Literaturverfilmungen Thomas Mann spielt Thomas Mann

Heinrich Breloers "Buddenbrooks"-Adaption zeigt, wie langweilig Literatur in Filmform sein kann. Dabei geht es auch anders

Der Witz ist alt, aber gut genug, um noch einmal erzählt zu werden. Zugeschrieben wird er Alfred Hitchcock: Zwei Ziegen stehen auf einer Weide und fressen eine Filmrolle. Als sie fertig sind, sagt die eine zur anderen: "Das Buch war mir lieber."

Dieser Dialog wiederholt sich so oder so ähnlich immer dann, wenn Literatur auf die Leinwand kommt. Da wird gebeckmessert und gerungen, das Bild mit den Buchstaben verglichen, der alte Hierarchiestreit zwischen den beiden Kunstformen neu entfacht.

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Sieht der pathologische Serienmörder Jean-Baptiste Grenouille tatsächlich wie der parfümierte Sänger einer Boygroup aus? Und – noch entscheidender für eingefleischte Philologen: War Effi Briest blond?

Dass das Kino in seiner Anfangszeit die literarische Hochkultur brauchte, um von seinem Proletarier-Image als Jahrmarktsattraktion loszukommen, ist bekannt. Nicht nur Klassiker wurden früh filmisch ausgeweidet. Renommierte Autoren wie Arthur Schnitzler oder Gerhart Hauptmann fertigten eigens Drehbücher an – und handelten sich prompt den gesammelten Spott der Bildungselite ein. Alfred Kerr, schreibender Meinungsführer um die Jahrhundertwende, dichtete gallig: "Nietzsche selbst in Firnenpracht / Hätte heut Kontrakt gemacht / Filmte in modernen Lustren / Einsam hüpfend Zarathustren."

Das Verhältnis hat sich längst entspannt, Buch- und Filmindustrie arbeiten inzwischen Hand in Hand.

Bei den Filmfestspielen in Berlin gibt es seit 2006 den Stoffemarkt Books at Berlinale , der Verleger, Literaturagenten und Produzenten zusammenbringt.

Die Frankfurter Buchmesse hat einen ähnlichen interdisziplinären Branchentreff, bei dem sich die jeweiligen Vertreter zu sogenannten Match-up-Meetings einfinden.

Der Adaptionsmarkt brummt. Schätzungen zufolge fußen rund 30 Prozent der internationalen Spielfilmproduktion auf literarischen Vorlagen. Allein die Verlagsgruppe Random House, zu der etwa die Verlage Goldmann, Heyne und Luchterhand gehören, bietet jedes Jahr im Schnitt 50 Stoffe zur Verfilmung an. Bestseller werden bevorzugt behandelt, weil der große Leserkreis das große Geld an den Kinokassen in Aussicht stellt.

Nun sind also wieder einmal die Buddenbrooks von Thomas Mann an der Reihe, das viele 100 Seiten dicke Schreckgespenst mehrerer Schulgenerationen. Heinrich Breloer ist der vierte Regisseur, der sich am Romanerstling des späteren Literaturnobelpreisträgers versucht.

Den Anfang machte 1923 Gerhard Lamprecht, der im Niedergang der Lübecker Kaufmannsfamilie die Ängste der Weimarer Republik spiegelte – für Mann selbst eine "strohdumme, sentimentale" Adaption seines Stoffs.

Alfred Weidenmann schuf 1959 ein Stück Erbauungskino im Geiste der Wirtschaftswunderjahre, das vornehmlich den Nachkriegsstars um Liselotte Pulver, Hansjörg Felmy und Nadja Tiller eine Spielwiese bot.

Und Peter Wirth erzählte das Buch 1979 in einer elfteiligen Fernsehfassung philisterhaft Seite für Seite nach. Ein Kulturbrett zur Primetime, das immerhin eine intakte Fernsehkultur bezeugte.

Auch Breloers Buddenbrooks ist als Zweiteiler für eine spätere TV-Ausstrahlung angelegt. Und dementsprechend rieselt aus den aufwendig nachgebauten Decors, den bis in die letzte Faser historisierten Kostümen, dem namhaft zusammengestellten Schauspielerensemble der Staub der Biederkeit, der die meisten Eventmovies der Fernsehverantwortlichen seit geraumer Zeit bedeckt.

Eine auf ihre Wendepunkte filetierte Geschichte, ein bisschen Gefühlsdrama, ein bisschen Wirtschaftskrimi, alles auf den größten gemeinsamen Nenner des idealen Durchschnittszuschauers nivelliert. So wird die Fernsehcouch zum Kinosessel und der Kinosessel zur Fernsehcouch . Mit einer selbstbewussten, mit ihren genuin filmischen Möglichkeiten wuchernden Literaturadaption hat das wenig zu tun.

Unter den rund zwei Dutzend Thomas-Mann-Verfilmungen gibt es denn auch im Grunde nur eine, die es mit der literarischen Vorlage aufnehmen konnte: Luchino Viscontis Tod in Venedig von 1971.

