Die Krise als Chance Das Zebra mit den 42 Ohren

Die Welt stöhnt unter der Wirtschaftskrise. Doch in der Not liegen große Möglichkeiten. Zum Beispiel für einen ernst gemeinten Klimaschutz. Wie gelingt der Ausweg aus der Krise?

Das Eis bricht - weil es immer bricht. Oder wird es wärmer?

Das Eis bricht - weil es immer bricht. Oder wird es wärmer?

In der Arena der Aufmerksamkeit werden unsere globalen Probleme sehr unterschiedlich wahrgenommen. Einige werden als unmittelbar bedrohlich empfunden, wie beispielsweise der Rinderwahnsinn BSE und die Vogelgrippe, die Kriege im Irak und in Afghanistan, der internationale Terrorismus oder die Arbeitslosigkeit. ­Man erwartet von den Institutionen der Gesellschaft, vor allem dem Staat, der Ökonomie und der Wissenschaft, dass sie diese Probleme zum Wohle des Bürgers wirksam „lösen“.

Daneben gibt es aber auch jene Probleme, die keine vergleichbare Beachtung finden: der Hunger, der Analphabetismus, viele Krankheiten, die Ungleichheit, Unterdrückung und Armut in der Welt und in der eigenen Gesellschaft. Die Betroffenen müssen diese Nöte, so scheint es, selbst lösen.

Anzeige
Lesen Sie hier alle Artikel der Serie "Green New Deal"

Lesen Sie hier alle Artikel der Serie "Green New Deal"

Seit dem Verschwinden des jahrzehntelang dominierenden Themas des Kalten Krieges war der Klimawandel in den Vordergrund gerückt. Doch jetzt tritt ein neuer Wettbewerber um die öffentliche Aufmerksamkeit auf den Plan: die Finanzkrise. Bedrohliche Erinnerungen an die Weltwirtschaftskrise werden wach. Banken brechen zusammen, Industrien kollabieren, Vertrauen geht verloren, neue politische Rattenfänger tauchen auf.

Die Sorge um die Wirtschaft rückt an erste Stelle und verdrängt die Klimafrage.

Doch wirkt sich dies unbedingt negativ für den gesellschaftlichen Umgang mit dem Klimaproblem aus? Einerseits ja. Denn es werden weniger Ressourcen zum Klimaschutz eingesetzt. Andererseits kann man aber auch mit Nein antworten, denn Konjunkturprogramme mögen Vorsorgemaßnahmen fördern und technologische Erneuerungen werden in Gang gesetzt, die mit geringeren Klimawirkungen einhergehen. Dadurch wird es vielleicht möglich, realistischer mit dem Klimaproblem umzugehen.

Das Klimaproblem hat ein Darstellungsproblem: Es eignet sich nur begrenzt für Bilder. Kalbende Eisberge sind kein Hinweis auf den menschlichen Einfluss auf das Klima. Wenn doch, dann wäre es ein beschleunigtes Kalben, aber das „beschleunigte“ kann man im Fernsehen kaum zeigen.

Zuallererst ist der von Menschen gemachte Klimawandel eine Erwärmung, die - gemittelt über ein Jahrzehnt -­ stetig und fast überall auf der Welt beobachtbar ist. Hand in Hand damit wird das Meereis in der Ostsee oder in der Arktis weniger; Wärme liebende Arten erscheinen in ehemals zu kalten Gebieten. Birken im Ostseeraum schlagen früher aus. Der Meeresspiegel steigt.

Diese Veränderungen kann man nicht bildlich reproduzieren und vermitteln. Man kann sie kommunizieren und in Diagrammen abbilden. Aber diese Veränderungen sprechen uns nicht emotional an, wie etwa die Eisbärin und ihr Junges, die man im nächsten Moment im arktischen Ozean glaubt versinken und ertrinken zu sehen. Doch mit solchen medialen Defiziten ist es schwer, über längere Zeit in der Arena der Aufmerksamkeit zu bleiben.

Ein Zebra ist ein schönes Tier. Aber eignet es sich für eine Titelzeile? Kaum, es sei denn, es hätte 42 Ohren. Genau das ist geschehen. Man hat die Zeichen des Klimaproblems aufgemotzt. Die „Jahrhundertfluten“ am Rhein 1993 und 1995, die Oderflut 1997, die Überschwemmungen an der Elbe 2002, die Hitzewelle 2003, der Untergang von New Orleans – all dies waren medial attraktive Ohren der Klimakatastrophe.

