Die Zahl der zivilen Opfer in Gaza nimmt nach Angaben eines norwegischen Arztes dramatisch zu: "Wir amputieren am laufenden Band. Die Korridore sind voll mit Verstümmelten", sagte Mads Gilbert, der Süddeutschen Zeitung und dem Tagesspiegel in einem Telefoninterview.

Der Narkosearzt, der im Schifa-Hospital in Gaza-Stadt hilft, sagte in dem am Dienstag veröffentlichten Interview, bisher seien 117 Kinder getötet und 744 verletzt worden. Israelische Truppen hatten am Samstagabend eine Bodenoffensive im Gazastreifen begonnen.

Gilbert, der als Professor an der Universität von Tromso arbeitet, und sein Landsmann, der Chirurg Erik Sosse, sind laut dem Bericht die einzigen westlichen Mediziner, die derzeit im Gazastreifen sind. Nach Angaben Gilberts treffen israelische Angriffe auch Sanitäter und Krankenhäuser. "Heute sind zwei Ambulanzen getroffen worden. Zwei Pfleger wurden getötet, sie wurden gezielt angegriffen", sagte er.

Der Arzt stellte die Lage im Schifa-Hospital, mit 590 Betten das größte Krankenhaus im Gazastreifen, als dramatisch und sich rapide verschlechternd dar. Es sei eine Moschee nahe der Klinik bombardiert worden. Alle Scheiben des Krankenhauses seien zerstört worden. "Er sind im Moment sieben Grad Celsius draußen, alle Patienten frieren", sagte er.

Gilbert konnte laut dem Bericht am Neujahrstag über den ägyptischen Grenzübergang in Rafah nach Gaza einreisen, nachdem die norwegische Regierung sehr großen diplomatischen Druck auf die ägyptische Führung ausgeübt hatte. Die ägyptische Regierung lässt derzeit weder Helfer noch Journalisten in den Gaza-Streifen einreisen.

"Dann sind wir wenigstens unser elendes Leben los"

Auch das Rote Kreuz warnte, dass besonders für Krankentransporte die Gefahr bestehe, während des Einsatzes angeschossen zu werden. Der Transport von Schwerverletzten nach Ägypten, so berichtet die Büroleiterin des Internationalen Roten Kreuzes, funktioniere dagegen zumindest zeitweilig.

Vor den Bäckereien in Gaza-Stadt haben sich Berichten der Nachrichtenagentur Reuters zufolge lange Schlangen gebildet. Viele der mehreren hundert Palästinenser warteten schon seit dem frühen Morgen auf Brot. "Ich bin schon seit drei Stunden hier und werde noch länger warten müssen", wird Abu Othman, Vater von sieben Kindern, zitiert. "Vielleicht trifft uns eine Rakete. Dann sind wir wenigstens unser elendes Leben los."

Er empfinde zunehmend Sympathie für die radikal-islamische Hamas und deren Raketenangriffe auf Israel, so der Bericht weiter. "Ich habe die Raketen immer verurteilt. Jetzt sehe ich das nicht mehr so kritisch." Nun wünsche er sich auch, dass in Israel Busse in Luft gejagt würden.

Das UN-Welternährungsprogramm (WFP) erklärte, dass etwa 1.400 Tonnen Nahrungsmittel, die sich in Lagerhäusern in Gaza befänden, nicht erreicht werden könnten. Diese Menge würden ausreichen, um knapp 100.000 Menschen einen Monat lang zu ernähren.


Nach Angaben der israelischen Menschenrechtsorganisation B’Tselem wurden bislang mindestens 415 Menschen seit Beginn der Kampfhandlungen getötet, 65 davon Kinder. Von den 81 seit Beginn der Bodenoffensive getöteten Menschen seien mehr als die Hälfte nicht in Kämpfe involviert gewesen. Palästinensische Ärzte berichten von mehr als 540 getöteten Palästinensern seit dem 27. Dezember.