Familie "Betreuen, aber nicht erziehen"
Warum ist das Verhältnis zwischen Großeltern und Enkeln ein so besonderes? Der Soziologe Francois Höpflinger über ein Familien-Phänomen
ZEIT ONLINE: Was macht die Beziehung zwischen Enkeln und Großeltern so besonders?
Francois Höpflinger: Sie ist das letzte unangefochtene Überbleibsel des bürgerlichen Familienideals. Die Großelternrolle genießt heute eine hohe Akzeptanz. Das war allerdings nicht immer so.
ZEIT ONLINE: Können Sie das genauer erläutern?
Höpflinger: Anfang des 20. Jahrhunderts hatten Großeltern ein sehr negatives Image. Sie galten als zu unmodern und man warf ihnen vor, die Enkel nur zu verwöhnen. Außerdem waren sie häufig körperlich und geistig nicht mehr fähig, sich um ihre Enkelkinder zu kümmern. Heute sind Großeltern im Allgemeinen gesünder, aktiver und innovativer.
ZEIT ONLINE: Wie wirken sich Konflikte zwischen Eltern und Großeltern auf die Enkelbeziehung aus?
Höpflinger: Der Wegfall der autoritären Erziehungsmuster hat einiges entschärft. 1968 hatte die Jugend ganz andere Wertvorstellungen als ihre Eltern aus der Kriegsgeneration. Dieser Konflikt hat sich nicht nur auf die Beziehung zwischen Kindern und ihren Eltern negativ ausgewirkt, sondern auch auf die Beziehung der Enkel zu ihren Großeltern. Die 68er-Eltern wollten ihre Kinder den neuen Werten entsprechend erziehen und haben daher vielleicht einen engen Kontakt zu den Großeltern vermieden. Heute entfällt dieser Generationenkonflikt, weil sich die Wertvorstellungen von Jung und Alt angenähert haben.
ZEIT ONLINE: Was hat sich dadurch im Verhältnis von Enkeln und Großeltern verbessert?
Höpflinger: Die distanzierte Großeltern-Enkel-Beziehung ist zu einer kameradschaftlichen geworden. 2004 haben wir 658 Enkel befragt, wie sie ihre Großeltern einschätzen. 80 Prozent bewerteten ihre Großeltern positiv.
ZEIT ONLINE: Was unterscheidet die Beziehung Großeltern-Kind von der Beziehung Eltern-Kind?
Höpflinger: Die Eltern tragen die direkte Verantwortung für ihre Kinder, die von der Gesellschaft auch streng eingefordert wird. Die Großeltern haben dagegen rechtlich gesehen eine relativ schwache Rolle. Um so größer ist ihre gesellschaftliche Bedeutung für die Familie: als Betreuer von Kleinkindern und zusätzliche Bezugspersonen. Dennoch gilt in ihrem Fall das Prinzip des Engagements ohne Einmischung: Die Großeltern sollen betreuen, aber nicht erziehen.
ZEIT ONLINE: Ist es das, was sich Enkel von ihren Großeltern wünschen?
Höpflinger:Fragt man Jugendliche, so wünschen sie sich Großeltern, die sich Zeit für sie nehmen und Verständnis für sie aufbringen. Jedoch gibt es bei den Gesprächsthemen klare Grenzen, wie zum Beispiel Sexualität.
ZEIT ONLINE: Was können Großeltern und Enkel voneinander lernen?
Höpflinger: Für die Enkel sind Großeltern wichtig, weil sie für den Erhalt von Ritualen und Familientradition stehen. Kinder sind sehr interessiert an Bräuchen und Familiengeschichten, das zeigt sich gerade um Weihnachten herum.
Die Großeltern können wiederum durch ihre Enkel an die eigene Jugend anknüpfen. Sie können wieder Kinder betreuen - aber dieses Mal, ohne die volle Verantwortung für den Nachwuchs zu haben. Außerdem kommen Großeltern mit Schulkindern und Jugendlichen auf den aktuellen Stand der Technik, zum Beispiel, wenn der Enkel seinem Opa das Internet erklärt.
ZEIT ONLINE: Nur noch wenige Großeltern leben heute gemeinsam mit ihren Kindern und Enkeln unter einem Dach. Beeinflusst das die Großeltern-Enkel-Beziehung negativ?
Höpflinger: Nein, wir haben im Gegenteil festgestellt, dass sich große Nähe eher negativ auswirkt, vor allem in einem gemeinsamen Haushalt. Es hat sich in unseren Studien gezeigt, dass in Bayern Familien oft in einem Haus wohnen, aber mit getrennten Eingängen. Das geht. Schwierig kann natürlich auch eine große räumliche Distanz werden, weil man sich dann leicht entfremdet. Das zeigt sich besonders bei Immigrantenfamilien. Großeltern aus Südeuropa kommen häufig aus ländlichen Regionen und haben wenig Verständnis für das urbane Leben und das moderne Familienbild ihrer Enkel. Manchmal scheitert es einfach an sprachlichen Problemen: wenn zum Beispiel eine sizilianische Großmutter ihren Enkel in Deutschland besucht und vielleicht nur einen speziellen Dialekt spricht. Das macht die Beziehung natürlich schwierig. Der Kontakt über die Entfernung wird erschwert, wenn die Großeltern im Heimatland keinen Zugang zum Internet haben.
- Datum 23.12.2008 - 07:37 Uhr
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Es ist in der Tat so, dass das Verhältnis zwischen Großeltern und Enkel sich stark gewandelt hat. Aus meiner (vielleicht nur subjektiven) Sicht. Ich habe nur einen Teil der Großeltern erlebt, nämlich meine Oma (Mutter meines Vaters). Sie ist mit mir (Jahrgang 46) viel im Wald spazieren gegangen. Ich habe schon früh Bäume, Sträucher und Tiere kennen gelernt. Zu meinen Eltern hatte ich ein eher reserviertes Verhältnis (jedenfalls im nachhinein betrachtet) und bin mit Volljährigkeit sofort ausgezogen. MIttlerweile habe ich zwei große Töchter und fünf Enkelkinder. Ich konnte mich, da mit Ende fünfzig aus dem Arbeitsmarkt "geworfen", richtig um die Enkelkinder kümmern, z.B. auch richtig auf dem Waldspielplatz toben. Gerade die Phase der Enkel zwischen einem und drei Jahren erlebte ich intensiv mit, was bei meinen eigenen Töchtern nicht der Fall war. Der Job machte es erforderlich zwischen 10 und 12 Stunden von montags bis freitags abwesend zu sein. Wir leben nicht unter einem Dach aber mit nur kurzen Wegen beieinander. Bei meinen Töchtern wäre vieles ohne Hilfe der Opas oder der Omas (meine Enkelkinder haben noch alle 4 Großeltern) nicht möglich. Es wird gerne angenommen. Bei den Eckpunkten der Erziehung liegen wir etwa auf einem Nenner.
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