Wenn etwas die Musik dieses Jahrzehnts ausgemacht hat, dann der Zufall, die Weite, die Unübersichtlichkeit. Alles, was an Musik beschrieben und klassifiziert werden konnte, weil es in den Fokus der konventionellen Musikberichterstattung geriet, war eher öde. Rock-Revivals ohne Ende, ein langsam die Luft verlierender und immer sexistischer werdender R&B, dazu jede Menge narzisstische Mittelschichtsjugendliche und ihre immer gleichen Singularitäten.

Sobald man aber in den Weiten des Netzes, der alternativen Musikversender und -versteigerer und der Enthusiasten sich in irgendeinem Mikroterritorium für irgendetwas zu interessieren begann, öffneten sich gigantische Territorien ebenso galaktischer wie graziöser Musik.

Wer das summieren wollte, konnte das nur als dem Leben abgewandter Nerd. Man übergab in diesem Jahrzehnt die Verantwortung an den Zufallsgenerator Shuffle, den freundlichen DJ unserer iPods. Keiner wusste besser als er oder sie, was ich in diesem Jahrzehnt hören wollte. Ich musste nur die interessanten Ecken der Welt aufsaugen, Shuffle stellte immer das Richtige zusammen.

Zum Beispiel, während wir hier sprachen, lief: Later For That Gangsta Bullshit, ein Dialog mit Stringer Bell (Idris Elba) vom Soundtrack der besten Fernsehserie aller Zeiten, The Wire, dann hustend aggressiver Anti-Folk von den Straßen New Yorks mit Roger Manning, dann eine Interpretation von Cornelius Cardews erratischer Komposition Material durch den Gitarristen und Komponisten Leo Brouwer, dann die brillante Dancehall Queen Sister Nancy, die zu einem Track von DJ Rupture mehr Öl fordert, dann ein sensationell elegantes Stück von dem in diesem Jahrzehnt leider verstorbenen, einsam würdigen Saxophonisten Joe Henderson, Black Narcissus, dann ein schon in den Fünfzigern aufgenommenes Field Recording, das Hugh Tracey am Hofe des Mwami Ruan gemacht hat, Hi, eine Produktion des ebenfalls verstorbenen, trockensten HipHop-Lakonikers aller Zeiten, J Dilla. Dem folgte die filigrane Schönheit des Black Science Orchestra, die brachialen Klangforschungen von Dave Philips: Justice Is An Artifact of Custom – und während wir noch über den Wahrheitsgehalt des Titels diskutieren, saugt uns bassAliens von SunnO)))) in eine schwarzseidene Spelunke unterhalb des surrealen Salzsees unserer Novembernachmittagsfantasien.

Zum Abschied spielt Herbie Nichols, schon lange tot, aber im letzten Jahrzehnt endlich komplett ediert, eine seiner so spröden wie erschütternden Tunes, bevor zu den Klängen eines Liedes von Niobe aus Köln, meiner Lieblingssängerin der nuller Jahre, dieser Text an die Redaktion gemailt wird.

Der Kulturwissenschaftler und Journalist Diedrich Diederichsen gilt als wichtigster deutscher Poptheoretiker