Irrwitz der Woche Einmal anstecken, bitte!
Mark Spörrle ist fassungslos über die krankhaften Auswüchse der Kinderbetreuung in Deutschland

© photocase
Als ich dieser Tage verschnupft durchs Treppenhaus schlurfte, schoss Sven aus seiner Wohnungstür, auf dem Arm seinen sechzehnmonatigen Sohn Frederik.
"Bitte bleib!", rief Sven, als ich ausweichen wollte. "Du bist doch krank? Ein wandelnder Infektionsherd?"
"Tut mir leid ...", schniefte ich.
"Nein, das ist gut!", rief Sven und hielt mir seinen Sohn dicht vors Gesicht. "Könntest Du Frederik anstecken?"
"Was?", fragte ich.
"ANSTECKEN!", wiederholte Sven. "Nies ihn an, küss ihn! Wir können auch zusammen Fahrstuhl fahren, dort sollen sich Viren besonders gut halten."
"Notfalls", ergänzte Svens Frau Maja und trat aus der Tür, "könntest du ihm gebrauchte Taschentücher zum Spielen mitgeben, obwohl ich das nicht sehr hygienisch finde ..."
"Aber – warum?", stotterte ich.
"Ganz einfach", sagte Sven. "Du weißt doch, dass wir beide arbeiten. Und dass Majas Tante tagsüber auf Frederik aufpasst, bis er in die Krippe kommt?"
Ich nickte.
"Okay", sagte Sven. "Aber jetzt ist Majas Tante krank. Sie liegt im Bett. Und wir haben niemanden, der auf Frederik aufpasst!"
"Aber", sagte ich, "kann nicht einfach einer von Euch ..."
"Einfach? Ausgeschlossen!", sagte Sven. "Wir müssen Urlaub nehmen. Aber nur noch ich habe einen Tag. Einen einzigen ..."
"Könnt Ihr nicht mit euren Chefs reden?", fragte ich.
Beide schüttelten den Kopf.
"Das kann doch nicht sein", sagte ich. "Es gibt sicher einen Rechtsanspruch ..."
"Eben nicht!", rief Sven, "Maja oder ich dürfen nur bei Frederik bleiben, wenn ER krank ist. Nicht, wenn seine BETREUERIN krank ist. Verstehst du endlich? Frederik muss krank werden!"
Wir fuhren sechsmal im Fahrstuhl auf und ab, wobei ich mich bemühte, mehrfach zu niesen. Zum Abschied herzte und küsste ich den Kleinen und überreichte ihm ein benutztes Taschentuch. Ich benötigte viel Rotwein, um mein schlechtes Gewissen zu ertränken.
"Es war umsonst", sagte Sven, als er morgens um sechs klingelte. "Frederik hüpft kerngesund im Bett auf und ab. Du bist hoffentlich noch ansteckend?"
Bedauerlicherweise schien ich auf dem Weg der Besserung zu sein. Selbst als ich eine Viertelstunde mit nacktem Oberkörper auf dem winterlichen Balkon ausharrte, brachte ich nur einen schwachen Nieser zustande. Als ich ging, fiel mir allerdings ein, dass ich mich gestern über den EDV-Berater von gegenüber geärgert hatte, der beim Bäcker die Vollkornbrötchen haltlos niesend mit einem Tröpfchenregen überzog. Sven stürzte los, um ihn zu holen.
Kaum war ich in der Redaktion, rief Sven wieder an. Er klang leicht panisch: Der EDV-Berater hatte versagt, daraufhin hatte er Frederik auf dem Spielplatz an sämtlichen Geräten lecken lassen, offenbar ebenso erfolglos. "Wir werden jetzt alle Kinderarzt-Wartezimmer der Umgebung abklappern und ich lasse ihn mit den kränksten Kindern spielen und die Schnuller tauschen", schloss Sven. "Sonst bleibt uns nur noch die Infektionsabteilung des Tropeninstituts ..."
Ich rief bei der Pressestelle des Familienministeriums an und erläuterte das Problem.
"Was kann der Staat dafür, wenn jemand seine Kinderbetreuung nicht geregelt kriegt?", fragte der Pressesprecher.
"Aber unsere Familienministerin will doch Familie und Beruf vereinbaren!", rief ich. "Lässt sie die Eltern in so einer Lage mutterseelenallein?"
