ZEIT ONLINE:Israel bombardiert den Gaza-Streifen und ist dort mit Panzern und großen Truppenverbänden einmarschiert. Die radikal-islamische Hamas wehrt sich mit selbstgebauten Raketen und im Häuserkampf. Ist das eine neue Form des bewaffneten Konflikts?

Herfried Münkler: Ja, das ist eindeutig eine Auseinandersetzung vom Typ "neuer Krieg". Hier kämpfen zwei strukturell unterschiedliche Konfliktparteien gegeneinander. Die eine Seite tritt mit modernster Kriegstechnik an, die andere Seite reagiert mit der medialen Inszenierung von Opfern. Hamas kämpft um die Meinung der Weltöffentlichkeit und versucht, die globale Aufmerksamkeit als Defensivwaffe gegen Israel zu nutzen. Die Israelis dagegen sind militärisch unendlich überlegen. Sie kontrollieren den Luftraum über dem Gaza-Streifen und sind in der Lage, jedes Ziel nach Belieben anzugreifen.

ZEIT ONLINE: Steht in diesem asymmetrischen Kampf um die Meinung der Weltöffentlichkeit Israel schon als Verlierer fest?

Münkler: Den Krieg der Bilder können die Israelis nur verlieren. Irgendwann dominieren die Bilder von verwundeten, leidenden palästinensischen Kindern alle anderen Eindrücke aus diesem Krieg und beherrschen unsere Vorstellung.

ZEIT ONLINE: Was bedeutet das für den Kriegsverlauf?

Münkler: Israel könnte nur wenig Zeit bleiben, bis die Stimmung weltweit kippt – auch in den USA. Wenn die Kämpfe im Gaza-Streifen weltweit massiv kritisiert werden, bleibt den Israelis nur noch der Rückzug. Israel befindet sich von Anfang an in der Rolle des Goliaths. Die andere Seite, die Palästinenser, sind automatisch David. Das hat schon Yassir Arafat politisch genutzt, als bei der ersten Intifada palästinensische Kinder israelische Soldaten mit Steinschleudern angriffen.

ZEIT ONLINE: Eine klassische Entscheidungsschlacht wird es in diesem Konflikt nicht geben. Sehen Sie eine Möglichkeit, wie ein solcher Konflikt militärisch gewonnen werden kann?

Münkler: Die militärische Überlegenheit der Israelis ist deutlich. Sie können mit ihren Hightech-Waffen Ziele recht genau angreifen, im Gegensatz zur Hamas mit ihren Kassam-Raketen. Doch der militärische Sieg war schon immer daran gekoppelt, dass er auch politisch umgesetzt werden muss. Eine militärische Schwächung von Hamas, das Verhindern von Raketenangriffen auf Israel wäre bereits ein Erfolg. Oder wenn Hamas an politischem Einfluss verliert, weil die Bevölkerung im Gaza-Streifen erkennt, dass mit der aktuellen Regierung und ihrer aggressiven Politik immer wieder Gegenschläge Israels und neue Gewalt verbunden sind.

ZEIT ONLINE: Halten Sie einen dauerhaften Erfolg der Operation "Gegossenes Blei" für möglich?

Münkler: Eine militärische Schwächung von Hamas lässt sich schon jetzt feststellen. Entscheidend ist jedoch, wie sich das auf die Bevölkerung im Gaza-Streifen auswirkt. Ob die Menschen eher hinter Hamas stehen werden und gemeinsam gegen die Israelis kämpfen wollen, oder ob die Sympathie für die radikal-islamische Organisation sinkt und Alternativen gesucht werden, lässt sich momentan nicht prognostizieren.