Nach Merckles Freitod Blaubeuren trauert
Nach dem Freitod von Adolf Merckle herrscht Fassungslosigkeit am Stammsitz seines Unternehmensgeflechts. Viele arbeiten bei Ratiopharm und sorgen sich jetzt um ihren Job
Hinter der Glasfassade des Ratiopharm-Gebäudes in Blaubeuren-Weiler brennt eine große weiße Kerze. Am zweiten Tag nach dem alle überraschenden Freitod des Firmenlenkers ist sie Zeugnis der Trauer und der Fassungslosigkeit der Mitarbeiter. Die ganze Belegschaft sei "zutiefst erschüttert", sagt der Betriebsratsvorsitzende Odo Maxein.
Fast direkt gegenüber dem Werksgelände achtet eine Streifenwagenbesatzung darauf, dass Neugierige nicht auf die Zuggleise trampeln, Spuren verwischen oder sich selber in Gefahr bringen. Schon seit Dienstagabend sichern Beamte jene Stelle, an der Adolf Merckle am Montag um 17.32 Uhr von einem Zug überrollt wurde.
Der Zugführer hatte von der Tragödie im Schneetreiben, in die er hineingezogen wurde, nichts bemerkt, und war in Richtung des Bahnhofs Blaubeuren weitergefahren. Dass man Merckle dennoch schnell fand, hatte mit einer Vermisstenanzeige der Familie zu tun, die am Montag gegen 21.45 Uhr bei der örtlichen Polizei einging. Es gab den Abschiedsbrief des 74-jährigen Firmenchefs in dessen Privathaus – und eine schreckliche Ahnung.
Merckle suchte den Tod in unmittelbarer Nähe seines Büros, das sich nicht im weithin sichtbaren neueren Werk im Stadtteil Weiler befindet. Es liegt im Gewerbegebiet "Am Bahnhof", etwa einen Kilometer vom Werk Richtung Stadtmitte entfernt. Die Ursprungszelle von Merckles Unternehmungen, ein unscheinbarer Stahlbau aus den fünfziger Jahren, liegt in der Dr.-Georg-Spohn-Straße, direkt neben dem Gleisbett. Nach etwa einem halben Jahrhundert Arbeit, in dem das Rauschen der Züge zur täglichen Hörgewohnheit geworden war, kannte Merckle vermutlich jeden Zug, der nach Blaubeuren hinein- und hinausfuhr.
Die Nachricht seines Todes verbreitet sich schnell in Blaubeuren. Klar, der Tod des Unternehmenslenkers sei "Stadtgespräch", sagt einer in einer Sportbar. Gleich mehrere Mitglieder seiner Familie arbeiten beim örtlichen Arzneihersteller. Es wird gerätselt, warum Merckle, der freundliche Mann, der oft mit dem Klapprad unterwegs war, das getan hat. Wovon niemand sprechen mag, ist die Angst der Blaubeurer um ihre Arbeitsplätze, nun, da der Chef weg ist, von dem alle annehmen, dass er alles zusammengehalten hat.
Die Zukunft des Firmengeflechts ist unklar. Immerhin haben sich die Gläubiger-Banken inzwischen mit der VEM Vermögensverwaltung, dem Kernstück des Merckle-Imperiums, auf Überbrückungskredite geeinigt, die das Firmengeflecht mit 100.000 Mitarbeitern vor der Insolvenz bewahren sollen. Bedingung ist jedoch der Verkauf von Ratiopharm. Ein Sanierungsplan soll folgen.
- Datum 07.01.2009 - 17:02 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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