geboren, von 1974 bis 1998 war er Derrick, 1988 erhielt er das Bundesverdienstkreuz. Mehr ist für einen Schauspieler nicht zu erreichen.
- Datum 16.12.2008 - 10:54 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
- Kommentare 3
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... ihn zu unterscheiden vom "Kommissar", dem "Alten" und natuerlich Columbo.
Auf unserm Reiterhof waren wir an Derricks Abenden bald unter uns, niemand hing hier rum, frueher Feierabend, alle hatten das gleiche Abendprogramm vor sich!
Als was Besonderes an "Derrick" erschien uns auch die psychologische Tiefe; war er nicht derjenige, welcher Taeter durch sein blosses beharrliches Hingucken zum halb-freiwilligen oder entnervten Gestaendnis brachte?
Nach zehn Jahren USA und Krimi-Serien wie "Mystery Woman" (die Krimi-Buchhaendlerin mit der Nase fuer eigenes Fahnden, Reruns von "Matlock" (dem ungebaerdigen Straf-Verteidiger mit seiner schoenen Tochter) und dem ewig gleichen Plot von "Perry Mason" (der Hauptverdaechtige ist ge-framed worden, und Perry Mason's unerschrockenes Team wird das in letzter Minute vor Gericht beweisen) ... also da hatte ich mich eigentlich gefreut, die alten deutschen Krimis mal wieder zu sehen. Es blieb dann bei einem einzigen "Fall fuer zwei".
Zuviel Action um der Action willen, finde ich heute.
Die Derrick'sche Tiefe aus Hundeaugen hat sich verabschiedet. Da lese ich lieber wieder und schau mir die Stories mit dem innern Auge an.
Gruesse aus dem Schweizer Nebel,
Tina Hackel
Koeniz b. Bern
moechte ich nicht werten oder bewerten - aber dass einem fuer einen Nachruf auf einen doch sehr bekannten Schauspieler nichts anderes einfaellt, als permanent auf dessen Augen-Ausdruck rumzureiten, ist alles andere als eine grossartige journalistische Leistung.
Extrem schwacher Artikel - ob der schreibende Journalist jetzt Glubschaugen hat oder nicht.
man eine Rolle nur lange genug spielen: Dann ist jeder bereit, in dieser eine philosophische Dimension zu erkennen.
Das war auch bei Kohl so ähnlich. Je länger er pappte, desto größer wurden seine Verdienste und seine Weitsicht.
Aber vielleicht war es einfach kräftesparend, eine Dauerrolle, die man nicht mehr los wird und die allemal den Lebensunterhalt sichert, minimalistisch zu spielen.
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