Türkei & Armenien "Ich teile den Schmerz"

Türkische Intellektuelle haben sich mit einer Initiative im Internet bei den Armeniern wegen der Massaker im Ersten Weltkrieg entschuldigt. Die Nationalisten wüten

Armenier demonstrieren in Brüssel dafür, dass die Türkei für den Fall eines EU-Beitritts die Massaker des Ersten Weltkrieges anerkennen muss

Armenier demonstrieren in Brüssel dafür, dass die Türkei für den Fall eines EU-Beitritts die Massaker des Ersten Weltkrieges anerkennen muss

"Es reicht!": Baskin Oran fasst die Stimmung von 213 türkischen Intellektuellen zusammen, die am Sonntag eine Erklärung zum Schicksal der Armenier des Osmanischen Reichs während des Ersten Weltkriegs veröffentlich haben.

In der offiziellen Darstellung des Massakers an den Armeniern im Jahre 1915 ist immer noch ausschließlich von einer Umsiedlung der Armenier an der russischen Front die Rede und davon, dass sich Armenier und Türken im Kriege gegenseitig bekämpft und getötet hätten.

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"Eineinhalb Millionen Armenier lebten damals in Anatolien", sagt der emeritierte Professor Oran, davon sind jetzt noch 55.000 übrig." Und der bekannte Journalist Cengiz Candar fragt geradeheraus: "Wo sind denn diese Leute heute? Sind sie denn alle ausgewandert und wenn ja, wohin?"

Doch 85 Jahre nationalistischer Erziehung und die strafrechtliche Verfolgung abweichender Informationen lassen selbst viele aufgeschlossene Türken der festen Meinung sein, die Vernichtung der Armenier sei eine Folge von Kriegswirren. Für jene, die mehr wissen, ist das fast unerträglich. Deshalb hat Baskin Oran zusammen mit seinen Kollegen Ahmet Insel und Cengiz Aktar sowie mit dem Journalisten Ali Bayramoglu jene kurze Erklärung formuliert, die jetzt in der Türkei die Gemüter erhitzt.

"Ich kann es mit meinem Gewissen nicht vereinbaren, dass die Große Katastrophe, die die osmanischen Armenier 1915 ereilte, verleugnet und ihr teilnahmslos begegnet wird", heißt es darin. Und weiter: "Ich teile den Schmerz unserer armenischen Brüder und Schwestern und bitte Sie um Entschuldigung." Noch vor seiner Veröffentlichung schlossen sich diesem Text mehr als 200 weitere Leute an. Jetzt steht er auf Website www.ozurdileriz.com , und jeder kann die Aktion unterstützten.

Auf das Wort "Völkermord" haben die Verfasser verzichtet. Einmal weil hier keine Einigkeit herrscht, und auch, weil sie zu Recht annehmen, dass die Menschen in der Türkei erst einmal erfahren sollten, was geschehen ist. Der Text spricht von der "Großen Katastrophe", wie das auch die Armenier selbst mit dem Begriff "Mets Jechern" taten, bevor nach dem Zweiten Weltkrieg der Ausdruck "Völkermord" geläufig geworden ist.

Leser-Kommentare
  1. zolle ich diesem Eingeständnis der eigenen Vergangeheit großen Respekt. Es gibt wohl kaum etwas das schwerer ist als sich die eigenen Fehler einzugestehen. Jeder von uns hat den einen oder anderen Makel an sich, keiner ist frei von Fehlern. Wir sind alle Menschen.

    Das war es doch was Atatürk mit der Gleichstellung der Frau und der Einführung der Demokratie erreichen wollte. Die Gleichheit der Menschen zu betonen. Auch wenn manche der damaligen Methoden heute in Zweifel zu ziehen sind weil wir uns im Laufe er Zeit weiter entwickelt haben. Wenn nicht grundlegend, so doch intellektuell.

    Ein mutiger Schritt nach vorne. Schuld auf sich zu laden die nicht einmal eine persönliche ist. Stellvertretend für die Gemeinschaft. Ohne Dank dafür zu erwarten. Erinnert mich, als Andersgläubigen, an Jesus aus der Bibel.

    Es wäre schön wenn die Geste angenommen würde. Es kann eine Annäherung sein. An die Ideale des Vaters der modernen Türkei.

    Visionen sind eine Herausforderung. Macht ist eine Illusion. Anführen bedeutet in erster Konsequenz verantwortlich und Vorbild zu sein. Wahrhaft siegt, wer nicht kämpft.

    Weisheit währt am Längsten.

    Die Zukunft beginnt mit dem nächsten Augenblick!

