David Garrett"Musik ist keine Religion"

Der Stargeiger begeistert ein großes, junges Publikum. Dafür wird er oft kritisiert. Ein Gespräch über Konventionen im Konzertsaal und die Grenzen zwischen Pop und Klassik von Burkhard Schäfer

Der 28-jährige David Garrett mag das Virtuose und das Seichte. Gerade ist er auf Tour durch Deutschland

Der 28-jährige David Garrett mag das Virtuose und das Seichte. Gerade ist er auf Tour durch Deutschland  |  © Uli Weber

ZEIT ONLINE: Herr Garrett, bieten sie auf ihrer Encore-Tour nun leichte Muse, um das Publikum von der allgemeinen Krisenstimmung abzulenken?

David Garrett: Nein. Dieses Crossover-Projekt war nur als Ergänzung zur Klassik gedacht. Den Erfolg sollte man mir jetzt nicht zum Vorwurf machen. Ich habe mich immer an Geigern orientiert, die wussten, dass man sich ein junges Publikum in der Klassik hart erarbeiten muss. Itzhak Perlman und Isaac Stern haben modernere Stücke interpretiert. Außerdem vergisst man mittlerweile, dass Jascha Heifetz Stücke mit Bing Crosby eingespielt hat. Vielleicht wurde ihnen das ebenfalls vorgeworfen, aber im Nachhinein waren sie große Künstler.

Anzeige

ZEIT ONLINE: Die Reaktionen der Feuilletons auf den ersten Teil Ihrer Klassik-Tournee mit der Pianistin Milana Chernyavska waren sehr zwiespältig. Hat Sie das überrascht?

Garrett: Ich habe damit gerechnet. Warum hat aber niemand darüber berichtet, dass die Konzerte ausverkauft und viele junge Leute da waren, die sich für die klassische Musik begeisterten? Das hat so bisher keiner ansatzweise geschafft. Außer vielleicht ein Leonard Bernstein. Dann ergibt es doch wirklich einen Sinn, was ich in den letzten Monaten aufgezogen habe.

ZEIT ONLINE: Lässt solche Kritik Sie also kalt?

Garrett: Man kann mich kritisieren, wie man will. Aber immer wird beklagt, dass keiner zu Klassikkonzerten kommt und die Musik ausstirbt. Wenn jemand Talent mitbringt und etwas dagegen tut, wird es aber ignoriert. Manchmal habe ich das Gefühl, einige wollen gar nicht, dass sich was ändert. Offiziell ist die Klientel der Klassikhörer immer sehr sozial, und es heißt: "Wir sind alle Menschen." Aber im Endeffekt wollen sie allein in ihrer Glaskugel bleiben. Niemand darf daran rütteln. Mir ist vor allem die Meinung der Menschen wichtig, die mir musikalisch etwas bedeuten: Ida Haendel, Itzhak Perlman oder Zubin Mehta. Sollten diese mir signalisieren, dass etwas nicht stimmt, würde mein Warnblinksystem sofort angehen.

ZEIT ONLINE: Sie wollen Kenner, Liebhaber und Fans unter einen Hut bringen. Geht das?

Garrett: Ich denke, das ist ein Kompromiss, der auf lange Sicht funktionieren wird. Der konservative Konzertbesucher muss seine Vorbehalte gegenüber der Jugend überwinden. Da besteht teilweise noch eine Abneigung, die ich überhaupt nicht verstehen kann. Die Jugend kann die klassische Musik genauso lieben wie die ältere Generation. Im Gegenzug verspreche ich, anspruchsvolle Stücke zu spielen und mich dementsprechend professionell auf der Bühne zu verhalten.

Leserkommentare
  1. ...geerdet wirkt dieser junge Mann. Dass sich hinter der schönen Optik so ein hart arbeitender, authentischer Mensch verbirgt, hat mich jetzt doch überrascht. Ich war immer der Ansicht, der wäre nur so eine Marketingmarionette. Beeindruckend zu lesen...

  2. Das Klatschen zwischen den Sätzen z.B. einer Sinfonie stört mich persönlich eigentlich nicht - der Grund warum das verpönt ist, ist der, daß einige Leute meinen, das würde das Werk auseinanderreißen. Trotzdem eigenartig, daß darauf niemand eingeht.

    Was ich allerdings für äußerst störend halte, ist das Klatschen während gespielt wird, wie das beim Applaus nach einem Instrumentalsolo beim Jazz der Fall ist. Ich persönlich halte das für eine Unsitte. Gerade beim Jazz entgeht einem so, wie der nächste Solist den Faden aufnimmt und ihn dann weiterspinnt, weil i.d.R. das Klatschen die Musik übertönt. Merkwürdig, daß ausgerechnet ein Berufsmusiker sich dazu offenbar keine Gedanken macht.

  3. ...sondern auch sehr vielfältig. Sicher verleitet es heutzutage sehr, gleich zu denken, es sei nur Promotion / Marketing, wenn ein so gut aussehender Musiker, Violinist daher kommt und auch noch 'Cross over' spielt. Schnell wird das gern in eine Schublade gesteckt.
    Aber wenn man sich nicht nur die neuen sondern auch älteren CDs anhört, sowie sein Konzert Repertoire ansieht, wird man schnell fest stellen, dass David Garrett mehr als nur "der Beckham der Violine" oder "schnellste/schönste Geiger der Welt" ist.