Der Italiener besaß die Chuzpe, aus dem Schriftsteller Gustav von Aschenbach in Manns Novelle einen an Gustav Mahler angelegten alternden Komponisten zu machen, auch weil er darin ein weitaus größeres sinnliches Potenzial sah. Ihm gelang damit ein ästhetisches und philosophisches Pendant, das näher an der Erzählung ist, als es jeder philologischen Erbsenzählerei möglich gewesen wäre.

Visconti hat es mit Tod in Venedig in das Pantheon der Filmgeschichte geschafft. Für Breloers Fernsehfilm wird es zum "Tipp des Tages" in den einschlägigen TV-Magazinen und dem einen oder anderen Grimme-Preis reichen. Zu irgendetwas müssen die 16,2 Millionen Euro Produktionskosten schließlich gut gewesen sein.

 
Leser-Kommentare
  1. Das Problem Buch vs. Film ist letzten Endes ein Klassenproblem. Verfilmt man einen für den literarisch "anspruchsvollen" Leser verfassten Roman, so begibt man sich aus einem Publikumskreis in einen ganz anderen. Das Filmpublikum stellt nun mal Ansprüche besonderer Art, denen der Produzent entgegenkommen muss, oder der Erfolg wird ausbleiben. Anders gesagt, je wortgetreuer er dem Roman folgt, desto weniger Erfolg wird er erzielen.

  2. Genau diese selbstgewisse, ebenso arrogante wie ignorante Haltung ist es, die dafür sorgt, daß der Film in Deutschland bis heute als höchstens zweitrangige, wo nicht minderwertige Kunstform gilt, als bloße "Unterhaltung" - allein das ist hierzulande ein Schimpfwort - zur Versüßung des bitteren Feierabends oder Lückenbüßer im öden Einerlei des TV-Programms. Was zur Folge hat, daß dem nationalen Kulturerbe Film bei uns nur wenig Aufmerksamkeit gilt und zuteil wird: 90 Prozent des deutschen Filmschaffens sind nicht auf DVD verfügbar und wenn, dann zu großen Teilen in einer Qualität, bei der es der Sau graust. Die aufwendige Restauration klassischer Filmwerke, wie sie z. B. in den USA gang und gäbe ist - eben weil man den Film dort als relevantes Kulturgut begreift - findet in unseren Breitengraden schlicht nicht statt. Und bei der dümmlichen Gleichung Leser = Bildungsbürger (oder was sich dafür hält)/Filmfan = halbalphabetischer Depp wird mir schlecht: Nicht das Publikum einer Literaturverfilmung stellt "Ansprüche der besonderen Art", sondern das Medium, das nun mal ein visuelles ist und kein schriftliches. Das eine ist nicht besser oder schlechter als das andere, sondern schlicht und einfach anders. Oder wer käme auf die Idde zu behaupten, die Skulptur sei eine inferiore Form der bildenden Kunst, die allein in der Malerei ihren vollendeten Ausdruck finde? Eben.

  3. Ich habe gehört, dass es anspruchsvolle und leichte, unterhaltende und langweilige Bücher und Filme geben soll. Und ich bin mir sicher, dass deren Qualität oder Klasse nicht unbedingt mit dem Medium und auch nicht mit den Rezipienten zusammenhängt, sondern vielmehr mit den Fähigkeiten von Autoren bzw. Regisseuren. Man muss nur mal seine Vorurteile beiseite schieben und danach suchen, dann wird man gewiss auch fündig.

  4. Ich freue mich auf die neue Buddenbrooks Verfilmung und lasse mir durch diesen Artikel die Vorfreude in keinster Weise trüben.

  5. Zunächst eine notwendige Warnung: Hier spricht ein bekennender Thomas-Mann-Verächter, der die Buddenbrocks zwar freiwillig gelesen, danach aber "ausgespuckt und vergessen" hat (frei nach Tucholsky).

    Und vielleicht hilft Tucholsky ja auch bei der Rezeption einer Thomas-Mnn-Verfilmung: Nicht umsonst verspottete er Mann als "ersten Buchhaltungskonzipisten" der deutschen Listeratur-AG. Der Filmregisseur, der aus einer derartig platten Vorlage einen Film machen muss, hat, im Grunde genommen eben gerade zwei Optionen: Entweder erzählt er stur Seite für Seite nach (das hatten wir schon) - oder er nutzt alle Möglichkeiten, die ihm die Filmtechnik bietet, um einen Augenschmaus daraus zu machen, da ein Schmaus für den Geist nunmal nicht daraus werden kann...

  6. Ich kann mich nur dem Verfasser des zweiten Kommentars anschliessen: Film ist in erster Linie ein visuelles Medium, von daher ist die Forderung nach einer möglichst wortgetreuen Umsetzung eines Romanes vollkommen verfehlt. Der Filmemacher muss - statt zwanghaft seitenlange Dialoge in ein anderes Medium zu vergewaltigen - Atmosphäre und Inhalt der Buchvorlage in Bilder umzusetzen, diese müssen sprechen, nicht NUR die Protagonisten.
    Generell stört mich beim deutschen Film, dass die visuellen Möglichkeiten des Mediums so gut wie nie ausgenutzt werden. Oft anspruchsvoll und zum Nachdenken anregend sind sie, die deutschen Produktion, aber genauso oft spröde und gähnend langweilig, ja Tv-Movie-esk umgesetzt.

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