Ganz selten passiert es Autoren, dass aus ihrem ersten Werk ein ganzer Zyklus entsteht, der es erlaubt, Charaktere über Jahre hinweg zu formen, sie dick, weise, faltig werden oder auch sterben zu lassen. Ein narratives Gewebe zu entwerfen und trotzdem neue Ufer anzusteuern. Denn wer hat schon die Kraft, stets dieselbe Geschichte weiterzutreiben. Selbst Harry Potter ist tot.

Die Brüder Gilbert und Jaime Hernandez gehören zu den Superhelden der amerikanischen Comic-Buch-Szene. Seit fast 30 Jahren füllen sie alle paar Monate die Seiten ihrer Love&Rockets-Heftchen. In Bild und Text erschaffen sie ein Abbild des popkulturellen Amerikas.

Während Gilbert sich durch den fiktiven mexikanischen Ort Palomar zeichnet und schreibt, inszeniert Jaime seinen vielschichtigen Kosmos in den Vororten von Los Angeles im Nischenmilieu des Hispanopunks. Zwei Welten, die nur selten ineinandergreifen, die jedoch eine gemeinsame Komponente haben: Sie werden von der ersten Seite weg von Frauen dominiert.

Palomar ist die Wahlheimat von Luba, Badefrau, Filmvorführerin und später Bürgermeisterin des Ortes. Rund um ihre Familie, Liebhaber und Konkurrentinnen konstruiert Gilbert eine Dorfgemeinschaft, human und doch durchdrungen von Katastrophen und Vorurteilen. Anfangs mit deutlichen Parallelen zu Garcia Marquez' fiktivem Ort Macondo und dem magischen Realismus verhaftet, schöpft Gilbert zunehmend die Möglichkeiten der Verbindung von Text und Bild aus und choreografiert so ein stets komplexer werdendes zwischenmenschliches Zusammenspiel.

Luba mutiert vom naiven Sexsymbol Palomars zum selbstbewussten Oberhaupt des Ortes. Die Imbissverkäuferin und Dorfhure Tonantzin wird zur politischen Märtyrerin, Chelo entwickelt sich von der indifferenten Geburtshelferin Palomars zur resoluten Gesetzeshüterin. Und die Männer? Sie sind meist Typen, die leicht betrunken den Leidenschaften ihres Lebens nachgaffen und ihr Heil in mannesharten Ritualen suchen.

Palomar selbst ist der eigentliche Protagonist von Gilberts Epos. Dort verflechten sich Küsse und Morde, Affären und plötzlich auftretende Gewalt. In den stärksten Teilen des Comics kämpft das Matriarchat Palomars mit Epidemien und Massenmördern, mit dem unaufhaltsamen Eindringen der Außenwelt in die ohnehin vertrackten Strukturen der Gemeinschaft. Die magische Seite Palomars bekommt eine dunkle realistische Färbung. Dass es danach kein ursprüngliches Palomar mehr geben kann, weiß natürlich auch Hernandez. Also verlassen er und seine Protagonistinnen das fiktive Dorf, dorthin, wo die Hoffnung auf ein neues Leben so viele Mexikaner hintreibt: über die Grenze, in die USA.