Die Mitteilung, die am Nachmittag per Mail aus dem Hause Merckle kam, war knapp, ließ aber keinen Interpretationsspielraum. "Adolf Merckle hat für seine Familie und seine Firmen gelebt und gearbeitet. Die durch die Finanzkrise verursachte wirtschaftliche Notlage seiner Firmen und die damit verbundenen Unsicherheiten der letzten Wochen sowie die Ohnmacht, nicht mehr handeln zu können, haben den leidenschaftlichen Familienunternehmer gebrochen." Deswegen, so schloss die Mitteilung, habe der 74-jährige "sein Leben beendet".

Erste Meldungen von einem Selbstmord wurden damit bestätigt. Demnach hat sich Merckle bereits am Montagabend in der Nähe seines Wohnortes Blaubeuren bei Ulm vor einen Zug geworfen.

Mit Merckles Freitod nahm eine stolze Unternehmerkarriere, die in Deutschland ihresgleichen suchte, ein völlig unerwartetes, tragisches Ende. Adolf Merckle war ein Patriarch alter Schule. Der schwäbische Großunternehmer mit Dresdner Wurzeln gebot über ein Konglomerat von Firmen mit einem geschätzten Gesamtumsatz von 30 Milliarden Euro und rund 100.000 Mitarbeitern.

Dazu gehören neben dem Arzneimittelhersteller Ratiopharm, den er aus einem kleinen Familienbetrieb aufgebaut hatte, und dem Baustoffriesen HeidelbergCement auch der größte Pharmagroßhändler Deutschlands, Phoenix, sowie der Pistenraupenhersteller Kässbohrer. Als Perle in seinem Portfolio galt die Mehrheitsbeteiligung an der Mepha-Gruppe, dem größten Schweizer Generikaproduzenten.

Schließlich zählen zu dem Firmenreich, das sich Merckle über die Jahre zusammengekauft und -getrickst hatte, Unternehmen mit originellen Namen wie die Kötitzer Ledertuch- und Wachstuch-Werke im einstigen Steuerparadies Nordfriedrichskoog, die nicht mehr operativ tätig sind und ihm als Plattform für Wertpapiergeschäfte dienen. Denn das Zocken am Aktienmarkt war, neben dem Steuersparen und Firmen-Sammeln, seit jeher die Leidenschaft des Seniors, der als Muster von Redlichkeit und persönlicher Bescheidenheit galt, als christlich motivierter Vorzeigeunternehmer, dem sein Erfolg nicht zu Kopfe gestiegen ist.