HirnforschungGericht genehmigt Affenversuche

Die umstrittenen Affenversuche an der Universität Bremen dürfen bis auf Weiteres fortgesetzt werden. Das entschied das Verwaltungsgericht Bremen am Freitag

Das Institut für Hirnforschung kann die Experimente an Makaken-Affen weiterführen, aber zunächst nur so lange, bis die Bremer Regierung über einen Widerspruch der Universität Bremen entscheidet. Das SPD-geführte Gesundheitsressort hatte einen Antrag auf Fortsetzung der Versuche zuvor abgelehnt.

Mit den teils Stunden dauernden Experimenten an den Makaken erforschen Wissenschaftler die Funktion des Gehirns. Die Grundlagenforschung soll der Heilung schwerer Gehirnschäden bei Menschen dienen. Tierschützer sehen die Versuche als Quälerei. Das Verwaltungsgericht erklärte, es sei notwendig, "den Sachverhalt weiter aufzuklären". Im Anschluss daran seien schwierige und bislang nicht abschließend geklärte Rechtsfragen zu beantworten.

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Bei dem Streit geht es um die Frage, welches Recht Vorrang hat: das Grundrecht auf Forschungsfreiheit oder der verfassungsrechtlich verbürgte Tierschutz. Die Versuche laufen seit 1998.

"Das ist ein Etappensieg, aber in der Kernproblematik ist noch nichts entschieden", sagte ein Sprecher der Universität. "Es findet jetzt noch mal eine intensive Auseinandersetzung mit dem Thema statt."

Im Gesundheitsressort möchte man nicht von einem Etappensieg der Universität sprechen und sieht nach der Entscheidung ein "völlig offenes Verfahren". Die Behörde will nun in einem Gutachten die Belastung für die Tiere bei den Experimenten untersuchen lassen. "Wir müssen ganz konkret prüfen, ob die Tiere leiden", sagte eine Sprecherin des Gesundheitsressorts. Wann über den Widerspruch der Forscher entschieden wird, sei noch unklar. "Wir schauen, dass wir das schnell und effizient klären."

Bei den Versuchen wird den Primaten ein Loch in den Schädel gebohrt, durch das bei den Tests Elektroden in ihr Gehirn geschoben werden. Auf ihrem Kopf ist mit Zement eine Halterung befestigt, mit der die Tiere fixiert werden können. Am Ende ihres Versuchstierlebens werden sie getötet, damit die Gehirne untersucht werden können. Nach Angaben des Forschungsleiters Andreas Kreiter ist die Belastung für die Tiere "objektiv relativ gering".

Der Bundesverband Menschen für Tierrechte wertete die nur befristete Genehmigung als Teilerfolg. "Wir sind erleichtert, dass das Gericht Kreiters Affenversuche nur für eine kurze Zeit erlaubt", teilte der Verbandsvorsitzende Kurt Simons mit. Der Präsident des Deutschen Tierschutzbundes, Wolfgang Apel, sagte: "Es ist höchst bedauerlich, dass das Leid der Affen an der Universität Bremen nun doch noch kein Ende hat."

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Leserkommentare
  1. "Nach Angaben des Forschungsleiters Andreas Kreiter ist die Belastung für die Tiere "objektiv relativ gering"."

    Das könnte man meinen, wenn die Tiere betäubt werden und mit Schmerzmitteln behandelt werden. Während der Sondierung des Hirngewebes müssten sie dazu noch sediert werden, um den Stress zu reduzieren. Aber was ist letzlich das "relativ"? Relativ zu was?

    Seitdem ich in einem Krankenhaus gesehen habe wie mit Mäusen umgegangen wurde, welche ionisierender Strahlung ausgesetzt wurden um zu untersuchen wie sich Strahlung mutagen in Gewebe und Gentik manifestiert, hab ich ein eher distanziertes Verhältnis zu Tierversuchen. Nicht unbedingt wegen der Bestrahlung, sondern weil die Mäuse auf engen Raum gehalten und extrem stressanfällig waren und sich schon gegenseitig angefressen hatten. Daher habe ich den Eindruck, daß Versuchtiere eher wie Abfall ohne besondere Vermeidung von Leiden als reine Sache behandelt werden. Wegwerfartikel sozusagen.