    • Melone
    • 15.12.2008 um 21:11 Uhr

    Hut ab vor diesen Leuten! Endlich einmal eine positive Nachricht aus der Türkei - es sieht leider nicht so aus, als sollten weitere folgen. Aber immerhin, ein Schritt ist gemacht! Schade nur, dass die türkischen Verbände in Deutschland noch nicht so weit sind und prinzipiell nur anklagen und fordern.

    ponschek

  2. ... der korrekte Link lautet jedoch: www.ozurdiliyoruz.com

  3. Nach glaubwürdigen Berechnungen waren zu Ende des Krieges 900 000 Armenier aus 1,5 Millionen am leben. Gleichzeitig starben etwa 2,5 Millionen Moslemische Zivilbevölkerung, die höchste Todesrate in einem Krieg seit dem 30-jährigen Krieg in Deutschland. 1820 bis 1912 wurden etwa 5 Millionen europäische Moslems umgebracht, damit der Islam aus Europa verschwindet und die ehemals mehrheitlich von Moslems bevölkerten Territorien des osmanischen Reiches in Europa wie mittlerweile geschehen mehrheitlich christlich werden. Eine Auseinandersetzung mit dieser Aera wäre gerade im Rahmen des diskutierten EU Beitritts der Türkei bitter nötig. Stattdessen ermutigt die EU einige „Intellektuelle“ dazu, sich dafür zu entschuldigen, dass wir Türken überlebt haben. So wird jedem in der Türkei, nicht nur den „Nationalisten“ klar, was das christliche Abendland von uns will. Am liebsten sollen wir gemeinsam krepieren. Anschließend wird man sich wundern, weshalb Herr Erdogan auf die von der EU geforderten Reformen pfeift und die Türkei sich vom Westen abwendet.

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    Oha. Hier spricht ein echter Türkensohn!

    Oha. Hier spricht ein echter Türkensohn!

  4. Oha. Hier spricht ein echter Türkensohn!

    Antwort auf "und unsere Toten?"
  5. Wenn man hier kurz ausführt, Fakten vorlegt und behauptet, dass es die Armenier
    waren, die während des I. Weltkrieges insbesondere im Osten des Osmanischen Reiches
    meistens Kurden und Türken töteten und mit der ethnischen Säuberung begannen(alleine in Stadt Van über 30.000 Kurden), mit denen sie jahrhundertelang in unmittelbarer Nachbarschaft zusammenlebten, sich den Russen, später den Engländern und Franzosen anschlossen, weil die damaligen imperialen Mächte den Armeniern eigenen Staat versprachen(Wilsondoktrin), blieb den damaligen Osmanen unter dem deutschen Oberbefehlshaber Liman von Sanders nicht anders übrig die Armenier zu deportieren. Die Ostfront Armeen befehligte der General Bronsart von Schellendorf. Die mangelhafte Infrastruktur hatte die Folge durch die langen Fußmärsche, Krankheiten und widrigen Kriegsumstände eine erhebliche Anzahl von Armeniern unterwegs starben. Hinzu kam, dass die Kurden selbst und durch die von ihnen bestehenden Hamidiye-Einheiten Rache nahmen, was nicht geplant war und der Kontrolle entglitt. Vergessen wir nicht, dass durch die Übergriffe der Armenier zwischen 1910-1922 523.955 Tausend einzeln namentlich registrierte Türken, Kurden und andere ethnische Moslems getötet wurden. Das ganze ist für alle Beteiligten eine Tragödie vom besonderen Ausmaß. Grundlos geschieht nichts in der Geschichte in solchen Fällen.
    Der ganze 1. Weltkrieg war ein Verteilungskrieg der Erbe des kranken Mannes am Bosporus.
    Am Ende schrumpfte das riesen Reich von zig. Millionen Quadratmetern auf eine jetzigen Fläche von ca.777 Tausend Quadratmetern. Es ging schon damals u.a. ums Öl, wie heute auch!
    Die Türkei verlangt seit Jahrzehnten Bildung einer unabhängigen Historiker-Kommission.
    Armenier wollen, dass die Türkei zuerst den so genannten Völkermord anerkennt, würden sie es vielleicht in Erwägung ziehen. Aber Geschichte können nur die Historiker urteilen und nicht die Politiker. Erst nach dem Urteil der unabhängigen Historiker wissen wir, ob die armenischen Vorwürfe eines Volkermordes mit der historischen Wirklichkeit zu tun hat oder das Ganze politisch motiviert ist, um Forderungen zu stellen: 1.Anerkennung, 2.Entschädigung, 3. Gebietsansprüche.
    Der durch feige unmenschliche Attentat ermordete H. Dink sagte selbst, dass die Imperialisten es waren, die für ihre Zwecke die Armenier gegen Osmanen aufwiegelten und am Ende sie fallen ließen.

