Belletristik Der Wikipedia-MephistoSeite 2/2

"Bruno nennt mich insgeheim einen Geschichtenerzähler", sagt der Erzähler. Das ist jedoch nur die halbe Wahrheit. Geschichtendieb ist treffender. Das Kapitel über Eduard Robert Flegel, über das Stavaric in seinem Roman ein paar Worte hinwirft, steht haargenau so in der Deutschen Enzyklopädie. Großartig einer der letzten Abschnitte des Romans, der von Erzsébet Báthory, der größten Mörderin der Geschichte, handelt - nachzulesen unter "fünfter Treffer, Google-Suche: bathory".

Stavaric erklärt dem Leser seine Stilspielerei, lässt zum Ende seinen Protagonisten aus dem Vollen schöpfen. Ptolemäus habe seine Erkenntnisse einfach nur abgeschrieben, Newton geklaut, Zadel seine Doktorarbeit erfunden, Mendel Ergebnisse getrimmt. Das erklärt der Zoohändler seinem liebsten Zuhörer: dem Hamster Bruno. Zum Teufel noch mal!

Verfolgt Stavaric ein System, sind seine sprachlichen Mittel absichtlich gewählt? Welchen Grund könnte der Autor haben, seinen namenlosen Zoohändler als phrasendreschenden und lexika-allwissenden Mephisto auftreten zu lassen. Stavaric, Anhänger der neo-historistischen Kunst- und Kulturauffassung, hat das Magma der Vulkane zu seinem Romanelement gemacht. Der Stoff, der mit Wasser verbunden zu einer extremen physikalischen Reaktion führt.

Novellenartig reizt er das Thema aus. Der Stoff, der zäh dahinfließt, der Altes begräbt und Neues entstehen lässt, um auch das wieder zu vernichten. Aus der Geschichte ein Verständnis für die Gegenwart entwickeln – der Zoohändler ist möglicherweise nur der literarische Vermittler für den Autor selbst. Und die zerstückelte, minimale Romanhandlung das Vehikel für historische Fragmente. Stavaric versucht, einen roten Faden zu finden. Bei dem Versuch bleibt es allerdings.

Auf der ersten Seite des Buches entsteht aus der trägen Lava durch Wasserkontakt eine "Insel". Von nun an entsteht Geschichte. Der Roman lässt erst spät Klarheit über Personen und Struktur aufkommen. Der Zoohändler und sein Goldhamster treten als Meister der nonverbalen Kommunikation in Erscheinung – das arme Tier muss ein wenig Licht in das Dunkel der Ansichten des Erzählers bringen. Die undurchsichtige Liebesbeziehung zu seiner lolitahaften Angestellten Zsuzsa lässt den Zoohändler-Mephisto lediglich zum Ende des Romans als alternden Möchtegern-Charmeur ein wenig menschlicher erscheinen.

Das Ziel bleibt vage, er wird müde, obwohl er "die Müdigkeit gar nicht spüren dürfte". Er will noch einmal die Welt antreiben, Zsusza soll ihm dabei helfen. Das Ganze wirkt wie ein Hilferuf eines Alternden, Sterbenden. Schlau wird der Leser nicht daraus.                                                                                                                                                                                                                              
 

 
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