Nahost-Konflikt "Das Schlimmste steht noch bevor"
Israels Verteidigungsminister Ehud Barak hat Hamas einen "Krieg bis zum bitteren Ende angekündigt". Vorbereitungen für den Einmarsch von Bodentruppen im Gaza-Streifen laufen

© Uriel Sinai/Getty Images
Israelische Panzer an der Grenze zum Gaza-Streifen: Seit drei Tagen dauern die Luftangriffe an, eine Bodenoffensive wird offenbar vorbereitet
Vize-Generalstabschef Dan Harel sagte nach den tagelangen Luftangriffen am Montag: "Das Schlimmste ist noch nicht ausgestanden, es steht uns noch bevor." Barak sagte im Parlament, die bisherige Operation werde ausgedehnt, wenn dies notwendig sei.
Israel hatte "gegossenes Blei" genannten Angriff den dritten Tag in Folge mit unverminderter Härte fortgesetzt. Der Gaza-Streifen wurde auf einem zwei bis vier Kilometer breiten Korridor gesperrt. Das Gebiet ist nach Angaben der israelischen Armee damit weder Zivilisten noch Journalisten zugänglich. Diese Maßnahme solle israelische Zivilisten vor palästinensischen Raketen schützen. Beobachter werteten diesen Schritt als Vorbereitung einer bereits angedrohten Bodenoffensive.
Die Luftwaffe flog seit den frühen Morgenstunden am Montag Dutzende von Angriffen auf Ziele der Hamas. Dabei nahmen Kampfflugzeuge auch das Innenministerium der in dem Küstenstreifen herrschenden radikal-islamischen Hamas sowie Waffenfabriken und Schmugglertunnel unter Beschuss. Dabei wurde auch ein Laborgebäude der Islamischen Hochschule bombardiert. Augenzeugen berichteten von mehreren Explosionen nach Einbruch der Dunkelheit. Eine israelische Armeesprecherin bestätigte die Angaben: Die Einrichtung sei von Hamas zur Entwicklung von Waffen und Sprengstoffen benutzt worden.
Andere Ziele seien ein Gästehaus der Hamas-Regierung sowie ein Gebäude in der Nähe des Hauses von Hamas-Ministerpräsident Ismail Hanija in einem Flüchtlingslager bei Gaza-Stadt gewesen, berichteten israelische Medien. Hanija war nicht zu Hause. Wie andere Hamas-Führer hält er sich versteckt. Israel beschoss den Küstenstreifen zudem vom Meer aus. Marineschiffe hätten Hamas-Ziele im Hafen von Gaza ins Visier genommen, sagte ein Hamas-Vertreter.
Seit Beginn der Angriffe am Samstagmorgen wurden nach palästinensischen Angaben mehr als 300 Palästinenser getötet und über 1400 verletzt. Eine UN-Behörde sprach – in einer "eher konservativen Schätzung" – von mindestens 51 getöteten Zivilisten. Die Zahlen basierten auf Besuchen in Krankenhäusern und Versorgungszentren.
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Auch militante Palästinenser setzten ihre Raketenangriffe auf Israel fort. In der Küstenstadt Aschkelon wurde mindestens ein Mensch getötet, als eine Grad-Rakete auf einer Baustelle ein Gebäude traf. Elf weitere Menschen erlitten Verletzungen. Seit den frühen Morgenstunden wurden insgesamt 60 Raketen in das israelische Grenzgebiet gefeuert. Im Westjordanland wurden zudem drei Israelis bei einer Messerattacke eines Palästinensers verletzt. Der Angreifer wurde von einem bewaffneten Passanten angeschossen und von israelischen Sicherheitskräften festgenommen.
Vize-Generalstabschef Harel sagte: "Wir befinden uns erst am Anfang des Kampfes, dies kann man nicht mit einem Schlag lösen" Der gegenwärtige Einsatz im Gaza-Streifen sei "anders als vorherige Operationen". Israel habe sich ein "hohes Ziel gesetzt" und wolle es auch erreichen. Zu den Raketenangriffen militanter Palästinenser auf israelische Grenzorte sagte er, das Hinterland sei "bei jeder Konfrontation automatisch eine zweite Front".
