Wie man Regenwürmer fängt, weiß jedes Kind: Einfach kräftig trampeln, dann kommen sie von selbst aus dem Erdreich. Hartnäckig hielt sich bislang der Mythos, dass die Würmer bei Regen an die Oberfläche kriechen, um sich vorm Ertrinken zu retten. Und ganz klar: Heftiges Stampfen simuliert den Niederschlag und mobilisiert die Würmer.

Kanadische Forscher haben das Verhalten der Ringelwürmer Diplocardia mississippiensis und D. floridana jetzt genauer untersucht. Dabei ergab sich ein etwas anderes Bild: Vermutlich fliehen die Regenwürmer aus Angst vor Maulwürfen. Denn in ihrer Wahrnehmung ähnelt das Wassertröpfeln dem Geräusch, das der Feind verursacht, während er sich zu seiner Beute vorschaufelt.

Jayne Yack von der Carlton Universität in Ottawa machte zusammen mit professionellen Angelköder-Sammlern in Florida verschiedene Feldversuche. Das Team konnte wissenschaftlich untermauern, dass Regenwürmer bei Erschütterung an die Erdoberfläche kriechen. Die Ergebnisse der Experimente wurden im Fachmagazin Biology Letters veröffentlicht.

Zunächst rammten die Forscher Holzpfähle in die Erde. Als sie dann mit Metallgegenständen auf die Pfosten einschlugen, schlängelten sich die Würmer tatsächlich an die Oberfläche. Überraschenderweise gruben sie sich nicht sofort wieder ein, nachdem das Beben vorüber war. Stattdessen krabbelten einige Regenwürmer bis zu einer Stunde lang auf dem Waldboden umher, bevor sie an anderer Stelle wieder in den Humus abtauchten.

Die Wissenschaftler vermuten, dass die Würmer die Erschütterung für einen herannahenden Maulwurf halten. Anders ließe sich nicht erklären, dass sie sich so lange oberhalb des Erdbodens aufhalten, wo sie ständig in Gefahr sind, von Vögeln und anderen Tieren gefressen zu werden.