WeihnachtsgeschichteKindergärtnerstimme

Heruntergekommener Wohncontainer, ein zwielichtiger Job, Nazis und Kampfhunde. Wie man auch Weihnachten feiern kann. Eine Kurzgeschichte von Finn-Ole Heinrich

Ich bin nicht gerne beim Wessi. Es riecht komisch bei ihm. Der Geruch erinnert mich an Verwesung, an tote Tiere, an Vogelleichen am Straßenrand im Sommer. Dabei ist Winter. Zehnter Zwölfter. In zwei Wochen ist Heiligabend. Davon merkt man hier draußen wenig. Wenn du im Kaufland bist, dann ja: dann Schokoladenweihnachtsmänner, dann Stollen, dann Glühwein, dann alles Rot und Grün und Klingelingeling. Aber hier draußen? Nur das Rauschen der Autobahn, nur das Kreischen des Trennscheibenschneiders und natürlich das Fernsehprogramm. Das ist das Einzige, was wie zu Hause ist. Im Fernsehen ist natürlich auch Weihnachten.

Ich habe meinen eigenen Wohnwagen. Ich bin seit sechs Jahren auf Montage. Bei den Preisen hast du nen Wagen nach vier Jahren wieder raus. Für die Container zahlst du nämlich auch. Sechs Euro fünfzig am Tag. Du kannst aber auch mit deinem eigenen Wagen kommen, wenn du einen hast. Hast mehr Platz, mehr Ruhe. Nicht das ständige Husten durch die dünne Blechwand, nicht das unruhige Schlurfen, nicht die Gerüche, nicht den Müll.

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Ich stehe in der Küchenecke vom Wessi, wir rauchen. Von der Spüle bis fast zur Decke stapeln sich leere Fünfminutenterrinen. Ich bin nicht gerne hier, aber der Wessi sagt, er habe einen Job für mich. Er grinst mich an: "Ich werde Ihnen ein Angebot machen, dass Sie nicht ausschlagen können."

"Na, dann lass hören, Wessi, und mach hier nicht son Aufriss", sage ich, "da hab ich jetzt echt keinen Bock drauf, ich bin im Arsch, ich will ins Bett!"

Ich mag den Wessi nicht besonders, er ist ein linker Typ. Außerdem, wenn du hier draußen bist, dann willst du gar keine Freunde, da willst du für dich sein. Straßenbau ist Eremitensache. Der Tag muss nicht noch länger werden. Das Leben im Container muss man rumbringen. Das ist alles: aushalten, durchhalten. Es geht darum, die Zeit zwischen Montagmorgen und Freitagnachmittag so eintönig wie möglich zu machen, dann wird sie unspürbar und geht vorbei. Leben tust du am Wochenende oder in den Ferien.

Deshalb fliegen wir dieses Jahr Weihnachten nach Amerika. Mein Weihnachtsgeschenk. Sylvia und ich, zwei Wochen. Dafür steh ich jetzt hier und hör mir das Gelaber vom Wessi an, vielleicht kann ich die Urlaubskasse noch ein bisschen füllen. Aber ich fürchte, er tut wieder geheimnisvoll und will eigentlich nur Gesellschaft. Ich spar alle Kräfte für zu Hause, für Sylvia. Noch neun Tage Arbeit, dann geht’s direkt zum Flughafen und rüber nach New York.

Der Wessi hält mir ein Bier hin. Ich habe eigentlich keine Lust, hier zu stehen und Bier mit ihm zu trinken, aber ein Bier ist ein Bier, und geschenkt ist geschenkt, also nehme ich es. Ich soll mich setzen.

"Wir machen hier jetzt nicht wieder so ne Endlos-Laber-Nummer draus, Wessi, alles klar? Ich hab nämlich echt nicht viel Zeit." Er setzt sich und grinst und schüttelt den Kopf und sagt: "Ruhig, Brauner." Das ist bemerkenswert, er ist wirklich der Einzige, der bisher auf dieses Wortspiel gekommen ist. Er sagt es dauernd, als wenn ich sein Pferd wäre oder besonders nervös. "Hör mal zu, Ändi", sagt der Wessi, als wären wir Kumpels. Ich sage: "An-dre-as." Und er nickt und hebt den Kopf und hat plötzlich die Stimme eines Kindergärtners: "Herr Brauner, ich brauche Ihre Hilfe, und für Sie sind dabei drei Braune drin." Da lacht der Wessi über seinen kleinen Witz. "Für zwei Stunden Arbeit. Heute Nacht."

Leserkommentare
  1. 1. Frage

    Ich war sehr enttäuscht von dem, was ich gelesen habe. Was ist der Sinn des Textes, außer, dass wer solche Hunde züchtet in die Hölle kommt und das Nazis unmenschlich sind?

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    Wohl west die Ratte ohne das Rattige, aber niemals kann Rattiges sein ohne die Ratte. (Günter Grass, Danziger Trilogie, Hundejahre)

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    • wtfargo
    • 26. Dezember 2008 2:23 Uhr

    Für mich ist die Geschichte glänzend geschrieben - liest sich prima, präzis die Sprachebene und den rhythmischen Drive durchgehalten. Und dass durch die entrüstete Ablehnung des Angebots ja überhaupt nichts besser wird, ist Ironie auf der Meta-Ebene.
    Die Sinnfrage zu stellen, ist legitim, fällt aber auf den Frager zurück: er muss doch gar nicht lesen....

  2. Vielleicht kann dich diese weihnachtliche Kurzgeschichte ja wieder aufmuntern, Unbekannter?

    • wtfargo
    • 26. Dezember 2008 2:23 Uhr

    Für mich ist die Geschichte glänzend geschrieben - liest sich prima, präzis die Sprachebene und den rhythmischen Drive durchgehalten. Und dass durch die entrüstete Ablehnung des Angebots ja überhaupt nichts besser wird, ist Ironie auf der Meta-Ebene.
    Die Sinnfrage zu stellen, ist legitim, fällt aber auf den Frager zurück: er muss doch gar nicht lesen....

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Kaufland | USA | Weihnachtsgeschichte | New York
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