  2. Man nehme eine repräsentative Auswahl von 1.000 Bürgern, mache sie mit einem Affen bekannt und wenn mehr als die Hälfte dieser Auswahl höchstpersönlich einem Affen ein Loch in den Schädel bohrt und eine Zementfixierung montiert kann man von einer allgemeinen gesellschaftlichen Akzeptanz solcher Versuche ausgehen.
    Genehmigen Affen eigentlich auch Richterversuche?

  3. Verfolgt man die aktuellen Disskusionen über Tierversuche, so könnte man den Eindruck gewinnen, es gibt die "guten" Menschen, die Tierversuche strickt ablehnen und die "schlechten" Menschen, die Wissenschaftler, welche die Tierversuche ausführen. Dabei wird vergessen, dass es auch unter den Wissenschaftlern, die tierexperimentell arbeiten, einen großen Teil gibt, der den Tierversuch an sich als notwendig zur Erschaffung neuen Wissens ansieht und durchführt, aber trotzdem in einem innerern Konflikt zu sich selber steht, da viele Wissenschaftler aus dem Bereich der Biologie kommen, und sich somit schon innert während des Studiums mit dem Leben und seinen Formen beschäftigen. Das Mitgefühl für das Tier steht im Kontrast zum Versuch, weswegen versucht wird, das Experiment an sich so schnell und schohnend wie möglich im Hinblick auf das Tier und den Versuch, durchzuführen.
    Der gefühlskalte Wissenschaftler, der das tierische Leben als gering erachtet ist somit eher zur Minorität als zur Majorität zu rechnen.

    Es ist recht und gut und ausgesprochen wichtig, dass es Menschen gibt, die sich für die Rechte der Tiere gegenüber den Interessen der Menschen und der Wissenschaft einsetzen. Das soll verhindern, dass Versuchstiere in unnötigen und ethisch nicht vertretbaren Experimenten eingesetzt werden. Hierfür gibt es, wie auch in Bremen, eigens dafür eingerichtete Ethikkomissionen, in denen von einer heterogenen Gruppe aus Wissenschaftlern und fachfremden Personen, die die Thematik des Versuchsvorhabens, Einordnung in den wissenschaftliche Zusammenhang und die Belastung der Tiere in den jeweiligen Versuchen, beurteilt und ablehnt oder genehmigt, oder Veränderungen der experimentellen Durchführung verlangen kann.
    Somit ist der Wissenschaftler an sich gefordert zu evaluieren, ob die Tierversuche den Wert des zu erlangenden Wissens rechtfertigen. Man sollte immer die Frage im Kopf behalten, was wäre, wenn der Neurochirurg aufgrund der Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung präziser Operationen am menschlichen Gehirn durchführen kann, und es ihm damit erlaubt wird, genauere Aussagen über mögliche betroffene Hirnfunktionen nach z. B. einem Schlaganfall zu treffen, und daraus verbesserte Heilungsmethoden resultieren?
    Wir neigen dazu, in unserer Welt die Medizin und ihre Möglichkeiten als selbsverständlich anzusehen, vergessen aber dabei, dass die verbesserten medizinschen Erkenntnisse unter anderem durch den Einsatz von Tierversuchen zustande kommen. Wenn wir dann in die Situation kommen, diese Medizin in Anspruch nehmen zu müssen, sind wir doch froh, dass die durch die Wissenschaft vergrößerte Erkenntis uns zu Gute kommt.

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    • jantiff
    • 29. Dezember 2008 3:12 Uhr

    Wenn Neurochirurgen heute präzise im menschlichen Hirn operieren können, dann nicht aufgrund von Hirnexperimenten mit Affen, sondern aufgrund von Operationen bzw. Beobachtungen an kranken Menschen. Pathologische Tatsachen waren die Samenkörner für die wertvollen Erkenntnisse in der Neurophysiologie. John Hughlings Jackson entdeckte das Handzentrum durch die intelligente Beobachtung hirnverletzter Patienten. Paul Broca lokalisierte das Sprechzentrum auf diese Weise. Wilder Penfield hat durch Operationen am Menschen Gesetzmäßigkeiten bei der Zuordnung von Gehirnregionen zu ihren Funktionen erkennen und Epilepsie-Herde noch zuverlässiger orten können. Da dies immer nur eine Frage von wenigen Zehntelmillimetern war, wage ich zu bezweifeln, dass diese wegweisenden Erkenntnisse am Affenhirn gewonnen worden wären.

