Eines kann man Finanzminister Peer Steinbrück nicht vorwerfen: fehlende Haltung. Eisern lehnt er es ab, den Staat zugunsten eines weiteren Konjunkturprogramms zu verschulden. Last man standing, die letzte Bastion der Vernunft, so sieht sich der oberste Haushälter. Einer, der sich nicht dem "Populismus" hingibt, wie es anderswo in Europa geschieht, wo die Regierungen ihre Schulden nach oben treiben, um die Konjunktur anzukurbeln.

Aus dieser Art, die Welt zu deuten, entstand wohl Steinbrücks scharfe Kritik am britischen Premier Brown und dessen Konjunkturprogramm. "Dieselben Leute, die sich immer gegen Finanzierung durch Staatsverschuldung gewehrt haben, werfen nun mit Milliarden um sich", schimpfte der Finanzminister im Interview mit dem amerikanischen Magazin Newsweek. Und fügte hinzu: "Unsere britischen Freunde senken nun ihre Mehrwertsteuer. Wir haben keine Ahnung, wie viel Geschäfte davon an ihre Kunden weitergeben. Kauft man wirklich einen DVD-Spieler, weil er nun 39,10 statt 39,90 Pfund kostet?"

In vielem hat Steinbrück recht: Mehrwertsteuersenkungen à la Großbritannien bringen wenig, weil der daraus resultierende Kaufanreiz begrenzt ist und die Unternehmen das Geld einstreichen können. Kommende Generationen müssen eine höhere Neuverschuldung ausbaden. Und natürlich folgt vieles, was derzeit auf der Welt probiert wird, dem Prinzip von trial and error: Ob die Maßnahmen, die da getroffen werden, geeignet sind, die Konjunktur zu befeuern und die Rezession abzufedern, ist keineswegs ausgemacht.

Dennoch sind die Äußerungen des Finanzministers befremdlich. Denn die deutsche Regierung wirkt selbst zunehmend richtungslos. Sie ist nicht so standhaft, wie Steinbrück es uns weismachen will. Längst wächst die Distanz zwischen dem Finanzminister und der Kanzlerin, die eben noch so einträchtig auftraten: Peu à peu distanziert sich Angela Merkel von ihrem obersten Haushälter und kündigt an, sich "alle Optionen" offenhalten zu wollen.

Hinzu kommt, dass Deutschland bislang ein Konjunkturpaket vorgelegt hat, welches Steinbrück zwar permanent als schlüssig verkauft, das in Wahrheit aber nur ein Päckchen zusammenhangloser Maßnahmen ist. Das wurde abermals klar, als die Kanzlerin zu Wochenbeginn flugs die vom Verfassungsgericht erzwungene Rücknahme der gekürzten Pendlerpauschale zur weiteren Konjunkturmaßnahme erhob – also zu etwas, was der Finanzminister entschieden ablehnt.

Dass Steinbrück nun mit solcher Verve die Bemühungen Großbritanniens im Kampf gegen die Krise geißelt, mag Gründe haben: Seit Wochen schon sind sich Briten und Deutsche uneins darüber, wie man der Krise begegnen soll - während die Deutschen mehr Kontrolle wollen, plädieren die Briten für möglichst wenig Regulierung.  Auch wehrt sich Steinbrück gegen Forderungen aus Brüssel, Deutschland möge sich stärker in der Wirtschaftskrise engagieren - deshalb geht er nun offenbar in die Offensive.

Dennoch war der Auftritt Steinbrücks diplomatisch unklug. Deutschland braucht die Briten und die anderen europäischen Länder, um sich gegen die Krise zur Wehr zu setzen. Und Steinbrücks Äußerungen könnten zudem seiner Glaubwürdigkeit schaden, wenn er irgendwann weiteren Maßnahmen zustimmen muss, die er jetzt so entschieden und deutlich ablehnt.