ZEIT ONLINE: Zwischenapplaus von Klassik-Neulingen stellt die Nerven von Klassikkennern und Künstlern auf die Probe ...

Garrett: Es war doch früher ganz normal, zwischen den Sätzen zu klatschen. Beim Jazz ist der Applaus nach einer Kadenz oder einem Instrumental-Solo selbstverständlich. Die heute vorherrschende Haltung, das gesamte Werk am Stück hören zu wollen, ist erst um etwa 1900 aufgekommen. Man darf nicht vergessen, dass Musik auch Unterhaltung ist. Ich finde, es darf keine stille Kunst sein. Musik ist keine Religion. Um sie zu genießen, braucht es keiner Andacht. Musik ist etwas Großartiges, man muss aber immer noch die Freiheit haben, sich zu ihr zu bewegen. Wer verkrampft im Konzertsaal sitzt, der kann seine Emotionen nicht wirklich ausleben. Wenn jemand klatschen will, bin ich der Letzte, der "psst" sagt . Das wäre ja unmenschlich.

ZEIT ONLINE: Sie haben die Konzertabende der Kammermusik-Tour mit der späten G-Dur-Sonate von Beethoven begonnen. Ist das nicht ein sehr problematischer Einstieg, insbesondere für Klassik-Neulinge?

Garrett: Gerade den jüngeren Zuhörern muss ich ein großes Kompliment machen. Ich wollte sie mit etwas Anspruchsvollem zum Zuhören zwingen, und sie haben sich unglaublich gut konzentriert. Ich finde, die G-Dur-Sonate ist eine der schönsten Violinsonaten. Ich wollte eine Mischung aus hochqualifizierter Musik, auf die man sich voll konzentrieren muss, und anspruchsvollen Stücken mit Unterhaltungswert, wie die Grieg-Sonate. Die ältere Generation denkt oft, die Jüngeren hätten keine Ahnung von Kultur. Aber wenn sich niemand die Mühe macht, ihnen das Verständnis dafür näher zu bringen, wird sich nie etwas daran ändern. Die Älteren sollten nicht vergessen, dass auch ihnen jemand geholfen hat, die klassische Musik zu verstehen.

ZEIT ONLINE: Wird sich das Programm in der zweiten Hälfte der Klassik-Tournee verändern?

Garrett: Die Werke von Grieg und Sarasate bleiben im Programm. Anstelle der späten Beethoven-Sonate gibt es die A-Dur-Violinsonate von César Franck und das Poème von Ernest Chausson zu hören. Es liegt nicht an den Kritiken, sondern daran, dass ich mal wieder etwas anderes spielen möchte. Routine ist in der Musik das Allerschlimmste, und das merken dann auch die Zuhörer.

ZEIT ONLINE: Viele der jungen Leute sehen Sie mittlerweile als Idol. Wie gehen Sie mit dieser Verantwortung um?

Garrett: Natürlich hat man als Künstler die Verantwortung, von seinem Erfolg etwas zurückzugeben. Es ist entsetzlich, wenn man sich einfach nur feiern lässt. Man muss versuchen, den Leuten, denen es schlecht geht, vom Erreichten ein Stück abzugeben. Ich bin jetzt erst einmal Unesco-Botschafter, werde mich aber in den nächsten Monaten noch für andere Sachen einsetzen, über die ich noch nicht sprechen möchte.

ZEIT ONLINE: Wie bewältigen Sie Ihr bis obenhin gefülltes Tagespensum?