    Neurophysiologen haben durch ihre Versuche, vom Gehirn des Tieres auf den Menschen zu schließen, vor allem Widersprüche hervorgebracht – und Nobelpreise erhalten für Resultate, die uns zwar nichts über unser Gehirn verraten, aber inzwischen durch neue Tierexperimente längst widerlegt sind. Der Neurologe Edward Constant Seguin sagte: „Die feststehenden Tatsachen, auf welche wir unsere täglichen Lokalisierungs-Diagnosen gründen, sind durch Pathologen geduldig gesammelt worden und würden heutzutage die Lehre der Gehirn-Lokalisierung stützen, auch wenn kein einziges Tiergehirn berührt worden wäre.“

    Es geht also nicht darum, abzuwägen, ob das Tieropfer, den Erkenntnisgewinn rechtfertigt. Es geht darum, zu erkennen, dass es den Forschern darum geht, IHRE Theorie am Tier zu erproben, da die unerschöpflichen Manipulationsmöglichkeiten, die die Tiere ihnen bieten, genau das erlauben. Es ist seit über 100 Jahren bequem und lukrativ, aus diesen Experimenten Heilsversprechungen abzuleiten. Es geht darum, zu erkennen, das diese Tier-VERSUCHE irreführend, unwissenschaftlich und daher unnötig sind, um etwas über den Menschen zu lernen. Wer sich mit der Geschichte des Tierversuchs in der Neurophysiologie beschäftigt, dem muss das eklatante Missverhältnis zwischen der Zahl der Experimente (aus denen hunderte Bücher abstrakter Theorie hervorgegangen sind, die niemand mehr überblickt) oder vielmehr den Hekatomben geopferter Tiere und dem Nutzen sofort ins Auge fallen.

    In anderen Forschungsbereichen, wie der AIDS-Forschung oder der Impfstoffforschung, haben Affenversuche, durch die zahlreichen Irrtümer, die sie hervorgebracht haben, den medizinischen Fortschritt sogar verzögert. Es ist eben doch etwas plump, die physionomische Ähnlichkeit zwischen Mensch und Affe mit der biologischen Ähnlichkeit zwischen Mensch und Affe gleichzusetzen.

    Über die Möglichkeit einer Ethikkommission, Tierleid zu verhindern, breite ich lieber das Mäntelchen der Barmherzigkeit aus. Der ganze Scharfsinn der Experimentatoren richtet sich nach wie vor darauf, gesunde Tiere krank zu machen (auch ein Affe mit Implantaten im Gehirn ist nicht mehr gesund). Ohne Leid geht das nicht. Daher ende ich mal abrupt mit Goethe:
    „Auf der Folter verstummt die Natur.“

    Jantiff

    „Es ist die Tragik eben dieser modernen medizinischen tierexperimentellen
    Wissenschaft, dass sie die Philosophie und damit auch die Tradition aufgegeben hat.
    Die Denkart des Herzens genießt kein Gastrecht in Universitäts-Instituten und
    Chemielaboratorien, wo Mitgeschöpfe zu lebenden Maschinen pervertiert werden.“
    Dr. Fritz Schenk, Biel

  4. Das stellt sich nur die Frage, warum grey-matters diese Erkentnisse nicht an Menschenexperimenten gewinnen will. Nehme er doch sich selbst oder seine Familienangehörige, wenn er darin einen herausragenden gesammtgesellschaftlichen ethischen Wert sieht.

    In Wirklichkeit versucht hier grey-matters die positive Seite der "eventuellen" wissenschaftlichen Erkentnisse zum Nutzen einer Spezies gegen ethische Grundnormen auszuspielen.

    Übrigens könnten viele Krankeiten schon vermieden werden, wenn Menschen sich sich bewusst ernähren und sich in Bewegung halten.