Aber irgendwie ging das nicht weiter.­ Der Erwärmungstrend ist derzeit abgeschwächt, und zwar weil das Jahr 1998 ungewöhnlich war. Es gab weder von Oder, Elbe und Rhein noch von Hurrikanen einschlägige Nachrichten.

Alles keine Beweise, dass es mit dem wissenschaftlich verstandenen Klimawandel nicht ernst wäre. Nur haben wohlmeinende Aktivisten, medial wirksame Experten, um Aufmerksamkeit heischende Medien und populistische Politiker dem armen Zebra 40 falsche Ohren angeklebt. Manche von ihnen fallen einfach nach einiger Zeit ab – oder man lässt sie abfallen.

Die 42 Ohren dienten daher meist weniger der Rettung des Klimas oder einem effektiven Umgang mit den Folgen der Erwärmung, sondern anderen Zielen: umweltgerechtem Reisen, dem Erhalt einer lebensgerechten Nahumwelt, dem Durchsetzen eines Geschwindigkeitslimits oder einfach dem Rausch des Guten.

Für viele ging es oft gar nicht um das Klima, sondern um die Möglichkeit, mit dem Instrument der Klimakatastrophe andere gesellschaftliche Ziele zu verfolgen. Diese bisherige Praxis kann nicht nachhaltig betrieben werden, wie wir jetzt angesichts der sich entwickelnden wirtschaftlichen Krise sehen. Sie wird auch ohne angepappte Ohren als unmittelbar bedrohlicher Zustand wahrgenommen.

Die Diskussion über die verschiedenen Instrumente, mit denen man mit dem Klimaproblem angemessen umgehen könnte, muss deshalb breiter angelegt werden; sie muss an wirtschaftliche Veränderungen gekoppelt werden. Sie muss neben den Effizienzsteigerungen bei der Energienutzung und der Verminderung der Emission von Treibhausgasen auch die Anpassung der Infrastruktur und die Verminderung der Verletzlichkeit gegenüber Klimagefahren umfassen.

Die Wissenschaft ist für die Aufgabe gut gerüstet. In der Öffentlichkeit und der Politik gilt es aber, erst noch zu verstehen, dass die Formel „Klimapolitik = Energiepolitik“ wenig hilfreich ist. Sie wird dem Ernst der Lage nicht gerecht. Gleiches gilt für einen Bericht des Umweltbundesamtes, der zwar von „Anpassung ist notwendig“ spricht, aber auch die Legende von den „Hitzetoten“ aufrecht hält.

Hans von Storch ist Direktor des Instituts für Küstenforschung am GKSS Forschungszentrum in Geesthacht und Professor für Meteorologie an der Universität Hamburg. Er ist mehrfacher Buchautor. Der amerikanische Kongress lud ihn im Sommer 2006 zu Anhörungen in Sachen Klimawandel ein.

Nico Stehr ist Karl-Mannheim-Professor für Kulturwissenschaften an der Zeppelin University in Friedrichshafen am Bodensee. Sein besonderes Interesse gilt dem Umgang der Gesellschaft mit technologischen und naturwissenschaftlichen Fragen. Er prägte in den 80er Jahren den Begriff  "Wissensgesellschaft".
 

 
Leser-Kommentare
  1. "Zuallererst ist der von Menschen gemachte Klimawandel eine Erwärmung, die - gemittelt über ein Jahrzehnt -­ stetig und fast überall auf der Welt beobachtbar ist. Hand in Hand damit wird das Meereis in der Ostsee oder in der Arktis weniger;"

    Zur Temeperaturentwicklung:

    Ganz frisch zur Arktis

    Bitte bilden Sie sich eine eigene Meinung.

  2. warum bin ich eigentlich kein gut bezahlter Berater. Ich glaube nicht, dass Regierungen derartige Banalitäten als Beratungsinhalt benötigt.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ...als Sie denken!

    Sie schrieben: Ich glaube nicht, dass Regierungen derartige Banalitäten als Beratungsinhalt benötigt. Ganz richtig. Unsere Regierungen brauchen so einen kräftigen Tritt in den Hintern.