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    Gut recherchiert. Die einseitige Betrachtung von Geschehenissen ist immer einfacher als eine differenzierte Analyse. Einen derart komplexen Vorgang wie die Vorkommnissen im ersten Weltkrieg bezogen auf das osmanische Reich auf einseitige Schuldvorwürfe zu reduzieren würde genauso falsch sein, wie als Schuldigen des ersten Weltkrieges ausschließlich das Deutsche Reich zu benennen.

    Gut recherchiert. Die einseitige Betrachtung von Geschehenissen ist immer einfacher als eine differenzierte Analyse. Einen derart komplexen Vorgang wie die Vorkommnissen im ersten Weltkrieg bezogen auf das osmanische Reich auf einseitige Schuldvorwürfe zu reduzieren würde genauso falsch sein, wie als Schuldigen des ersten Weltkrieges ausschließlich das Deutsche Reich zu benennen.

  6. jetzt befuerchten dass ihnen ein Prozess gemacht wird wegen Beleidigung des Tuerkentum? Bis heute ist es ja nicht ungefaehrlich in der Tuerkei fuer krititsche Menschen.

  7. Dies ist eine Antwort auf Kommentar Nr. 7

    Es gibt nichts schlimmeres als Halbwissen!

    Freie Meinungsäußerung ist ein kostbares Gut.
    Allerdings ist auch diesem Gut Grenzen gesetzt.
    In jedem Strafgesetzbuch ist Beleidigung eine Straftat.
    Man sollte zwischen erlaubter Kritik und unerlaubter
    Beleidigung unterscheiden. Kritik an den Türken und deren
    staatlichen Organe ist ohne Einschränkung erlaubt.

    Wie stehts es im Deutschen Strafgesetzbuch:
    § 90a StGB
    Verunglimpfung des Staates und seiner Symbole
    1. (1) Wer öffentlich, in einer Versammlung oder durch Verbreiten von Schriften (§ 11 Abs. 3) die Bundesrepublik Deutschland oder eines ihrer Länder oder ihre verfassungsmäßige Ordnung beschimpft oder böswillig verächtlich macht oder
    2. die Farben, die Flagge, das Wappen oder die Hymne der Bundesrepublik Deutschland oder eines ihrer Länder verunglimpft,
    wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

    § 90b StGB
    Verfassungsfeindliche Verunglimpfung von Verfassungsorganen
    1. (1) Wer öffentlich, in einer Versammlung oder durch Verbreiten von Schriften (§ 11 Abs. 3) ein Gesetzgebungsorgan, die Regierung oder das Verfassungsgericht des Bundes oder eines Landes oder eines ihrer Mitglieder in dieser Eigenschaft in einer das Ansehen des Staates gefährdenden Weise verunglimpft und sich dadurch absichtlich für Bestrebungen gegen den Bestand der Bundesrepublik Deutschland oder gegen Verfassungsgrundsätze einsetzt, wird mit Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren bestraft.
    (2) Die Tat wird nur mit Ermächtigung des betroffenen Verfassungsorgans oder Mitglieds verfolgt.
    (Es hat bis jetzt in der BRD 77 Verurteilungen in der Vergangenheit
    gegeben.)

    Zum Vergleich: Der alte berühmt-berüchtigte Artikel des türkischen Strafgesetzbuch:

    Artikel 301. - (1) Personen, die das Türkentum, die Republik oder die Große Nationalversammlung der Türkei herabwürdigen, werden mit einer Freiheitsstrafe von 6 Monaten bis 2 Jahre bestraft.

    (2) Personen, die die Regierung der Republik Türkei, die exekutiven Organe der Türkei, militärische oder polizeiliche Organisationen herabwürdigt, werden mit einer Freiheitsstrafe von 6 Monaten bis 2 Jahre bestraft.

    (3) Die Strafe für türkische Staatsbürger, die im Ausland das Türkentum herabwürdigen, werden um ein Drittel erhöht.

    (4) Meinungsäußerungen, die den Zweck der Kritik haben, können jedoch nicht als Strafgrund angesehen werden. "

    Beim neuen modifizierten Artikel 301 wurde das Wort "Türkentum"
    sowie Ziffer 3 weggestrichen. Neu als Erschwernis ist hinzugekommen, dass der Anklage der Justizminister zustimmen muß.

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