    • jantiff
    • 29. Dezember 2008 3:12 Uhr

    Wenn Neurochirurgen heute präzise im menschlichen Hirn operieren können, dann nicht aufgrund von Hirnexperimenten mit Affen, sondern aufgrund von Operationen bzw. Beobachtungen an kranken Menschen. Pathologische Tatsachen waren die Samenkörner für die wertvollen Erkenntnisse in der Neurophysiologie. John Hughlings Jackson entdeckte das Handzentrum durch die intelligente Beobachtung hirnverletzter Patienten. Paul Broca lokalisierte das Sprechzentrum auf diese Weise. Wilder Penfield hat durch Operationen am Menschen Gesetzmäßigkeiten bei der Zuordnung von Gehirnregionen zu ihren Funktionen erkennen und Epilepsie-Herde noch zuverlässiger orten können. Da dies immer nur eine Frage von wenigen Zehntelmillimetern war, wage ich zu bezweifeln, dass diese wegweisenden Erkenntnisse am Affenhirn gewonnen worden wären.

    Neurophysiologen haben durch ihre Versuche, vom Gehirn des Tieres auf den Menschen zu schließen, vor allem Widersprüche hervorgebracht – und Nobelpreise erhalten für Resultate, die uns zwar nichts über unser Gehirn verraten, aber inzwischen durch neue Tierexperimente längst widerlegt sind. Der Neurologe Edward Constant Seguin sagte: „Die feststehenden Tatsachen, auf welche wir unsere täglichen Lokalisierungs-Diagnosen gründen, sind durch Pathologen geduldig gesammelt worden und würden heutzutage die Lehre der Gehirn-Lokalisierung stützen, auch wenn kein einziges Tiergehirn berührt worden wäre.“

    Es geht also nicht darum, abzuwägen, ob das Tieropfer, den Erkenntnisgewinn rechtfertigt. Es geht darum, zu erkennen, dass es den Forschern darum geht, IHRE Theorie am Tier zu erproben, da die unerschöpflichen Manipulationsmöglichkeiten, die die Tiere ihnen bieten, genau das erlauben. Es ist seit über 100 Jahren bequem und lukrativ, aus diesen Experimenten Heilsversprechungen abzuleiten. Es geht darum, zu erkennen, das diese Tier-VERSUCHE irreführend, unwissenschaftlich und daher unnötig sind, um etwas über den Menschen zu lernen. Wer sich mit der Geschichte des Tierversuchs in der Neurophysiologie beschäftigt, dem muss das eklatante Missverhältnis zwischen der Zahl der Experimente (aus denen hunderte Bücher abstrakter Theorie hervorgegangen sind, die niemand mehr überblickt) oder vielmehr den Hekatomben geopferter Tiere und dem Nutzen sofort ins Auge fallen.

    In anderen Forschungsbereichen, wie der AIDS-Forschung oder der Impfstoffforschung, haben Affenversuche, durch die zahlreichen Irrtümer, die sie hervorgebracht haben, den medizinischen Fortschritt sogar verzögert. Es ist eben doch etwas plump, die physionomische Ähnlichkeit zwischen Mensch und Affe mit der biologischen Ähnlichkeit zwischen Mensch und Affe gleichzusetzen.

    Über die Möglichkeit einer Ethikkommission, Tierleid zu verhindern, breite ich lieber das Mäntelchen der Barmherzigkeit aus. Der ganze Scharfsinn der Experimentatoren richtet sich nach wie vor darauf, gesunde Tiere krank zu machen (auch ein Affe mit Implantaten im Gehirn ist nicht mehr gesund). Ohne Leid geht das nicht. Daher ende ich mal abrupt mit Goethe:
    „Auf der Folter verstummt die Natur.“

    Jantiff

    „Es ist die Tragik eben dieser modernen medizinischen tierexperimentellen
    Wissenschaft, dass sie die Philosophie und damit auch die Tradition aufgegeben hat.
    Die Denkart des Herzens genießt kein Gastrecht in Universitäts-Instituten und
    Chemielaboratorien, wo Mitgeschöpfe zu lebenden Maschinen pervertiert werden.“
    Dr. Fritz Schenk, Biel

  5. nur leider trifft ihr Kommentar ins Leere. Hier geht es gerade nicht um Prozesse, die man an Menschen - krank oder gesund -nichtinvasiv beobachten kann. Es ist ja auch schön wenn man Epilepsie-Herde genau orten kann. Aber auf die Frage wie epileptische Anfälle ausgelöst werden, was dabei in den Neuronen, Schaltkreisen und Gehirnarealen passiert und vor allem wie man diese Fehlfunktionen effektiv und möglichst nebenwirkungsarm unterbinden kann- darauf bietet die Analyse pathologischer Zustände leider keine Antwort.