    Beispiel gefällig - ich erlaube mir einmal ausnahmsweise, mich selbst zu zitieren:

    "Es wird tagesaktuell von Anreizen zum Autokaufen gesprochen . Aber es wird unterschlagen, dass der größte CO2-Verbrauch die Herstellung ist. Eine durchaus machbare Lebensdauerverdopplung wäre im Interesse der Käufer und der CO2-Verbrauch würde rapide sinken. Doch eine Diskussion über 4- oder 5-Liter-Autos ist da wirklich Pille-Palle. Ob das inzwischen bis zur Auto-Industrie, zur IG-Metall, zu Herrn Koch oder Frau Merkel durchgedrungen ist? Merken Sie, wie wir verarscht werden?"

    Ich habe nichts weiter anzufügen.

    Gruß
    Bernhard

    ----------
    Eine Revolution ist nur möglich, wenn sie unausweichlich wird.

    ...als Sie denken!

    Sie schrieben: Ich glaube nicht, dass Regierungen derartige Banalitäten als Beratungsinhalt benötigt. Ganz richtig. Unsere Regierungen brauchen so einen kräftigen Tritt in den Hintern.

    Beispiel gefällig - ich erlaube mir einmal ausnahmsweise, mich selbst zu zitieren:

    "Es wird tagesaktuell von Anreizen zum Autokaufen gesprochen . Aber es wird unterschlagen, dass der größte CO2-Verbrauch die Herstellung ist. Eine durchaus machbare Lebensdauerverdopplung wäre im Interesse der Käufer und der CO2-Verbrauch würde rapide sinken. Doch eine Diskussion über 4- oder 5-Liter-Autos ist da wirklich Pille-Palle. Ob das inzwischen bis zur Auto-Industrie, zur IG-Metall, zu Herrn Koch oder Frau Merkel durchgedrungen ist? Merken Sie, wie wir verarscht werden?"

    Ich habe nichts weiter anzufügen.

    Gruß
    Bernhard

    ----------
    Eine Revolution ist nur möglich, wenn sie unausweichlich wird.

  3. Der Rausch des Guten hat mit gefallen, ebenso die 42 Ohren.
    -
    Aber die Zweifel an der Formel Energie=Umwelt
    scheinen mir in dieser Form klimaschädlich zu sein.
    -
    Es gibt sicher noch andere Dinge mit Umwelteinfluss,
    aber die Rettung der Umwelt an Dinge zu knüpfen,
    die gar nichts mit Umwelt zu tun haben,
    das wird sicher daneben gehen.
    -
    Beispielsweise die so einleuchtende Energieeffizienz.
    Ich habe gar nichts dagegen, wenn mein Auto nur noch
    halb so viel Sprit frißt. Nur der Glaube, das würde der
    Umwelt nutzen, ist ein Trugschluss.
    -
    Denn mit so einem Auto kann ich mir endlich das
    Häuschen im Grünen leisten in dreifacher Entfernung
    mit dem Ergebnis, dass ich am Schluss 30% mehr verbrauche.
    -
    So geschehen vor 100 Jahren beim Übergang vom
    Gaslicht zur Glühlampe, die zigfach weniger verbrauchte,
    und Stadtbeleuchtung so kostengünstig machte,
    dass der Verbrauch insgesamt enorm gestiegen ist.
    -
    'Experten' sollten das eigentlich wissen.
    -
    Echter Klimaschutz funktioniert in einer Marktwirtschaft nur,
    wenn der (drohende) Schaden in den Preisen enthalten ist.
    -
    Die (vorher) nötige Effizienzsteigerung dagegen
    dient allein der Sozialhilfe, damit die Leute den höheren
    Literpreis bezahlen können, ohne erfrieren zu müssen.
    -

  4. klimaerwärmung ist natürlich und findet z.b. auch auf dem mars statt(seriöse wissenschaft) vs. klimaerwärmung hat nur was mit dem bösen menschen zu tun (al gore+ interessengesteuerte wissenschaft). ich habe wirklich etwas gegen umweltverschmutzung. nur wird diese in großem maße von der industrie betrieben, welche- oh wunder- kaum etwas zur lösung dieses problems beitragen muss. stattdessen wird die problematik CO2 (die ohnehin wissenschaftlich HÖCHST umstritten ist) auf den gern zitierten "kleinen mann" ausgetragen. abgesehen davon bietet dieses thema eine hervorragende vorlage zum sogenannten "global governance" (auf deutsch: weltregierung). denn dieses problem muss GLOBAL bekämpft werden (genau wie der krieg gegen den terror). "unsichtbar wird der wahnsinn, wenn er genügend große ausmaße angenommen hat"- berthold brecht. mehr fällt mir dazu echt nicht ein.

