ZEIT ONLINE: Herr Nagarkar, Sie sind jetzt seit März in Berlin. Haben Sie sich eingelebt?

Kiran Nagarkar: Als ich hier ankam, war es grau und nicht sehr sonnig. Aber dann die Stadt im Sommer, wunderschön! Alle sind draußen. Wunderschön. Ich komme aus Bombay. Diese Luft hier in Berlin! Herrlich!

ZEIT ONLINE: Sie werden das kaum einen Deutschen sagen hören.

Nagarkar: Na ja, natürlich nicht so wie in den Bergen. Aber wenn Sie aus Indien kommen, wissen Sie, was ich meine. Dann ist die Luft hier wunderbar. Genauso wie die Bäume!

ZEIT ONLINE: Die Bäume?

Nagarkar: Ich habe eine sehr merkwürdige Beziehung zu ihnen. Manchmal denke ich, es ist eine fast sexuelle. Nein, nein, keine Angst, ich bin nur verrückt nach großen Bäumen. Ich mag keine kleinen, sie sehen zwar süß aus, aber den großen kann ich nicht widerstehen. Niemals.

ZEIT ONLINE: Erinnern die Bäume Sie an das Indien Ihrer Kindheit?

Nagarkar: Indien hatte so viele Bäume, 90 Prozent war Wald, jetzt nur noch sieben. Nach Berlin zu kommen, war auf eine Weise, wie nach Hause zu kommen. Ein grünes Zuhause. Ein Grün, das ich in Indien sehr vermisse. Und diese Stille. Sie werden erst wissen, was Stille ist, wenn Sie mal in Indien waren. Okay?

ZEIT ONLINE: Reden wir über ihr Land. Sie sagten einmal, Bombay sei nicht mehr die Stadt, die Sie einst kannten.

Nagarkar: Es ist eine andere Stadt. Für gewöhnlich hat jede Stadt am Meer die Chance, schön zu sein. Und Bombay war einmal schön. Überraschenderweise, weil es von den Briten kolonisiert wurde. Natürlich haben sie das Land fürchterlich ausgebeutet, absolut fürchterlich. Zugleich muss ich sagen, dass die meisten Dinge, die noch schön sind in Bombay, Geschenke der Briten waren.

ZEIT ONLINE: Was für Dinge?

Nagarkar: Die weiten Straßen, die riesigen Bäume. Jeder wird Ihnen erzählen, dass die Eisenbahn von ihnen gebaut wurde, weil sie Güter und Soldaten durchs Land schaffen wollten. Und das stimmt! Doch sind die Bäume weg, die Straßen sind unfassbar schlecht. Die Briten haben Straßen für die vierziger Jahre gebaut. Jetzt ist es 2008! Wir haben 100 000 Menschen mehr, jedes Jahr! Die Wasserversorgung ist fürchterlich.

ZEIT ONLINE: Aus anderen indischen Städten hört man ähnliche Dinge. Was tut die Politik?

Nagarkar: Die ist gierig. Die Korruption, zumindest in Bombay, ist unglaublich. Politiker stecken von 100 Cent 10 in die Stadt, den Rest in die eigene Tasche. Sie erlauben Hochhäuser mit 60 Stockwerken in dieser sehr, sehr kleinen Stadt. Immer mehr Autos, immer mehr Menschen. Inzwischen leben 18 Millionen Menschen in Bombay. Bald sind es mehr als in Mexico City. Es sieht nicht alles sehr heiter aus. Die Stadt denkt nicht an ihr eigenes Überleben.

ZEIT ONLINE: In Deutschland hörten wir oft vom atemberaubenden Wachstum, von Incredible India, von der größten Demokratie der Welt.

Nagarkar: Alle Demokratien funktionieren ja bloß zwischen schlecht und ganz okay. In Indien funktioniert sie nicht sehr gut, aber sie funktioniert immerhin. Abgesehen von den großen Problemen. Das Kastensystem und der religiöse Fundamentalismus der vergangenen zwei Jahrzehnte. Aber die Demokratie ist eines der größten Geschenke von Mahatma Gandhi und Jaharwalal Nehru. Und zu Incredible India, zum Wachstum ...

ZEIT ONLINE: ... der Boom kam ja auch erst vor gut zehn Jahren.

Nagarkar: Das stimmt. Der Westen hatte Indien aufgegeben, fast 50 Jahre lang, seit wir unabhängig wurden. Es gab dort nichts, was nützlich erschien. Es war eine sozialistische Demokratie. Das Land war dem Rest der Welt egal. Gucken Sie sich an, wie über Indien gesprochen wurde, sagen wir bis 1997.

ZEIT ONLINE: Was sagte man denn?