    Man kann vieleicht aus Tierexperimenten nicht so viel über Menschen lernen - dafür aber jede Menge über Zellen und deren Interaktion in einem lebenden Tier. Insbesondere Neurophysiologen sollten sehr zurückhaltend sein, wenn es um die Abwertung von Erkenntnissen aus Tierversuchen geht. Wieviele Erkentnisse über die Physiologie von Neuronen wurden denn ursprünglich am Menschen gewonnen? Und trotzdem haben klinische Untersuchungen gezeigt, dass diese - durch Tierversuchen gewonnenen - Erkenntnisse im Wesentlichen auch auf menschliche Neuronen zutreffen.

    Wenn ihnen nun der Preis in Säugetierleben für die Erkenntnisse der biomedizinischen Forschung zu hoch ist, dann sollten alle Nichtveganer mal bedenken wieviele Tiere jeden Tag für die menschliche Genuss-Sucht leiden und sterben. Ist dass ethischer?
    Ist nun der Biologe, der die Mechanik der Natur erforscht - auch mit dem Ziel Menschen zu helfen - ethisch verwerflicher als Verbraucher, denen Tierprodukte schmecken?

  6. . . . dieses Talent liegt eher aufseiten einer Wissenschaft, die der Öffentlichkeit die Notwendigkeit invasiver Eingriffe in lebende Affen, Katzen-, und Rattengehirne einreden, um die Mechanik der Natur zu erforschen.

    Mag ja sein, dass man eine Fülle von Detailwissen über die Physiologie von Neuronen und die Interaktion von „Schaltkreisen“ im lebenden Tier erhält. Doch selbst wenn sich Details Jahre später als übereinstimmend mit klinischen Beobachtungen an kranken oder gesunden Menschen herausstellen, ist der Schlüssel zum Verständnis und zur Behandlung menschlicher Erkrankungen wie Epilepsie nicht im Tiergehirn zu finden. Auch können Versuche selbst mit Hunderten Tierarten keine Aussagen darüber machen, welche Nebenwirkungen ein neuer Wirkstoff beim Menschen auslöst. Im Gegenteil: Dadurch dass man den Umweg über das Tier zunehmend ausgelassen hat, sind im pharmakologischen Bereich neue Möglichkeiten zur Behandlung von Epilepsie eröffnet worden (z. B. Drug-Monitorung, Isotopen-Untersuchungen, InVitro- in Kombination mit InSilico-Methoden und Microdosing). Auch gewinnen Therapiemöglichkeiten außerhalb der medikamentösen Behandlung zunehmend an Bedeutung: Psychotherapie, Biofeedback- und diätische Methoden, Akupressur und Entspannungsübungen wie Dekonditionierung, Stress-Vermeidungsstrategien usw.

    Die Forschungsmethoden, bei der die Beweisführung vom Menschen abgeleitet wurde, haben für die Patienten wertvollere Fortschritte gebracht als Versuche, bei der vom Affen, der Maus oder der Katze in einem objektivistischen Bocksprung auf den Menschen geschlossen wurde. Der Grund, dass es in der Grundlagenforschung immer noch die Tendenz zur Rechtfertigung massiven Tierverbrauchs gibt, um eine vordergründige Krankheitssymptomatik zu erzeugen, an der eine „Geschichte“ erzählt wird, ist vorwiegend historisch. Das Erzwingen von epileptischen Anfällen bei gesunden Tieren mithilfe von Chemikalien und Elektroschocks kommt mir wie eine überholte, rohe Methode vor, an man festhält, obwohl die Entwicklung an ihr vorbeigaloppiert. Mit den spontanen Epilepsie-Anfällen beim Menschen, die auf hochkomplexe, individuelle Ursachen (in Wechselwirkung mit sozialen und weiteren Faktoren) zurückzuführen sind, haben diese Experimente so viel gemeinsam wie der künstlich erzeugte Krebs bei der Maus mit dem Krebs des Menschen: nur die Symptome.

