Die Macht des Internets, das hat der amerikanische Wahlkampf zuletzt gezeigt, ist enorm gewachsen. Auch im aktuellen Gaza-Konflikt versuchen beide Seiten im Netz, die Weltöffentlichkeit von ihrer Version des blutigen Krieges zu überzeugen – zum Teil mit Schreckensbildern oder Unwahrheiten. Portale wie YouTube, flickr oder Facebook zeigen nicht nur virtuell, was sich im Gaza-Streifen und in Israel abspielt. Sie werden auch zu Werkzeugen der Propaganda.

Diese Portale, ursprünglich für den Austausch von Musikvideos, die Fachgespräche von Fotografen und Designern oder für das Wiederfinden alter Freunde erdacht, werden seit dem Beginn der israelischen Offensive von Kriegsbildern regelrecht geflutet. Sich aus dem Bilder- und Kommentardschungel ein reelles Bild des Schreckens zusammenzusuchen, ist schwierig, aber nicht immer unmöglich.

In offiziellen arabischen Medien kann man einen journalistischen Stellungs- bzw. Stellvertreterkrieg verfolgen. Die israelische Außenministerin Zipi Liwni hatte sich vor Tagen erst über die sehr einseitige Berichterstattung des arabischen Nachrichtensenders Al-Dschasira beklagt. Die israelische Gegenoffensive ist nicht minder propagandistisch. Gibt man bei den einzelnen Suchmaschinen Wörter wie "Gaza" oder "Israel" ein, finden sich Hunderte solcher vermeintlicher israelischer Kriegsberichte. Sie sollen die Zerstörung von Hamas-Tunnelsystemen, Waffenlagern und Raketen zeigen. Der Beweis fehlt oft.

Hatte YouTube in der vergangenen Woche noch Kriegsvideos, die gezielt vom israelischen Verteidigungsministerium dort veröffentlicht wurden, aus dem Netz genommen, so geschieht das inzwischen nicht mehr. Videos, die von Millionen von Nutzern in aller Welt angeklickt werden, zeigen etwa den gezielten Beschuss eines Transporters, den palästinensische Kämpfer gerade mit Grad-Raketen beladen. Wie die israelische Menschenrechtsorganisation Betselem nun berichtete, handelte es sich bei den vermeintlichen Raketen um Sauerstoffflaschen, bei den Terroristen um einfache Zivilisten, die ihr Hab und Gut in Sicherheit bringen wollten. Der Angriff tötete acht Menschen.

Die Organisation versucht, die ganze Bandbreite des Konflikts möglichst ohne propagandistische Zwischentöne zu zeigen. Betselem ist laut eigener Aussage noch über Telefon in Kontakt mit einigen Mitarbeitern direkt in der Kampfzone und versucht, "die Informationen nach besten Möglichkeiten wahrheitsgetreu weiterzugeben."

Manche arabische Zeitungen sind in ihren Aussagen überraschend offen - keine Sympathie mit Hamas, der israelische Angriff aber widerspreche allen Menschenrechten, sei "brutal und bestialisch" und "eine Art Genozid", wie Diana Mukkaled für asharq alawsat schreibt. Hatte "Hamas sich wirklich überraschen lassen?" von den Angriffen, fragt sich Abdul Rahman Al-Rashed allerdings auf derselben Seite.

Die liberale israelische Zeitung Haaretzberichtet vom Wunsch der israelischen Verantwortlichen, ausländische Journalisten so nah wie möglich an ihrer Seite zu haben, um "Imagearbeit" betreiben zu können. Die eher konservative Jerusalem Post übernahm hingegen einen Bericht von einer angeblichen Entführung israelischer Soldaten in einem Tunnelsystem. Im Nachhinein hatte sich diese jedoch als Unwahrheit herausgestellt. Wer den Bericht zuerst veröffentlicht hat, ist unklar - sowohl die israelische Seite, als auch Hamas zogen ihre Vorteile aus dieser Meldung.

Aber auch in Diskussionsforen werden Unwahrheiten verbreitet und Meinungen gezielt beeinflusst. Eine Pressesprecherin des israelischen Verteidigungsministeriums sagte dazu, man betrachte das Internet ebenso als Kriegsgebiet – dort finde die "Schlacht um die öffentliche Meinung" statt. Seit dem 29. Dezember hat die israelische Armee ihren eigenen YouTube-Channel. Die israelische Botschaft in New York sendet darüber hinaus aus einem Twitter-"Pressezentrum".