Detroit "Motor City" in der Krise

Am Wochenende beginnt in Detroit die Automesse, eines der wichtigsten Barometer für die Lage der Branche. Die Unternehmen treffen sich in einer verfallenden Stadt

Das Zentrum Detroits. In den höchsten Türmen residiert GM

Wer den dramatischen Niedergang der US-Autoindustrie mit eigenen Augen sehen will, muss nach Detroit fahren. Die Stadt im Nordosten der USA an der Grenze zu Kanada ist seit Amerikas automobilen Anfängen das Wahrzeichen der Branche. Heute spiegelt ihr erschütternder Verfall die schwere Not von General Motors (GM), Ford und Chrysler wider. Die einstigen Big Three haben alle ihren Konzernsitz in der Region.

Kommenden Sonntag beginnt hier die legendäre Detroiter Autoshow. Angesichts der weltweiten Krise der gesamten Branche und des Niedergangs der Stadt droht ihr eine Stimmung wie bei einer Totenmesse.

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Schon lange laufen Detroit die Einwohner fast so schnell davon, wie derzeit die US-Autoabsatzzahlen sinken. Seit den Boomzeiten Anfang der fünfziger Jahre mit mehr als 1,8 Millionen Bürgern schrumpfte die kurz Motown genannte Autostadt um rund die Hälfte. Auch Detroits Heimatstaat Michigan leidet mit der Branche. Er ist neben Rhode Island der einzige US-Bundesstaat mit sinkenden Einwohnerzahlen.

Mit einer Arbeitslosenquote von über zehn Prozent zählt Detroit landesweit zu den Schlusslichtern. Das Risiko, in der sterbenden Stadt ermordet zu werden, ist sechsmal so hoch wie in New York. Dass die Opferzahl zuletzt etwas fiel, nennt Bürgermeister Ken Cockrel schon "ermutigend". Die Hoffnung bleibt bis zuletzt.

Vor rund 100 Jahren startete Henry Ford hier mit der Fließband-Produktion seines liebevoll Tin Lizzy (Blechliesl) genannten Ford T eine verheißungsvolle automobile Zukunft. Heute sind viele von Detroits einstigen Fabrik-Ikonen rostige Ruinen - verfallen wie die Art-déco-Wolkenkratzer, prunkvollen Kaufhäuser, Kinos und Opernhäuser aus besseren Zeiten. Riesige Brachflächen klaffen mitten in der Stadt wie offene Wunden. Amerikas Nordosten zählt zu großen Teilen zum Rust Belt, dem Rostgürtel einer dahinschwindenden Schwerindustrie.

Mittendrin residiert die Opel-Mutter GM in ihren prunkvollen Glasfassaden-Türmen des Detroit Renaissance-Center. Hier bilanziert Amerikas größter Autobauer seit Jahren Milliardenverluste. Auch die Nummer zwei Ford ist tiefrot, laut Experten aber vom Abgrund noch etwas weiter entfernt als GM und der kleinste US-Hersteller Chrysler, an dem der deutsche Daimler-Konzern noch knapp 20 Prozent hält.

Für die US-Autobauer ist die Krise inzwischen schon Dauerzustand. In mehreren Wellen bauten sie über Jahre hinweg Hunderttausende Jobs ab. Heute arbeiten noch rund 240.000 Beschäftigte in etwa 100 Fabriken. Ein Ende der Werksschließungen ist nicht in Sicht. Gerade vermeldete GM für 2008 die schlechtesten Verkaufszahlen seit 50 Jahren. Allein im Dezember brach der Absatz bei GM und Ford um mehr als 30 Prozent ein - bei Chrysler gar um mehr als 50 Prozent.

Leser-Kommentare
    • Anonym
    • 06.01.2009 um 15:09 Uhr

    weil mir die Verelendung, besonders der schwarzen Bevölkerung, in Detroit an die Nieren geht.

    Vor einigen Wochen sah ich im Fernsehen einen ausführlichen Bericht über Detroit, den "Boom" der Suppenküchen, die Perspektivlosigkeit der Menschen, die einst Jobs in der Autoindustrie oder in davon abhängigen Dienstleistungsunternehmen hatten ... es ging mir den ganzen Abend regelrecht schlecht.

    Die Bilder erinnerten mich an eine "Geisterstadt" und an historische Aufnahmen aus der Weltwirtschaftskrise.

    Detroit war einst für viele Afro-Amerikaner, die dem extremen Rassismus in den amerikanischen Südstaaten entkommen wollten, ein Magnet. Die Stadt hatte eine blühende Jazz- und Soul-Szene (MOTOWN-Records). Das Leben unter teils unmenschlichen Arbeitsbedingungen (Lackier-Arbeiten bei FORD, ohne Schutzbrille und Atemschutz) war extrem hart, aber immerhin gab es Jobs.

    Jetzt brachen/brechen diese Jobs in großer Zahl weg. MOTOWN ist schon vor Jahrzehnten nach Los Angeles abgewandert, das als "Hitsville U.S.A." weltbekannte Gebäude am Westgrand Blv. ist ein Museum und auch sonst hat die Stadt "ihre Seele" längst verloren. Im Archiv von Detroits größter Tageszeitung der "Detroit Free Press" finden sich viele Artikel aus der "goldenen Zeit" dieser harten aber einst interessanten Stadt im Norden der U.S.A., siehe http://www.freep.com/

    Also, wie gesagt, mich läßt das Thema emotional nicht unberührt. Deshalb beende ich jetzt diesen Kommentar.

    Knüppel

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