    Ich rate Naturwissenschaftlern, die sich so weit von der Natur entfremdet haben, dass sie in einem überaus lebendigen, wertvollen Teil davon etwas zerstören, um sie verstehen zu wollen, ganz sentimental, sich in die Weisheit eines Spinngewebes oder das Spiel der Forellen im Bergbach zu vertiefen. Dann erfassen sie mehr vom Wesen der Natur als in einem Studium, in dem ewiggestrige Dozenten ihren Schülern die Ehrfurcht vor dem Leben aberziehen, indem sie ihnen beibringen, dass man „unumgehbar individuelles Leben opfern muss, um das Lebendige wissenschaftlich zu verstehen“.

    Es ist wohl in einem breiteren Kontext zu sehen, dass die tierverbrauchenden Unterrichtsmethoden in Fachbereichen wie Biologie, Humanmedizin, Veterinärmedizin, Chirurgie, Physiologie etc. nach und nach an immer mehr Universitäten durch die tierverbrauchsfreien Unterrichtsmethoden abgelöst werden, weil diese in ethischer, methodischer und pädagogischer Hinsicht überlegen sind.

    Bleibt zu hoffen, dass in Zukunft immer weniger Biologen bereit sind, z. B. Gehirnareale von Zebrafinken mit elektronischen Bauteilen herunterzukühlen, um festzustellen, dass die Vögel mit gekühlten Gehirn langsamer singen. Das ist etwa so, als ob man einem Frosch den Kopf abschneidet, um notieren zu können, dass Frösche mit unversehrtem Gehirn besser schwimmen. Solche Defekt-Experimente sind in der Grundlagenforschung millionenfach durchgeführt worden: für Letzteres ist einem Schüler in den USA eine große Karriere als Wissenschaftler prophezeit worden, und der Zebrafinken-Versuch war neulich in „nature“ nachzulesen. Die Vermutung der Forscher „dass es beim Menschen einen ähnlichen Mechanismus für die Sprachsteuerung geben könnte“, weist darauf hin, dass die Wissenschaftler Zebrafinken einerseits als uns nahe stehende Wesen betrachten, von denen wir dank ihrer Komplexität etwas über uns selbst lernen können – andererseits sprechen sie ihnen jeden Eigenwert ab und degradieren sie zum Gegenstand, der nach dem Experiment entsorgt wird.

    Erkenntnisse am „Tiermodell“ ließen sich immer gut dramatisieren und in ein gleißendes Licht rücken, daher fällt es den Befürwortern von Tierversuchen heute leicht, eine bestimmte Entdeckung der Vergangenheit ausschließlich in Verbindung mit Tierversuchen zu bringen und dann zu folgern, dass alle bedeutenden Fortschritte in der Medizin nur Tierversuchen zu verdanken sind. Genauso gut kann man behaupten, dass der Mensch nur dank Tierversuchen heute schneller laufen und weiter springen kann, und dass es ohne Tierversuche kein Waffeleisen und kein elektrisches Licht gegeben hätte.

    http://www.freewebs.com

    Die ethischen Einwände, die dagegen sprechen, einem Affen ein Loch in den Kopf zu bohren, um dies mit einem möglichen Nutzen für die eigene Art zu begründen, scheinen mir jedoch viel schwerer zu wiegen als medizinischen. Reflexartig legen Befürworter von Tierversuchen, und vor allem jene, die sie selber durchführen, die immer gleiche Leimrute aus: Sie weisen auf die Milliarden Schlachtopfer hin, die für unseren Gaumenkitzel sterben; auf die Kleinstlebewesen, die wir zu Tode treten; die brutaleren Tierexperimente im Ausland und so weiter . . .

