In der Arena der Aufmerksamkeit werden unsere globalen Probleme sehr unterschiedlich wahrgenommen. Einige werden als unmittelbar bedrohlich empfunden, wie beispielsweise der Rinderwahnsinn BSE und die Vogelgrippe, die Kriege im Irak und in Afghanistan, der internationale Terrorismus oder die Arbeitslosigkeit. ­Man erwartet von den Institutionen der Gesellschaft, vor allem dem Staat, der Ökonomie und der Wissenschaft, dass sie diese Probleme zum Wohle des Bürgers wirksam „lösen“.

Daneben gibt es aber auch jene Probleme, die keine vergleichbare Beachtung finden: der Hunger, der Analphabetismus, viele Krankheiten, die Ungleichheit, Unterdrückung und Armut in der Welt und in der eigenen Gesellschaft. Die Betroffenen müssen diese Nöte, so scheint es, selbst lösen.

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Seit dem Verschwinden des jahrzehntelang dominierenden Themas des Kalten Krieges war der Klimawandel in den Vordergrund gerückt. Doch jetzt tritt ein neuer Wettbewerber um die öffentliche Aufmerksamkeit auf den Plan: die Finanzkrise. Bedrohliche Erinnerungen an die Weltwirtschaftskrise werden wach. Banken brechen zusammen, Industrien kollabieren, Vertrauen geht verloren, neue politische Rattenfänger tauchen auf.

Die Sorge um die Wirtschaft rückt an erste Stelle und verdrängt die Klimafrage.

Doch wirkt sich dies unbedingt negativ für den gesellschaftlichen Umgang mit dem Klimaproblem aus? Einerseits ja. Denn es werden weniger Ressourcen zum Klimaschutz eingesetzt. Andererseits kann man aber auch mit Nein antworten, denn Konjunkturprogramme mögen Vorsorgemaßnahmen fördern und technologische Erneuerungen werden in Gang gesetzt, die mit geringeren Klimawirkungen einhergehen. Dadurch wird es vielleicht möglich, realistischer mit dem Klimaproblem umzugehen.

Das Klimaproblem hat ein Darstellungsproblem: Es eignet sich nur begrenzt für Bilder. Kalbende Eisberge sind kein Hinweis auf den menschlichen Einfluss auf das Klima. Wenn doch, dann wäre es ein beschleunigtes Kalben, aber das „beschleunigte“ kann man im Fernsehen kaum zeigen.

 

Zuallererst ist der von Menschen gemachte Klimawandel eine Erwärmung, die - gemittelt über ein Jahrzehnt -­ stetig und fast überall auf der Welt beobachtbar ist. Hand in Hand damit wird das Meereis in der Ostsee oder in der Arktis weniger; Wärme liebende Arten erscheinen in ehemals zu kalten Gebieten. Birken im Ostseeraum schlagen früher aus. Der Meeresspiegel steigt.

Diese Veränderungen kann man nicht bildlich reproduzieren und vermitteln. Man kann sie kommunizieren und in Diagrammen abbilden. Aber diese Veränderungen sprechen uns nicht emotional an, wie etwa die Eisbärin und ihr Junges, die man im nächsten Moment im arktischen Ozean glaubt versinken und ertrinken zu sehen. Doch mit solchen medialen Defiziten ist es schwer, über längere Zeit in der Arena der Aufmerksamkeit zu bleiben.

Ein Zebra ist ein schönes Tier. Aber eignet es sich für eine Titelzeile? Kaum, es sei denn, es hätte 42 Ohren. Genau das ist geschehen. Man hat die Zeichen des Klimaproblems aufgemotzt. Die „Jahrhundertfluten“ am Rhein 1993 und 1995, die Oderflut 1997, die Überschwemmungen an der Elbe 2002, die Hitzewelle 2003, der Untergang von New Orleans – all dies waren medial attraktive Ohren der Klimakatastrophe.

Aber irgendwie ging das nicht weiter.­ Der Erwärmungstrend ist derzeit abgeschwächt, und zwar weil das Jahr 1998 ungewöhnlich war. Es gab weder von Oder, Elbe und Rhein noch von Hurrikanen einschlägige Nachrichten.

Alles keine Beweise, dass es mit dem wissenschaftlich verstandenen Klimawandel nicht ernst wäre. Nur haben wohlmeinende Aktivisten, medial wirksame Experten, um Aufmerksamkeit heischende Medien und populistische Politiker dem armen Zebra 40 falsche Ohren angeklebt. Manche von ihnen fallen einfach nach einiger Zeit ab – oder man lässt sie abfallen.

Die 42 Ohren dienten daher meist weniger der Rettung des Klimas oder einem effektiven Umgang mit den Folgen der Erwärmung, sondern anderen Zielen: umweltgerechtem Reisen, dem Erhalt einer lebensgerechten Nahumwelt, dem Durchsetzen eines Geschwindigkeitslimits oder einfach dem Rausch des Guten.

 

Für viele ging es oft gar nicht um das Klima, sondern um die Möglichkeit, mit dem Instrument der Klimakatastrophe andere gesellschaftliche Ziele zu verfolgen. Diese bisherige Praxis kann nicht nachhaltig betrieben werden, wie wir jetzt angesichts der sich entwickelnden wirtschaftlichen Krise sehen. Sie wird auch ohne angepappte Ohren als unmittelbar bedrohlicher Zustand wahrgenommen.

Die Diskussion über die verschiedenen Instrumente, mit denen man mit dem Klimaproblem angemessen umgehen könnte, muss deshalb breiter angelegt werden; sie muss an wirtschaftliche Veränderungen gekoppelt werden. Sie muss neben den Effizienzsteigerungen bei der Energienutzung und der Verminderung der Emission von Treibhausgasen auch die Anpassung der Infrastruktur und die Verminderung der Verletzlichkeit gegenüber Klimagefahren umfassen.

Die Wissenschaft ist für die Aufgabe gut gerüstet. In der Öffentlichkeit und der Politik gilt es aber, erst noch zu verstehen, dass die Formel „Klimapolitik = Energiepolitik“ wenig hilfreich ist. Sie wird dem Ernst der Lage nicht gerecht. Gleiches gilt für einen Bericht des Umweltbundesamtes, der zwar von „Anpassung ist notwendig“ spricht, aber auch die Legende von den „Hitzetoten“ aufrecht hält.

Hans von Storch ist Direktor des Instituts für Küstenforschung am GKSS Forschungszentrum in Geesthacht und Professor für Meteorologie an der Universität Hamburg. Er ist mehrfacher Buchautor. Der amerikanische Kongress lud ihn im Sommer 2006 zu Anhörungen in Sachen Klimawandel ein.

Nico Stehr ist Karl-Mannheim-Professor für Kulturwissenschaften an der Zeppelin University in Friedrichshafen am Bodensee. Sein besonderes Interesse gilt dem Umgang der Gesellschaft mit technologischen und naturwissenschaftlichen Fragen. Er prägte in den 80er Jahren den Begriff  "Wissensgesellschaft".