"Natürlich nicht!", sagte der Pressesprecher. "Aber jeder Berufstätige kann doch behaupten, eine erkrankte Tante habe sein Kind betreut und er müsse deswegen nun zu Hause bleiben. Und wenn das aber nicht stimmt? Wenn das Kind sich heimlich selber betreut?"
"Ein sechzehnmonatiges Kind!", rief ich. "Meinen Sie das ernst?"
- Datum 14.05.2009 - 10:01 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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... und vermutlich auch "mitten aus dem Leben", nur: nachher nimmt das noch jemand ernst!
Dieser Ich-Erzähler Spörrle hätte zumindest am Ende seines Textes auf die Idee kommen können, selber (für einen Freundschaftspreis) ausnahmsweise auf das Kind aufzupassen. Hätte ihm ein paar Gläser Rotwein, Aufzugfahrten und das schlechte Gewissen erspart, vielleicht hätte es sogar Spaß gemacht.
Zuviel Realitätssinn oder zuviel Utopie???
Wenn Du etwas wissen willst, frag keinen Gelehrten, sondern einen Erfahrenen!
Ok, ist ja auch ganz witzig.
Aber wozu soll man überhaupt Kinder haben, wenn man/frau die nur im Krankheitsfall sehen kann...
Im Ernst: genug Ärzte, Psychologen etc. können mit Studien belegen, dass die Fremdbetreuung von Kindern nur die zweitbeste Lösung ist.
Eine Mutter/Vater die/der tatsächlich noch zu Hause bei den Kindern bleibt ist für diese Kinder das Beste.
Da liegt wohl auch das Problem, das Beste für die Kinder ist nicht das Beste für den Geldbeutel, das Bruttosozialprodukt und die 100%-Verfügbarkeit für den Arbeitsmarkt. Deshalb halte ich die aktuelle Familienpolitik auch eher für eine Untermenge der Wirtschaftspolitik: Eltern sollen möglichst schnell wieder am Arbeitsplatz erscheinen...
Zitat Pressemeldung Bertelsmann-Stiftung:
"Studie: Besuch einer Kinderkrippe führt zu größeren Bildungschancen und erhöht das Lebenseinkommen
...
Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie der Bertelsmann Stiftung, die den Einfluss des Besuchs von Kinderkrippen (0 bis 3 Jahre) auf die Bildungsbiographie ... untersucht. Im Auftrag der Stiftung hatte das "Schweizer Büro für Arbeits- und sozialpolitische Studien" (BASS) die Geburtsjahrgänge von 1990 bis 1995 der in Deutschland geborenen Kinder unter die Lupe genommen. Von den Kindern in den betrachteten Jahrgängen haben lediglich 16 Prozent eine Krippe besucht.
Der Studie zufolge hat die frühkindliche Bildung einen hohen Einfluss auf den späteren Bildungsweg. Für den Durchschnitt der Kinder aus den untersuchten Jahrgängen erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, ein Gymnasium zu besuchen, von 36 Prozent auf rund 50 Prozent, wenn sie vorher eine Krippe besucht haben. Für benachteiligte Kinder liegt die Verbesserung der Bildungschancen durch einen Krippenbesuch noch höher. Von diesen Kindern gehen rund zwei Drittel mehr aufs Gymnasium. ..."
Bitte nicht schon wieder die "zahlreichen Studien" anführen, die angeblich belegen, dass Kinder zu Hause glücklicher, gesünder, schlauer und ausgeglichener werden. Diese Studien gibt es nämlich nicht.
Die historisch unglaublich späte und kulturell eindeutig marginale Überzeugung, jemand müsste sich Vollzeit zu Hause um den Nachwuchs kümmern, in den Rang eines angeblich bewiesenen Naturgesetzes zu erheben, ist einfach Unsinn.
Zitat Pressemeldung Bertelsmann-Stiftung:
"Studie: Besuch einer Kinderkrippe führt zu größeren Bildungschancen und erhöht das Lebenseinkommen
...
Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie der Bertelsmann Stiftung, die den Einfluss des Besuchs von Kinderkrippen (0 bis 3 Jahre) auf die Bildungsbiographie ... untersucht. Im Auftrag der Stiftung hatte das "Schweizer Büro für Arbeits- und sozialpolitische Studien" (BASS) die Geburtsjahrgänge von 1990 bis 1995 der in Deutschland geborenen Kinder unter die Lupe genommen. Von den Kindern in den betrachteten Jahrgängen haben lediglich 16 Prozent eine Krippe besucht.
