Garrett: Ich arbeite sehr diszipliniert. Das sollen die jungen Leute ruhig sehen. Wenn du etwas erreichen willst, musst du knallhart dafür arbeiten und kämpfen ohne Ende. Diese Erfolgsgeschichten, aus dem Nichts heraus ganz nach oben zu kommen, führen zu falschen Vorstellungen. Es ist großartig, wenn es einmal passiert. Aber man darf jungen Menschen nicht suggerieren: Wir machen nichts und haben danach Erfolg. Das ist ein Trugschluss.

ZEIT ONLINE: Bringt der große Erfolg nicht ein hohes Maß an Fremdbestimmung mit sich?

Garrett: Diese Gefahr besteht, aber ich lasse es nicht zu. Wenn der Erfolg kommt, wollen plötzlich viele Leute etwas von einem. Man muss wissen, was man will. Und was man nicht will. Das ist noch viel wichtiger. Aufgrund meiner Erfahrungen aus der Kindheit achte ich sehr darauf, die Zügel in der Hand zu halten. Ich muss meine Entscheidungen immer mit meinem Gewissen vereinbaren können. Das ist die Konstante, an der ich festhalte.

ZEIT ONLINE: Manch einer vermutet hinter der Doppelkarriere – einerseits anspruchsvoll, andererseits sehr unterhaltsam – eine ausgefeilte Marketingstrategie ...

Garrett: Ich habe jahrelang die Plattenfirmen abgeklappert und versucht, die Leute für das Crossover-Projekt zu gewinnen. Von ausgeklügeltem Marketing kann hier deshalb überhaupt keine Rede sein. Das Marketing, das ich einmal miterlebt habe, war zu meiner Kinder- und Jugendzeit bei der Deutschen Grammophon. Da wurde mir gesagt: "Wir nehmen das auf, du ziehst das an, und sag gefälligst dieses und jenes im Interview." Bevor ich mir das wieder vorschreiben ließe, würde ich die Geige an den Nagel hängen!

ZEIT ONLINE: Was ist Ihr Erfolgsgeheimnis?

Garrett: Ich versuche, so authentisch wie möglich zu sein. Ich stehe mit dem Herzen hinter dem, was ich tue. Ein Grund, warum jetzt alles so gut funktioniert, ist sicherlich, dass die Leute sehen, welch großen Spaß ich momentan habe. Bei der Deutschen Grammophon hat das damals nicht richtig funktioniert, weil das Publikum mein Unwohlsein instinktiv spürte. Es fühlte, dass ich in ein Marketingkorsett geschnürt war. Das Schlimmste im Leben ist, wenn man sich verstellen muss – was ist das für ein erbärmliches Leben.

ZEIT ONLINE: Sie haben keine Berührungsängste und gehen selbst an Orte, die für Klassikmusiker eher ungewöhnlich sind. So waren Sie Laudator für den MTV Game Award.

Garrett: Ja, ich spielte das Super-Mario-Thema auf der Geige, das war witzig. Ich wurde von einem Beat Boxer begleitet, meine Idee. Es war ein Spaß für die Kids, die MTV anschauen. Da kann man doch keine Berührungsängste haben. Wenn jemand die Sendung sieht und dadurch anfängt, sich für die Geige zu interessieren, ist das doch fantastisch, oder?