Britische Jugend Vorhut der uneinsichtigen Massen

In Großbritannien trifft eine medienwirksame jugendliche Protestkultur auf ein wachsendes akademisches Proletariat. Teil 6 unserer Jugendserie

Eine eher friedliche Protestvariante in London: Schuhe werfen gegen den Gaza-Krieg vor Whitehall

Eine eher friedliche Protestvariante in London: Schuhe werfen gegen den Gaza-Krieg vor Whitehall

Zehntausende Demonstranten zogen am vergangenen Wochenende durch die Straßen Londons und anderer britischer Städte, um gegen die israelische Militäraktion in Gaza zu protestieren. Seither gibt es jeden Abend vor der israelischen Botschaft Proteste, die häufig in Krawalle ausarten. Das stärkste Kontingent unter den Demonstranten stellten junge Muslime und Anhänger der trotzkistischen Socialist Workers Party, einer Splitterpartei, die ein Bündnis mit islamistischen Gruppen einging, weil sie in denen die einzig wirkungsvolle Kraft sieht, die den verhassten Globalkapitalismus zu Fall bringen kann.

Daneben zogen viele junge Leute protestierend durch die Straßen, Studenten, Schüler, dazu noch Prominente aus dem Pop- und Kulturbetrieb. Die Sängerin Annie Lennox etwa bemühte sich in diversen Interviews, den humanitären Charakter des Protestes herauszustreichen. Er sei nicht einseitig gegen Israel gerichtet, es gehe um die vielen unschuldigen zivilen Opfer der Kämpfe mit Hamas. Doch der militante, antiisraelische Charakter der Demonstrationen war nicht zu übersehen.

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Kurz vor Weihnachten hatte ein anderer, ebenfalls mehrheitlich jugendlicher Protest für Schlagzeilen wie empfindliche Störungen des Flugverkehrs gesorgt. Den Aktivisten der Umweltgruppe Plane Stupid - sie wendet sich gegen den Ausbau des Luftverkehrs - war es gelungen, in den sicherheitsempfindlichen Bereich des Londoner Flughafens Stanstedt vorzudringen und den Flugverkehr für einige Zeit lahmzulegen. Mehr als 50 Flüge fielen aus. Beflügelt von diesem Erfolg planen Mitglieder einer verwandten Gruppe namens Climate Rush vergleichbare Aktionen gegen den Flughafen London Heathrow. Ihr Motto: "Jetzt handeln, um die Welt zu retten".

Ein dritter Protest hatte zur gleichen Zeit seinen gerichtlichen Abschluss gefunden. Tierversuchsgegner von der Gruppe Stop Huntingdon Animal Cruelty hatten sechs Jahre lang eine Kampagne samt Telefonterror, Todesdrohungen, Paketen mit Sprengsätzen und anonymen Verleumdungen gegen das Unternehmen Huntingdon Life Sciences und dessen Angestellte geführt, um auf diese Weise gegen Tierversuche zu protestieren und die Schließung einer der größten Forschungsstätten der Welt zu erzwingen. Nun drohen den zumeist jungen Leuten – viele von ihnen sind Mitglieder der als terroristisch eingestuften Organisation Animal Liberation Front – wegen Verschwörung und Erpressung Haftstrafen bis zu 14 Jahren.

Alle drei Proteste weisen Gemeinsamkeiten auf. Da ist zunächst der hohe Anteil der Studierenden, die sich zu Protesten oder direkter Aktion entschlossen; des Weiteren die Konzentration auf nur ein Thema, das wohlbekannte Phänomen des single issue , zu dessen Anwalt man sich macht. Schließlich ist in allen Fällen ein hohes Maß an Selbstgerechtigkeit im Spiel. Die Ökokrieger fühlen sich berufen, die Welt zu retten – ob die Welt von ihnen gerettet werden will oder nicht. Nicht nur sind sie überzeugt von der Dringlichkeit ihrer Tat. Auch andere Protest-Aktivisten verstehen sich als Elite, als Vorhut für die törichten, uneinsichtigen Massen, die nicht ihre Weitsicht besitzen.

Jugendliche Protestbewegungen entspringen oft hehren, idealistischen Motiven; zugleich mangelt es ihnen oft an Realitätssinn. Die Welt ist schwarz oder weiß, gut oder böse. Grautöne und Schattierungen werden ignoriert. Es fehlt das Verständnis für die Komplexität vieler Probleme, die Lösungen oft unendlich schwierig machen. Der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern liefert in dieser Hinsicht deprimierenden Anschauungsunterricht.

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