Der Studie zufolge hat die frühkindliche Bildung einen hohen Einfluss auf den späteren Bildungsweg. Für den Durchschnitt der Kinder aus den untersuchten Jahrgängen erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, ein Gymnasium zu besuchen, von 36 Prozent auf rund 50 Prozent, wenn sie vorher eine Krippe besucht haben. Für benachteiligte Kinder liegt die Verbesserung der Bildungschancen durch einen Krippenbesuch noch höher. Von diesen Kindern gehen rund zwei Drittel mehr aufs Gymnasium. ..."
Bitte nicht schon wieder die "zahlreichen Studien" anführen, die angeblich belegen, dass Kinder zu Hause glücklicher, gesünder, schlauer und ausgeglichener werden. Diese Studien gibt es nämlich nicht.
Die historisch unglaublich späte und kulturell eindeutig marginale Überzeugung, jemand müsste sich Vollzeit zu Hause um den Nachwuchs kümmern, in den Rang eines angeblich bewiesenen Naturgesetzes zu erheben, ist einfach Unsinn.
Zitat Pressemeldung Bertelsmann-Stiftung:
"Studie: Besuch einer Kinderkrippe führt zu größeren Bildungschancen und erhöht das Lebenseinkommen
...
Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie der Bertelsmann Stiftung, die den Einfluss des Besuchs von Kinderkrippen (0 bis 3 Jahre) auf die Bildungsbiographie ... untersucht. Im Auftrag der Stiftung hatte das "Schweizer Büro für Arbeits- und sozialpolitische Studien" (BASS) die Geburtsjahrgänge von 1990 bis 1995 der in Deutschland geborenen Kinder unter die Lupe genommen. Von den Kindern in den betrachteten Jahrgängen haben lediglich 16 Prozent eine Krippe besucht.
Der Studie zufolge hat die frühkindliche Bildung einen hohen Einfluss auf den späteren Bildungsweg. Für den Durchschnitt der Kinder aus den untersuchten Jahrgängen erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, ein Gymnasium zu besuchen, von 36 Prozent auf rund 50 Prozent, wenn sie vorher eine Krippe besucht haben. Für benachteiligte Kinder liegt die Verbesserung der Bildungschancen durch einen Krippenbesuch noch höher. Von diesen Kindern gehen rund zwei Drittel mehr aufs Gymnasium. ..."
Bevor man Meldungen der Bertelsmann-Stiftung ernst nimmt, sollte man sich ernsthaft mit deren Zielen auseinandersetzen. Diese sind nämlich relativ deckungsgleich zu denen der berüchtigten INSM, also akzeptabel nur für neoliberale Hardliner.
Bevor man Meldungen der Bertelsmann-Stiftung ernst nimmt, sollte man sich ernsthaft mit deren Zielen auseinandersetzen. Diese sind nämlich relativ deckungsgleich zu denen der berüchtigten INSM, also akzeptabel nur für neoliberale Hardliner.
Bitte nicht schon wieder die "zahlreichen Studien" anführen, die angeblich belegen, dass Kinder zu Hause glücklicher, gesünder, schlauer und ausgeglichener werden. Diese Studien gibt es nämlich nicht.
Die historisch unglaublich späte und kulturell eindeutig marginale Überzeugung, jemand müsste sich Vollzeit zu Hause um den Nachwuchs kümmern, in den Rang eines angeblich bewiesenen Naturgesetzes zu erheben, ist einfach Unsinn.
Bevor man Meldungen der Bertelsmann-Stiftung ernst nimmt, sollte man sich ernsthaft mit deren Zielen auseinandersetzen. Diese sind nämlich relativ deckungsgleich zu denen der berüchtigten INSM, also akzeptabel nur für neoliberale Hardliner.
Andere Quelle:
Ahnert: Child Care 2-5 year old. Encyclopedia on Early Childhood Development
http://www.child-encyclopedia.com
...
Recent research results
Whether or not children in child care develop and maintain good relationships with their parents depends upon parents’ ability to provide sensitive care at home.19 Furthermore, it is important that parents establish a balance between home and child care settings, and that they themselves continue to provide types of intimate interaction seldom available in child care centers.9,20,21 Long hours in child care and stressful parent-child relationships are associated with angry aggression in preschool children,22,23 whereas good relationships with care providers help minimize behaviour problems and aggression.24 Care providers, of course, are able to develop significant relationships with children but the quality of those relationships depends on the care providers’ behaviour towards the group as a whole, rather than on the quality of interactions with individual children. Indeed, the emerging relationships between care providers and children reflect the characteristics and dynamics of the group whereas infant–parent attachments seem to be influenced more directly by dyadic interactions.14,25,26 From age 2 on, children are able to interact more extensively with peers. Such encounters provide excellent opportunities for learning the rules of social interaction: how to evaluate social offers, to conduct dialogues, and most importantly, to resolve conflicts with peers constructively.27
Despite contradictory earlier findings about the effects of child care on cognitive and linguistic development, more recent research has revealed the enduring and positive effects of high-quality child care ― even on school performance.28,29 Almost all children (not only those from less stimulating home environments) can benefit cognitively, especially when they enjoy positive relationships with their care providers.