Die humanitäre Lage im Gaza-Streifen wird immer schlechter. Nach Angaben des Roten Kreuzes sind die Krankenhäuser völlig überfordert. Die Kliniken seien überlaufen und der hohen Opferzahl nicht gewachsen. Sie benötigten eiligst medizinische Ausrüstung. Es sei dringend erforderlich, Notfall-Equipment in den Gaza-Streifen zu lassen. Israel wollte auf Anweisung des israelischen Verteidigungsministers Ehud Barak rund 100 Lastwagen mit Lebensmitteln, Medikamenten und humanitären Hilfsgütern in den Gaza-Streifen lassen. Außerdem sollten Treibstoff und Gas zum Kochen und Heizen über eine Pipeline in das Gebiet transportiert werden, berichteten israelische Medien.
Unterdessen versuchen Dutzende Palästinenser, durch den Grenzzaun nach Ägypten zu flüchten. Dabei kam es zu Zusammenstößen, ein ägyptischer Grenzsoldat und ein Palästinenser wurden getötet. Kämpfer der Hamas hätten zudem einem Ägypter ins Bein geschossen. Die Sicherheitskräfte am Grenzübergang Rafah hätten mehrfach in die Luft geschossen, um durch den Grenzzaun nach Ägypten geschlüpfte Palästinenser zur Umkehr zu zwingen. Augenzeugen zufolge gelang es dennoch vielen, in das Nachbarland zu fliehen. Krankenhäuser in Gaza berichteten, zehn Personen hätten bei den Auseinandersetzungen in Rafah Schussverletzungen erlitten.
Die internationale Staatengemeinschaft schaut weiterhin besorgt auf die jüngste Eskalation im Nahen Osten. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon hat erneut zu einem sofortigen Ende der Gewalt und der Militäroperationen aufgerufen und das Nahost-Quartett eingeschaltet. Er habe seinen Aufruf zu einem sofortigen Ende der Gewalt zudem in Gesprächen mit Israels Ministerpräsident Ehud Olmert, Palästinenser-Präsident Machmud Abbas, dem ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak, dessen syrischem Kollegen Baschar al-Assad und anderen regionalen Spitzenpolitikern erneuert.
Auch die Stimmung in der arabischen Welt und in Iran ist äußerst gespannt. Tausende protestierten gestern in Kairo, Beirut, Damaskus und Amman gegen die Militäroffensive der Israelis. Vor Tausenden seiner Anhänger hat der Chef der pro-iranischen Hisbollah-Miliz im Libanon, Hassan Nasrallah, die Palästinenser zum Durchhalten aufgerufen. Dabei verglich er die israelischen Attacken mit dem Libanonkrieg im Sommer 2006, als Israel gegen die Hisbollah vorgegangen war. "Mit Standhaftigkeit werden sie aber den erwarteten Sieg erringen." Zugleich warnte der Hisbollah-Chef die ägyptische Regierung, sich gegen Hamas zu stellen. "Die Ägypter sollten Hamas nicht drängen, eine unterwürfige Friedensvereinbarung zu akzeptieren." Sonst würden sie sich an den Verbrechen beteiligen, die an den Palästinensern in Gaza begangen werden.
Die israelische Armee bereitet derweil alles für eine Bodenoffensive vor, sollte der Raketenbeschuss weiter fortgesetzt werden. Erstmals seit dem Libanonkrieg bewilligte das Kabinett in Jerusalem dafür die Mobilisierung von 6500 Reservisten, die die Truppen verstärken sollen. Außerdem rollten am Sonntag zahlreiche gepanzerte Fahrzeuge in Richtung Gaza-Streifen.
Israel hatte am Samstag die Militäroffensive begonnen, um gegen den fortwährenden Raketenbeschuss durch militante Palästinenser vorzugehen. Olmert stimmte die Bevölkerung daraufhin auf eine längere Auseinandersetzung ein.
- Datum 29.12.2008 - 19:46 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE, dpa, Reuters
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