    Grad erst hat er bewiesen, dass er nicht nur zu Michael Jackson oder ACDC rockt, sondern auch gekonnt Sonaten von Beethoven, Grieg usw oder Violinen Konzerte von Mendelssohn & Co zu interpretieren weiß. Und auch dies auf seine ganz eigene Art und Weise, unverkennbar, die jeden Musik Liebhaber sowie Klassik Kenner beindruckt!
    2009 wird uns David Garrett noch viel mit seiner Violinenkunst bereichern und man freut sich immer wieder, ihn live zu hören, sei es 'Cross over' oder gar die weiteren kommenden Klassik Konzerte mit Vivaldi, Paganini uvm.

    Sehr schönes Interview! Vielen Dank! Ich persönlich würde mir wünschen, dass mehr Medien auf das Wesentliche eigehen würden so wie es hier geschehen ist. Promotion muss sein - keine Frage, jedoch sollte man nie die Musik im Vordergrund vergessen!

    "Musik ist ein Ausdruck von Liebe. Musik kann nie Hass sein. Musik ist immer eine positive Emotion. Sie kann traurig sein, aber sie ist immer die Hoffnung. Musik kann Gedanken zum Guten verändern."

    http://www.David-Garrett.... - die offizielle Support Page!

  4. Unglaublich! Es gibt noch unvoreingenommenen Qualitäts-Journalismus hier im Land. Ich war als Teil der älteren Generation bei einem der angesprochenen Klassikkonzerte in der Alten Oper Frankfurt. Bei der anschließenden Lektüre einer Rezension hegte ich die Befürchtung, einer rasant fortschreitenden Altersdemenz entgegenzusehen: Ich habe das Konzert laut Beschreibung der Kritik nicht wiedererkannt. Offensichtlich scheint die Lösung aber woanders zu liegen, und tatsächlich wird mal wieder nach alter Manier ein mutiger junger Künstler niedergeschrieben, der starre Konventionen hinterfragt und bricht. Herzlichen Dank, dass Ihre Journalisten das Handwerk noch verstehen.

  5. Wenn man - wie Zeit Online - nur die richtigen Fragen stellt und sich in diese suchende Persönlichkeit David Garrett einfühlt, dann öffnen sich Welten und ein oft trivialisierter Musiker erscheint im neuen Licht:
    als ein sich seiner Selbst und seiner Verantwortung bewusster, gewissenhafter Künstler, der sein Publikum ernst nimmt. Und es liebt...

    Margrethe H. Møller

    • papamax
    • 20. Januar 2009 13:40 Uhr

    Seltsame Beobachtung: Von einem Tag auf den anderen ist die Presse plötzlich voll mit dem Namen dieses Geigers, inkl. TV.
    Ich vermute (ach, Unsinn: ich weiß), da wurde ein P.R.-Mensch beauftragt, und der (meist ist's eine sie) hat nun kräftig ihren Job gemacht.
    Das macht den Geiger nicht schlechter oder besser. Ich bemerke da eher ein Problem der Journaille, die nur noch berichtet (und zwar alle das gleiche), wenn wieder mal nette Bekannte aus der Reklamebranche anrufen. Man kennt sich ja inzwischen.
    Mal seh'n ob der neue Wundergeiger (macht der seine Musik nicht schon ein paar Jahre lang, unbeachtet von der Presse?) immer noch Aufsehen erregt, wenn diese momentane Kampagne vorbei ist. Und wir warten auf den Neuen, der gepuscht wird.

    Eine Leserempfehlung
    • hagego
    • 10. November 2009 12:24 Uhr

    David Garrett - einer der weltweit besten jungen Geiger!
    Und die Größe eines Genies ist nicht nur an seiner eigenen Virtuosität erkennbar, sondern auch an den Köpfen (in diesem Falle Musikerinnen und Musiker), die er um sich scharrt. Achten Sie mal bei der nächsten Einspielung auf die sehr junge Pianistin Linda Schäffler!

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE, 08.01.2009
  • Schlagworte David Garrett | Johann Sebastian Bach | MTV | Musik | Musikrichtung
  • Traum oder harte Realität? Beyoncé in ihrem Dokumentarfilm "Life Is But A Dream"

    Die fleißigen Königinnen

    Beyoncé, Lana Del Rey und Taylor Swift sind die erfolgreichsten Popstars unserer Zeit. Sie zeigen uns, was es bedeutet, heute eine Frau zu sein. Wollen wir ihnen glauben?

    • PeterLicht zeigt sich nicht. Nur auf der Bühne sehen die Leute sein Gesicht.

      Tod, ach der Langweiler!

      Leben, Wahrheit, Zukunft, Freiheit, Liebe: Alles beginnt zu schillern. PeterLicht renoviert in seinem Buch und Live-Album "Lob der Realität" die Kapitalismuskritik.

      • Man mag's kaum glauben: Prince Rogers Nelson ist 56 Jahre alt.

        Freiheit allen Körpersäften!

        Nach jahrelangem Unabhängigkeitskampf veröffentlicht Prince gleich zwei Alben beim Warner-Konzern. Wer einmal Popkönig war, gibt sich eben ungern mit weniger zufrieden.

        • Die Inszenierungen des Regisseurs Calixto Bieito sind den Gegnern des Regietheaters ein plastisches Feindbild. Hier eine Szene aus der Händel-Oper "Der Triumph von Zeit und Enttäuschung" 2011 in Stuttgart

          Jeder Rollkoffer bringt uns weiter

          Geht das schon wieder los? Ein Musikwissenschaftler geißelt, was er für Regietheater in der Oper hält. Dabei ist jede noch so moderne Inszenierung besser als Stillstand.

          Service