Es begann am vergangenen Wochenende mit dem Vorschlag von Bildungsministerin Annette Schavan, die Wirtschaftskrise für ein Konjunkturprogramm zugunsten der Bildung zu nutzen. 20 Milliarden will sie zur Sanierung maroder Gebäude mobilisieren.

Wie könnte diese zunächst auf Handwerker und die Bauwirtschaft zielende Hilfe pädagogische Erneuerungen stimulieren? Politische Fantasie wäre gefragt. Wege zu glanzvollen und erfolgreichen Häusern des Lernens zeigen aktuell wieder die mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichneten Schulen.

Bevor dieser Preis am Mittwoch vergeben wurde, kamen erst noch zwei Studien, Timms und Iglu, über Grundschüler heraus. Sie zeigen, dass die Grundschulen hierzulande ganz gut, zum Teil sogar sehr gut sind. Allerdings steht darum die Frage, was dann auf dem Weg zum Pisa-Test bei den 15-Jährigen schief geht, drängender denn je auf der Tagesordnung. Zugleich aber schwindet die Strahlkraft der großen Studien. Welche Fragen können sie beantworten und wo bleiben sie stumm?

Timms, die internationale Studie über Mathe und Naturwissenschaften, löste vor zehn Jahren die neue Bildungsdebatte aus. Der Befund war, dass deutsche Schüler große Schwierigkeiten haben, ihr Formelwissen außerhalb des engen schulischen Aufgabenkorsetts anzuwenden.

Dass es in der Mathematik häufig verschiedene Wege zu Lösungen gibt, war den Schülern eher fremd. Sie haben offenbar überwiegend für die Schule gelernt, im Laufe der Schulzeit vermutlich mehr und mehr widerwillig, kaum aber für die Praxis. Gleichzeitig ist die Praxis in der Gesellschaft immer weniger bloßes Ausführen. Mehr und mehr geht es ums Problemlösen.

Pisa schlug 2001 in die gleiche Kerbe. Nicht Schulwissen, sondern Kompetenzen sind gefragt. Darin patzen die deutschen Schüler. Mit diesem Befund war ein Rahmen für den Umbau der Lehranstalten zu Häusern des Lernens gesetzt.

Aber bald verengten sich die Diskussionen um die Studien. Statt genauer auf die Schulen zu blicken und zu untersuchen, wie nachhaltiges Lernen gelingt, wurden Pisa und Co. zum Hackbrett für politische Profilierungen der Bundesländer. Alte, ideologische Gräben im deutschen Bildungskrieg wurden wieder ausgehoben. Die nie bewiesenen, aber auch nicht widerlegten Hinweise, dass in manchen Bundesländern speziell für die Tests trainiert wurde, erinnern ans Schummeln bei Klassenarbeiten.

 

Das Abschneiden im Ranking wurde bald wichtiger als Erkenntnisse über die Realität der Schüler. Und wenn ein erfolgreiches Pisa-Bundesland zwei oder dreimal so viele Kinder zur Sonderschule wie andere schickt, und so die schwächsten nicht gewertet werden - ein Schelm, der unterstellt, dass man so seine Performance verbessert.

Wenn sich zuweilen die Studien wie Wolken vor die Realität schieben, so liegt das weniger an den Studien selbst, als an einer Rezeption, die mehr auf Munitionierung für ihre Ressentiments aus ist als auf Erkenntnisse.

Studien können eben immer nur Hinweise liefern, auch sehr triftige, aber keine endgültigen Erklärungen für Ursachen. Das große Problem, auf das die beiden jüngsten Grundschulstudien verweisen, benennt deren Leiter Wilfried Bos in der ZEIT:  „Grundschüler sind ungemein wissbegierig. Das ist nicht nur ein Eindruck, sondern wir können das auch messen. Und irgendwie nimmt diese Wissbegier im Laufe der Schulzeit nicht zu, sondern sie nimmt ab. Das darf eigentlich nicht sein.“

Es hat also Sinn, mit Daten unter dem Arm und wacher Sinne in die Schulen gehen. Genau das macht der Deutsche Schulpreis, genauer seine übrigens heterogen zusammengesetzte Jury. Die Verleihung des Preises war der Höhepunkt dieser Woche. Alle ausgezeichneten Schulen, und ebenso die nominierten, verabschieden sich von der Pädagogik des Gleichschritts.

Reinhard Kahl schreibt für ZEIT ONLINE die Bildungskolumne Wurzeln und Flügel © privat

Diese war mehr der Stoffvermittlung, dem großen Gleichmacher, verpflichtet als dem Lernen. Der gemeinsame Nenner dieser Schulen heißt Verschiedenheit, die Branche spricht von Heterogenität. Jedes Kind ist anders, lernt anders und weiß anderes, woran anzuknüpfen ist.

Und alle diese guten Schulen selbst sind verschieden. Sie haben eine Geschichte, sind Ergebnis ihrer Lernbiografie. Deshalb können Kinder und Jugendliche dort auch gut lernen. Sich diese und andere gute Schulen ganz genau anzusehen, gehört zu den Neujahresvorsätzen des Kolumnenschreibers.

Wenn man diese Woche noch einmal Revue passieren lässt, dann zeigt sich an drei Stellen der allmähliche Umbau unserer Schulen zu Häusern des Lernens. Mit der Sanierung der Gebäude fängt es an. Dann gilt es, die Statik der Institution zu sichern. Das sind die unbedingt zu erreichenden Lernstandards, die die großen Studien vermessen. Das Wichtigste aber ist die geistige Architektur der jeweiligen Schule, die sie erst zu einem Ort macht.

 

Was einen Ort ausmacht, spürt man sofort beim Betreten der Wartburg Grundschule in Münster, die den Schulpreis gewann. Dort gibt es zum Beispiel einen Raum in tiefem Rot, an einer Wand die Zeichnung einer indischen Tänzerin, gegenüber hängt ein Vorhang aus dünnem Organza. Der Raum nebenan ist in etwas hellerem Rot gestrichen. Auf Kacheln finden sich asiatische Motive und an einer Wand in feinsten Strichen ein Sumo-Ringer. Der hellrote Raum für Jungen ist ganz japanisch gestaltet. Der dunkelrote für Mädchen hingegen indisch. Es handelt sich wahrscheinlich um die schönsten Toiletten in Deutschlands Schulen. Sollte es mal Schulkritiker geben, so wie es Literatur- und Restaurantkritiker gibt, sie würden ihre Besuche an diesen Örtchen beginnen.