...
Andere Quelle:
Ahnert: Child Care 2-5 year old. Encyclopedia on Early Childhood Development
http://www.child-encyclopedia.com
...
Recent research results
Whether or not children in child care develop and maintain good relationships with their parents depends upon parents’ ability to provide sensitive care at home.19 Furthermore, it is important that parents establish a balance between home and child care settings, and that they themselves continue to provide types of intimate interaction seldom available in child care centers.9,20,21 Long hours in child care and stressful parent-child relationships are associated with angry aggression in preschool children,22,23 whereas good relationships with care providers help minimize behaviour problems and aggression.24 Care providers, of course, are able to develop significant relationships with children but the quality of those relationships depends on the care providers’ behaviour towards the group as a whole, rather than on the quality of interactions with individual children. Indeed, the emerging relationships between care providers and children reflect the characteristics and dynamics of the group whereas infant–parent attachments seem to be influenced more directly by dyadic interactions.14,25,26 From age 2 on, children are able to interact more extensively with peers. Such encounters provide excellent opportunities for learning the rules of social interaction: how to evaluate social offers, to conduct dialogues, and most importantly, to resolve conflicts with peers constructively.27
Despite contradictory earlier findings about the effects of child care on cognitive and linguistic development, more recent research has revealed the enduring and positive effects of high-quality child care ― even on school performance.28,29 Almost all children (not only those from less stimulating home environments) can benefit cognitively, especially when they enjoy positive relationships with their care providers.
...
Bitte nicht schon wieder die alte Diskussion um Krippe oder Heim anfangen - das hat doch keinen Sinn, da ist doch zu viel Ideologie im Spiel!
Ich glaube aber, Spörrle ist in seinem witzigen kleinen Text einer echten großen Lücke auf der Spur, einer, unter der alle die leiden, deren Kinder NOCH NICHT in die Krippe gehen dürfen oder können, und die trotzdem arbeiten (müssen). Die sind nämlich ganz schön angeschmiert, wenn die Betreuerin mit Fieber im Bett liegt, war bei meiner Schwester und ihren Zwillingen neulich auch so, das akzeptiert dann kein Schwein, bzw. kein Arbeitgeber, bzw. muss keiner akzeptieren.
Und klar, allen Lippenbekenntnissen zum Trotz, die siebenfache Mutter von der Leyen kennt natürlich ein solches Dilemma nicht!
Andere Quelle:
Ahnert: Child Care 2-5 year old. Encyclopedia on Early Childhood Development
http://www.child-encyclopedia.com
...
Recent research results
Whether or not children in child care develop and maintain good relationships with their parents depends upon parents’ ability to provide sensitive care at home.19 Furthermore, it is important that parents establish a balance between home and child care settings, and that they themselves continue to provide types of intimate interaction seldom available in child care centers.9,20,21 Long hours in child care and stressful parent-child relationships are associated with angry aggression in preschool children,22,23 whereas good relationships with care providers help minimize behaviour problems and aggression.24 Care providers, of course, are able to develop significant relationships with children but the quality of those relationships depends on the care providers’ behaviour towards the group as a whole, rather than on the quality of interactions with individual children. Indeed, the emerging relationships between care providers and children reflect the characteristics and dynamics of the group whereas infant–parent attachments seem to be influenced more directly by dyadic interactions.14,25,26 From age 2 on, children are able to interact more extensively with peers. Such encounters provide excellent opportunities for learning the rules of social interaction: how to evaluate social offers, to conduct dialogues, and most importantly, to resolve conflicts with peers constructively.27
Despite contradictory earlier findings about the effects of child care on cognitive and linguistic development, more recent research has revealed the enduring and positive effects of high-quality child care ― even on school performance.28,29 Almost all children (not only those from less stimulating home environments) can benefit cognitively, especially when they enjoy positive relationships with their care providers.
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