  5. Das Problem scheint mir weniger zu sein, daß die Wirtschaftskrise "neue Rattenfänger" auf den Plan ruft, als daß die alten Rattenfänger in Amt & Würden geblieben sind. Genau dieselben Parteien, die uns die Krise eingebrockt haben, werden nach wie vor mit Zweidrittelmehrheiten belohnt.
    Genau dasselbe System, das aufgrund seines Profitmaximierungszwanges gar nicht anders kann, als alle Ressourcen zu verbrauchen, gilt so sehr als unantastbar, daß zu seinem Erhalt billionenschwere Rettungspakete geschnürt werden, die nichts anderes bedeuten, als zukünftige Generationen zu enteignen (das ist Staatsverschuldung!), und damit der demokratischen Möglichkeit berauben, innerhalb des Systems einen Politikwechsel herbeizuführen.

    Die ZEIT könnte deutlich darauf hinweisen -- wenn ihre Eigentümer und Herausgeber nicht Teil der Großen Liga der Rattenfänger wären.

  6. Eine der Grundanahmen des Kapitalismus ist, das alle Resourcen unendlich sind. Das ist das Grundproblem. Der Kapitalismus muß sich erstmal an die Realität anpasst. Wenn das geschehen ist wird es ganz automatisch zu Lösungen kommen, die nachhaltig sind. Es wäre jetzt möglich. Leider sind immer noch die gleichen Betonköpfe am Ruder die mit aller Gewalt das alte System wiederbeleben wollen. Von daher stellt euch mal darauf ein in ein paar hundert Jahren ausgestorben zu sein.
    Und noch einen schönen Weltuntergang!

  7. Wieviel Zeit bleibt wohl noch, bis der Planet das selbst regelt. Ich bin kein Physiker. Aber ist nicht die Analogie mit dem Dampfdrucktopf erlaubt? Die Erde erzeugt in ihrem Inneren ständig Hitze. Die Menschen und die Sonne erzeugen drumherum Hitze. Durch diverse Mechanismen wird weniger Hitze in den Weltraum abgestrahlt. Ergo kann die im Erdinneren produzierte Hitze nicht einfach in die Umwelt abgegeben werden. Es staut sich also die Hitze. Und dafür hat die Erde Ventile. Die Vulkane. Wenn es also zum großen Stau kommt, pfeift der Topf irgendwann gewaltig. Wenn die zugeführte Energie nicht gedrosselt wird, pfeift es fortlaufend oder es knallt gewaltig. Das gab es in der Geschichte des Planeten schon. Überdruck = Vulkanausbruch. . Und der Mensch wird abgewickelt. Habe ich da einen Denkfehler?

  8. ...als Sie denken!

    Sie schrieben: Ich glaube nicht, dass Regierungen derartige Banalitäten als Beratungsinhalt benötigt. Ganz richtig. Unsere Regierungen brauchen so einen kräftigen Tritt in den Hintern.

    Beispiel gefällig - ich erlaube mir einmal ausnahmsweise, mich selbst zu zitieren:

    "Es wird tagesaktuell von Anreizen zum Autokaufen gesprochen . Aber es wird unterschlagen, dass der größte CO2-Verbrauch die Herstellung ist. Eine durchaus machbare Lebensdauerverdopplung wäre im Interesse der Käufer und der CO2-Verbrauch würde rapide sinken. Doch eine Diskussion über 4- oder 5-Liter-Autos ist da wirklich Pille-Palle. Ob das inzwischen bis zur Auto-Industrie, zur IG-Metall, zu Herrn Koch oder Frau Merkel durchgedrungen ist? Merken Sie, wie wir verarscht werden?"

    Ich habe nichts weiter anzufügen.

    Gruß
    Bernhard

    ----------
    Eine Revolution ist nur möglich, wenn sie unausweichlich wird.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service