Gaza-Krieg Viele Tote nach Angriff auf UN-Schule
Beim bislang folgenschwersten Angriff seit Beginn der Militäroffensive Israels sind nach palästinensischen Angaben mindestens 46 Menschen vor einer Schule getötet worden. Israels Armee rückte zudem in Khan Younis ein, der zweitgrößten Stadt im Gaza-Streifen

© MOHAMMED ABED/AFP/Getty Images
Dschabalija im Norden des Gaza-Streifens: Palästinenser fliehen vor den Kämpfen zwischen Hamas und Israel. Am Dienstag schlugen israelische Geschosse vor eine Schule ein und töteten Dutzende Menschen
Wie die Gesundheitsbehörde am Dienstag in Gaza weiter mitteilte, wurden mehr als 150 weitere Menschen verletzt. Nach Augenzeugenberichten hatten sich die Opfer außerhalb einer UN-Schule im Flüchtlingslager Dschabalija auf einem Spielplatz aufgehalten, als Raketen und Panzergranaten explodiert seien. Die israelische Armee prüft nach Angaben einer Sprecherin die Berichte.
In der Schule des UN-Hilfswerks für Palästinaflüchtlinge (UNRWA) in dem Flüchtlingslager im nördlichen Gaza-Streifen hatten sich nach Angaben einer UN-Mitarbeiterin zwischen 800 und 1000 Menschen in Sicherheit gebracht. Die israelische Armee sei informiert gewesen, dass in einigen UN-Schulen Familien untergebracht worden seien, deren Häuser zerstört worden waren, sagte der Sprecher der Gesundheitsbehörde. Außerdem habe auf dem Dach eine blaue Fahne der UNRWA geweht.
Nach Augenzeugenzeugenberichten wurde die Schule von Kampfflugzeugen und Panzern angegriffen, nachdem militante Palästinenser aus einem an die Schule grenzenden Gebiet mit Mörsergranaten auf israelische Truppen geschossen hatten. Granatsplitter hätten Löcher in Klassenzimmer gerissen. Schuhe und Kleidungsstücke lägen auf dem Boden verstreut. Überall gebe es Blutlachen. Fenster seien zersplittert.
Nach Angaben der Gesundheitsbehörde handelt es sich um die vierte Schule, die von der israelischen Armee in den vergangenen Tagen angegriffen worden ist. Nach dem bislang tödlichsten Angriff sei die Zahl der palästinensischen Todesopfer seit Beginn der Offensive am 27. Dezember auf über 600 gestiegen. Weitere 2600 Menschen seien verletzt worden.
Israels Armee rückt in Khan Younis ein
Nach Informationen der BBC rückten Bodentruppen in Khan Younis, der zweitgrößten Stadt Gazas im Süden des Landes ein. Bereits in der vergangenen Nacht hatten Augenzeugen von heftigen Gefechten in Wohngebieten am Rande von Gaza-Stadt berichtet. Mehrere Wohnhäuser von Palästinensern seien zerstört worden.
Bei den fortgesetzten israelischen Luftangriffen in der Stadt Gaza wurden nach palästinensischen Angaben mindestens zwölf Mitglieder einer Familie getötet. Zudem seien drei Palästinenser bei einem Luftangriff in einer Schule der Vereinten Nationen (UN) getötet worden. Hunderte von Palästinensern hätten nach heftigen Kämpfen zwischen israelischen Soldaten und Hamas-Kämpfern im nördlichen Gaza-Streifen Zuflucht in der Schule gesucht, sagten Mediziner und UN-Vertreter.
Auf israelischer Seite starben binnen weniger Stunden vier Soldaten, drei von ihnen wurden von eigenen Truppen versehentlich getötet. Israelische Medien berichteten am Dienstag unter Berufung auf Armeeangaben, dass bei den Kämpfen allein am Montag 100 Palästinenser getötet worden seien. Israel lehnt einen Waffenstillstand weiterhin ab, solange Hamas die Möglichkeit zur Wiederbewaffnung habe.
Schwieriger Zugang zu Nahrungsmitteln
Die Vereinten Nationen berichten, Zivilisten in Gaza hätten zunehmend Schwierigkeiten mit dem Zugang zu Nahrungsmitteln. Mitarbeiter des Welternährungsprogramms (WFP) könnten durch fehlenden Zugang zu den Lagerhäusern nur schwer Nahrungsmittel verteilen.
Das Hauptlagerhaus des WFP in der Nähe des Grenzübergangs Karni könne nicht erreicht werden, heißt es, zudem warteten 150 Lastwagen mit 4500 Tonnen an Nahrungsmitteln am Grenzübergang Kerem Shalom. Die israelische Seite des Übergangs ist offen, jedoch gebe es auf der Gaza-Seite nur begrenzte Kapazitäten zur Aufnahme von Nahrungsmittelhilfe. Gabelstapler- und Lastwagenfahrer waren aufgrund der Sicherheitslage nicht bereit zu arbeiten.
Die EU will mit einem eigenen Koordinator in Israel künftig Hilfslieferungen für den Gaza-Streifen steuern. Der israelische Ministerpräsident Ehud Olmert habe ihr zugesichert, dies zu ermöglichen, sagte EU-Außenkommissarin Benita Ferrero-Waldner im RBB-Inforadio. Der Koordinator der EU solle eng mit der israelischen Armee zusammenarbeiten.
Papst Benedikt XVI. hat indes in einer Messe zum Fest der Heiligen Drei Könige erneut seine Besorgnis über die "brutalen Zusammenstöße" im Gaza-Streifen Ausdruck verliehen. "Gott möge den Einsatz der Vermittler für den Frieden unterstützen", sagte der Papst am Dienstag nach dem traditionellen Angelus-Gebet.
Lösungssuche auf UN-Ebene
Nachdem die EU gestern mit ihrem Vorstoß, UN-Beobachter nach Gaza zu entsenden, gescheitert war, versucht die Weltgemeinschaft nun, diplomatische Fortschritte auf UN-Ebene zu erreichen. Frankreich bemühte sich um eine Waffenruhe im Gaza-Streifen und arbeitete Diplomaten zufolge an einer Resolution für den UN-Sicherheitsrat. "Wir werden unser Bestes tun, um so rasch wie möglich eine Resolution zu bekommen", sagte der französische UN-Botschafter Jean-Maurice Ripert, der derzeit Präsident des Sicherheitsrates ist.
Für Dienstag ist in New York eine Sondersitzung des Rates geplant, an der der französische Außenminister Bernard Kouchner, sein britischer Kollege David Miliband sowie weitere westliche und arabische Politiker teilnehmen. Auch Palästinenserpräsident Mahmud Abbas wird zu Gesprächen in New York erwartet.
Die israelische UN-Botschafterin Gabriela Schalev erklärte, ein Ende des Raketenbeschusses durch Hamas sei Voraussetzung für eine Waffenruhe. Zudem dürften Israel und Hamas nicht als gleichwertige Partner behandelt werden.
Auch die arabischen Länder versuchen offenbar, den Weltsicherheitsrat zu einer Erklärung zu bewegen, in der eine sofortige und nachhaltige Waffenruhe im Gaza-Streifen und deren Überwachung durch internationale Kräfte gefordert wird. In Einzelgesprächen unterbreitete die Arabische Liga UN-Generalsekretär Ban Ki Moon und Vertretern des höchsten UN-Gremiums entsprechende Vorschläge.
- Datum 07.05.2009 - 13:50 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
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