    Bereits Claude Bernard hat so argumentiert und die Opferung Tausender Laborhunde damit relativiert, dass wir Tiere ja auch zum Zwecke der Ernährung und der Bekleidung opfern würden, womit er jede weitere Diskussion als überflüssig betrachtete. Bei der DFG und den Max-Planck-Instituten gehören diese Argumente auch 140 Jahre nach Claude Bernard zum Standard-Repertoire. Fast schon typisch ein Interview mit dem Geschäftsführer von HLS, einem der weltgrößten Tierversuchskonzerne, das ich vor einigen Monaten las: Er verglich die 150.000 oder mehr Tiere, die in seiner Firma jährlich in mehr oder weniger leidvollen Experimenten geopfert werden, mit den Schlachtopfern in England und wunderte sich, was die ganze Aufregung eigentlich soll. So einfach ist das.

    Die teils hitzigen Diskussionen, die in diesem und vielen anderen Online-Foren um die Affenversuche des Prof. Kreiter geführt werden, zeigen den Bewusstseinswandel, der gegenüber unseren Mitgeschöpfen inzwischen stattgefunden hat: Viele Menschen lassen sich von der brüchigen Logik und angeblichen Naturgesetzmäßigkeit nicht mehr überzeugen, dass wir grausam gegen fühlende, leidensfähige und intelligente Lebewesen sein dürfen, nur weil es täglich geschieht, und dass wir sie opfern MÜSSEN, um Menschenleben zu retten. „Es ist rein zufällig“, so der Philosoph Leonard Nelson, „dass der Mensch in der Lage ist, die seiner Willkür ausgesetzten Wesen als Mittel zu seinen Zwecken benutzen zu können. Ob wir einwilligen würden, als bloßes Mittel für die Zwecke eines anderen gebraucht zu werden, der uns an Kraft und Intelligenz überlegen ist? Die Frage beantwortet sich selber.“

    Diese Idee, einmal von den Philosophen in die Welt gesetzt, dass wir auch nichtmenschliche Geschöpfe in unsere Moral mit einbeziehen, wird schwer aufzuhalten sein, auch wenn sich so manches menschliche Majestätsbewusstsein dadurch beleidigt fühlt. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis nach den Verboten der Tierversuche an den Kleinen Menschenaffen in Schweden, Österreich und Holland auch das restliche Europa nachzieht. Dann werden die Krallen-, die Totenkopfäffchen und die Makaken folgen. Denn niemand kann dann auf lange Sicht rational überzeugend mit der Begründung argumentieren, dies sei eben die minderwertigere Affenart, und daher hätten sie auch weniger Rechte. Dieser kulturelle Fortschritt ist unumkehrbar. Irgendwann werden Hunde und Katzen in die neue Moral einbezogen und aus Tierversuchen ausgeschlossen, und schließlich die sozial hochintelligenten Mäuse und Ratten, die keine geringere Leidensfähigkeit besitzen, nur weil sie kleiner sind.

    So sehr die Wissenschaft in Zukunft Menschenleid gegen Tierleid ausspielen wird und „einen schwarzen Tag für die Patienten“ beklagt, weil man ihnen wieder eine Tierart weggenommen hat: Mit der Zeit werden diese Argumente so morsch wirken wie heute jene Argumente, die den britischen Abgeordneten William Wilberforce nicht ernst nehmen wollten, weil er den weltweiten Sklavenhandel aus Gründen der Humanität und ohne Rücksicht auf den „riesigen Nutzen für die Menschheit“ per Gesetz abschaffen wollte.
    Jantiff

    „Fragen Sie die Experimentatoren, warum sie mit Tieren experimentieren,
    und die Antwort ist: Weil die Tiere sind wie wir.
    Fragen Sie die Experimentatoren, warum es moralisch in Ordnung ist,
    mit Tieren zu experimentieren, und die Antwort ist:
    Weil die Tiere nicht sind wie wir.“

    Charles R. Magel,
    Professor für Philosophie,
    Moorhead State University,
    Minnesota

  7. Wenn man schon seine Argumentation um einen Link herum aufbaut, sollte der wenigstens stimmen.
    Jantiff

    www.freewebs.com/scientif...

  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa
  • Schlagworte Gericht | Universität Bremen | Affe | Gehirn | Grundlagenforschung | Grundrecht
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