Die eigene Geschichte und die seines Landes anzunehmen, seine Grenzen zu erkennen, um sie zu überschreiten – davon erzählt Jaroslav Rudiš' neuer Roman Grandhotel. Der 1972 im tschechischen Turnov geborene Schriftsteller und Drehbuchautor gilt seit dem Debüt Der Himmel unter Berlin als junges Talent der tschechischen Literatur. Das Grandhotel erschien in Tschechien bereits 2006. Der Stoff landete dort fast zeitgleich als Spielfilm in den Kinos.

Das Grandhotel ist eine "90 m hohe Rakete, die nach oben spitz zuläuft". Ein Turm auf dem Berg Ještěd, der hoch über Liberec in Nordböhmen steht. Im Sudentenland. Hier lässt Jaroslav Rudiš seine Figuren auftreten. Das Hotel: ein Sammelbecken für Gestrandete. Bevölkert von Charakteren mit rauen Sitten. Ein loser Haufen verlorener Typen mit seltsamen Ticks. Wie Patka, der allen seine Happy-Life-Fläschchen andrehen will. Oder Franz, der seine verstorbenen Freunde als Asche in Dosen aufbewahrt, um sie in ihrer alten Heimat zu verstreuen. Ein Symbol zur Aussöhnung von und mit Sudetendeutschen?

Der Protagonist Fleischman ist aufgewachsen in Liberec/Reichenberg, einer Stadt an der deutsch-tschechisch-polnischen Grenze, 100.000 Einwohner, von Bergen umgeben. Fleischman hat sie nie verlassen. In kleinen Happen verrät er seine Erlebnisse. Seine Eltern emigrierten und ließen ihn allein. So wuchs er im Heim auf. Sein Trauma kompensiert er mit Meteorologie: Er weiß alles über Wolken, die ihm Freiheit bedeuten. Er weiß um den Atemhauch, der ausreicht, um einen Tornado in Gang zu setzen. Seine Liebe gilt der Wetterfee im Fernsehen.

Fleischman war noch nie mit einer Frau zusammen. Sein grobschlächtiger Cousin und Chef Jégr, der Fleischman aus dem Heim holte, umgibt sich mit nostalgischen Schmuckstücken aus der DDR und brüstet sich mit Frauengeschichten. Oft ohrfeigt Jégr ihn. Aber Fleischman kann den Ort nicht verlassen, weil er Panikattacken bekommt, wenn er dies versucht. Einmal pro Woche geht Fleischman zu Frau Doktor,  eine geduldige Psychotherapeutin. Doch nicht einmal ihr erzählt er die ganze Wahrheit seines Unglücks. Er scheint keine Perspektive zu haben. Wie die meisten, die in diesem Tal leben, weiß die Therapeutin. Denn der Ort besitzt eine extrem hohe Selbstmordrate.

Die Serviererin Ilja erwischt den" Einhandflötisten" Fleischman beim Spannen durch ein Schlüsselloch. Später beobachtet er auch Ilja und das Zimmermädchen Zuzana und erfährt, was sie über ihn denken. Sie machen sich über ihn lustig, um sich später in den Träumer zu verlieben: erst Zuzana, dann Ilja. Fleischman aber sagt: "Vielleicht ist Einsamkeit die einzige Leidenschaft, die mein Vater mir vererbt hat".  Letztlich gibt es für Ilja und Fleischman doch noch eine Liebesszene, eine einzige.

Grandhotel ist das anrührendste und undogmatisch-humanistischste Buch seit langem, unprätentios wie nur möglich. Jaroslav Rudiš verfasste Drehbuch und Roman parallel. Und so ist das Buch geschrieben, in einer einfachen, schnörkellosen Sprache. Zu Beginn des 238-seitigen Romans ist man noch skeptisch, ob dieser Fleischman nicht nur ein Pappkamerad ist, der hauchdünn über sprachlichen Banalitäten ins Profane stürzt. Aber dieser Eindruck wird nach wenigen Seiten entkräftet.

So unglaublich leicht und einfach lässt Rudiš den 25-jährigen Hotelboy das Drama seines Lebens erzählen, dass man von seiner zurückgenommen-schüchternen Art, die sich gegen den Wahnsinn der Welt verschließt und gegen das Toben der anderen Menschen anschweigt, nicht genug bekommen kann.